Rems-Murr-Kreis Einsamkeit: Ich bin so allein

Symbolbild. Foto: Pixabay License

Rems-Murr-Kreis.
„Wenn dich alles verlassen hat, kommt das Alleinsein. Wenn du alles verlassen hast, kommt die Einsamkeit.“

(Musikprojekt „Schiller“, Christopher von Deylen.)

Einsamkeit schmerzt dann am meisten, wenn man unter Menschen ist, aber keine Verbindung zu spüren ist, kein Gespräch entsteht, nur ein Wortwechsel, kein Zuhören, keine Aufmerksamkeit.

Zuhörer trifft man bei der Telefonseelsorge. Dort rufen einzelne Menschen jede Woche an, immer zur gleichen Zeit. „Das ist okay“, sagt Astrid Fischer, Sprecherin der Telefonseelsorge in Bonn.

„Es betrifft alle Altersgruppen“

Die meisten sprechen es nicht offen aus am Telefon: „Ich bin einsam.“ Die Tochter melde sich nie, heißt es stattdessen. Oder jemand erzählt von einem üblen Streit mit dem Nachbarn. Konkret von Einsamkeit gesprochen haben 2018 genau 39 728 Anrufer bei der Telefonseelsorge: So genau führt man dort Statistik.

„Es betrifft alle Altersgruppen“, sagt Astrid Fischer. „Unsere Gesellschaft wandelt sich. Wir haben viel mehr Einzelhaushalte als in den 80er Jahren.“ Junge Menschen ziehen weg nach der Schule, starten ins Studium fern der Heimat – und finden sich in einem Hörsaal unter Hunderten wieder, die alle Whatsapp nutzen, aber nie mit am Küchentisch sitzen.

Dann die Scham. Du hast keine Freunde? Wird schon Gründe haben, nicht wahr.

Der Sonntag ist das Hauptproblem

Dass man bei der Telefonseelsorge keinen Namen nennen muss, keinen Wohnort, nichts – das erleichtert die Sache ungemein. Man kann einfach sagen, was ist, und es hört eine(r) zu. Unvoreingenommen. „Ja, dann melden Sie sich halt beim Sportverein an“ – nein, eben grade so nicht.

An den Wochenenden nützt der Sportverein nicht viel. Der Sonntag ist das Hauptproblem. Sonntags sieht man Pärchen spazieren gehen, Familien mit Kindern auf Wanderwegen, Jugendliche chillend im Park. Der „Treff für Lebensfreu(n)de“ in Schorndorf findet auch nicht sonntags statt. Aber man kann dort Leute finden, die sonntags drauf Zeit haben.

Ursula Hartmann, die Erfinderin des Schorndorfer Treffs (siehe Infobox), möchte Menschen ansprechen, die neu nach Schorndorf gezogen sind, Alteingesessene, Jüngere, Ältere, Männer, Frauen – alle, die Kontakt suchen, so ganz real, mit In-die-Augen-Schauen. „Wir waren schon erfolgreich“, erzählt die Schorndorferin, denn es hat sich bereits aus dem Lebensfreu(n)de-Treff heraus ein Stammtisch gebildet. Leute kommen außerhalb des Treffs zum Kaffeetrinken zusammen, „und es werden auch Tanzpartner gesucht“.

Der erste Schritt ist der schwerste

Wer neu kommt zum Treff – und jeder kann einfach kommen, ohne Anmeldung, ohne alles –, kann sich auf Kärtchen eintragen mit Überschriften wie „Theater“, „Wandern“, „Literatur“ oder „Reisen“.

Der erste Schritt ist der schwerste, doch ohne den ersten Schritt folgt kein zweiter. Von allein passiert – nichts.

Mit sich selbst allein muss der Mensch nicht einsam sein. Alleinsein ist – auch – schön. Es erspart das Aufsammeln fremder Socken und mehr.

Quälendes Bewusstsein eines inneren Abstands

Was bleibt, ist die Sehnsucht. Der Autor Reinhold Schwab definiert Einsamkeit als „das quälende Bewusstsein eines inneren Abstandes zu den anderen Menschen und die damit einhergehende Sehnsucht nach Verbundenheit in befriedigenden, sinngebenden Beziehungen“. Einsamkeit kann krank machen. Wege aus der Einsamkeit zu finden, kann alles ändern, selbst dann, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht.

Ehrenamtlich Engagierte in Hospizen berichteten jüngst beim Ethik-Café in der Klinik Schillerhöhe in Gerlingen, dass Menschen im Hospiz gar nicht selten regelrecht aufblühen – „weil die Einsamkeit nicht mehr da ist“. Das Sterben muss letztlich jeder allein bewältigen, auch dann, wenn jemand am Bett sitzt.

Ein Sterbebegleiter oder Angehörige gehen nicht mit durchs Tor hindurch. „Einsamkeit ist auch etwas Existenzielles“, sagte vor diesem Hintergrund eine Hospiz-Mitarbeiterin beim Ethik-Café; „niemand kennt mich ganz.“ Sie beschrieb Einsamkeit als ein „inneres Gefühl“, das auch aus „Kindheits-Mangelerfahrungen“ heraus entstehen könne.

Furcht vor dem ersten Schritt, Furcht vor Verantwortung

Es ist mühsam und es dauert lange, die Folgen eines Mangels an Zuwendung und Liebe in den ersten Jahren zu erkennen und zu überwinden. Mich kann eh keiner leiden, ich bin es nicht wert – es sind Gedanken und Glaubenssätze wie diese, die erst recht in die Einsamkeit führen, weil andere Menschen diese Selbstverachtung spüren und auf Abstand gehen.

Umgekehrt wagen Menschen vielleicht den ersten Schritt nicht, weil sie Verantwortung fürchten: Ein Besuch beim kranken Nachbarn könnte ein unangenehmes Pflichtgefühl hervorrufen. Dann lieber kein Besuch.

„Ich schreibe der Einsamkeit auch eine gewisse Kraft zu“, diesen Gedanken brachte eine Sozialpädagogin beim Ethik-Café ein. Wer es zulassen kann und Mut aufbringt, konfrontiert sich in der Einsamkeit mit sich selbst und lernt daraus.

Bluthochdruck ist nicht das eigentliche Problem

Häufiger trifft es im Alter die Frauen. „Manche gehen zum Friseur, um endlich mal wieder berührt zu werden“, sagte eine Teilnehmerin in Gerlingen. Oder sie laufen dauernd zum Arzt. Der Bluthochdruck ist aber gar nicht das eigentliche Problem.

Die Idee der „sorgenden Gemeinschaft“ brachte der evangelische Pfarrer Manfred Baumann beim Ethik-Café ins Spiel: „Sorgende Gemeinschaft“ ist etwas, das sich beispielsweise im Ehrenamt manifestiert, oder in Wohnformen, die das Gemeinschaftliche in den Vordergrund stellen.

Unterdessen instrumentalisiert die Politik die Emotion, stilisiert Einsamkeit zu einer Art Epidemie der Zeit hoch und schürt Ängste vor den Folgen der Vereinzelung: So zumindest sehen es kritische Stimmen.

Einsamkeitsschäden seien auch Folgen politischer Entscheidungen

David Hugendick kommentierte auf Zeit online im Mai 2019, in vielen Fällen seien die „nun sogenannten Einsamkeitsschäden auch Folgen politischer Entscheidungen: entvölkerte Dörfer, Verelendung von sozialer Struktur in Innenstädten, Verdrängung an Stadtränder, Abbau von Nahverkehr auf dem Land, Deregulierung des Arbeitsmarktes“.

Dass der SPD-Gesundheits-Frontmann Karl Lauterbach gern einen Einsamkeitsbeauftragten installiert hätte, missfällt dem Autor: Zielführender wär’s, über öffentliche Begegnungsräume zu reden, über den Zustand der Pflege und den Mobilitätszwang moderner Volkswirtschaften. Ein Einsamkeitsministerium, das es in Großbritannien ernsthaft gibt, mutet für David Hugendick an „wie aus Harry Potter“.


Ein Treff für Menschen, die Kontakt suchen

Der nächste Treff „Lebensfreu(n)de“ findet am Mittwoch, 29. Januar, 18 Uhr, im Familienzentrum Schorndorf in der Karlstraße 19 statt. Die weiteren Termine 2020, die bisher feststehen: 26. Februar, 25. März.

Es ist keine Anmeldung erforderlich. Jeder, der Interesse hat am Austausch mit anderen Menschen und an neuen Kontakten, kann einfach kommen.

Ursula Hartmann vom Treff „Lebensfreu(n)de“ ist erreichbar unter der Telefonnummer 0 71 81/48 38 83 oder per Mail: Ursula.Hartm@t-online.de

Die Telefonseelsorge ist über diese Nummern zu erreichen: 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22.

Die Telefonseelsorge bietet auch Beratung per Mail oder Chat, Infos unter www.telefonseelsorge.de

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