Rems-Murr-Kreis Elf-Kilometer-Tunnel? Neue Pläne für den Nordostring

Das Tageslicht erblickt der Autofahrer nur, wenn er die Anschlüsse in Remseck, Hegnach und Waiblingen passiert. Der Abschnitt, der genau auf der Route der Waiblinger Westumfahrung verläuft, soll auch versenkt werden – ein Teil der Westumfahrung verschwände quasi von der Erdoberfläche. Foto: Architekturbüro Grub + Lejeune

Rems-Murr-Kreis.
Der Nordostring ist tot, es lebe das „Landschaftsmodell Nordostring“? Ist dieser Plan die eierlegende Wollmilchsau, der große Wurf, der Autofahrer und Naturschützer versöhnen kann? Mit einer kühnen Idee tritt Dr. Rüdiger Stihl an die Öffentlichkeit: Er wirbt für eine vierspurige Straße von der B 10/B 27 bei Kornwestheim bis zur B 14/B 29 bei Waiblingen – die aber nicht die Landschaft zerschneiden, sondern auf rund elf Kilometern Länge nahezu komplett als Tunnel verlaufen soll.


Lesen Sie hier: Tunnel-Lösung für Nordostring? Pro und Contra


Wie kommt Stihl auf die Idee?

Die Debatte um den Nordostring ist seit Jahrzehnten festgefahren. Die einen sagen: Wir ersticken im Stau, wir brauchen diese Straße! Die anderen sagen: Es ist ökologischer Wahnsinn, eine der letzten großen Freiflächen im Großraum Stuttgart auch noch zu verbauen! Die einen sagen zu den anderen: Ihr seid Verkehrsverhinderer und Spargel-Anbeter! Die anderen sagen zu den einen: Ihr seid Naturvernichter und Asphalt-Anbeter! Rüdiger Stihl will die verhärteten Fronten aufbrechen.

Könnte das die Lösung sein?

Einerseits: Der Nordostring „in offener Trassenführung zerschneidet die Landschaft“, sagt Stihl – es sei „sehr verständlich, dass viele Menschen sich dagegen wehren. Intakte Landschaften dürfen nicht der Verkehrsoptimierung zum Opfer fallen.“ Andererseits: Im Großraum Stuttgart stehe der Autofahrer pro Jahr im Schnitt 40 Stunden im Stau, der volkswirtschaftliche Schaden liege bei fast einer Milliarde Euro pro Jahr – „wir brauchen eine Entlastung“. Also was denn nun? „Die Landschaft retten“? Den Stau auflösen? Stihl will aus diesem Entweder-oder ein Sowohl-als-auch machen – „der Verkehr verschwindet in den Tunnelröhren“. Das könne ein „Modell für alle Ballungsräume Europas“ werden.

Wie ausgegoren ist der Plan?

„Um die Idee zum Tragen zu bringen, brauchen wir eine richtig gute Machbarkeitsstudie“ – das war Rüdiger Stihl früh klar. Deshalb hat er 250 000 Euro aufgetrieben bei den Firmen Bosch, Daimler, Kärcher, Lapp, Mahle, Stihl und Trumpf. Die bundesweit renommierte Münchner Planungsgesellschaft Obermeyer wurde beauftragt, ein detailliertes Konzept zu erarbeiten – es ersetze zwar keine konkrete Planung, tauge aber als „vertiefte Machbarkeitsstudie“, sagt Helmuth Ammerl vom Büro Obermeyer.

Wie sieht die Straße im Detail aus?

Siehe Grafik. Die vierspurige Straße verläuft auf fast elf Kilometern weitestgehend unterirdisch, nur ab und zu erblickt der Autofahrer das Tageslicht, wenn er die Anschluss-Stellen bei Waiblingen, Hegnach und Remseck passiert. Die Tunnel sollen teilweise in offener, teilweise in bergmännischer Bauweise angelegt werden. Offen, das heißt: Die Trasse wird nur leicht tiefergelegt und dann mit einem Grün-Deckel versehen. Bergmännisch, das heißt: Hier wird richtig ins Erdreich hineingebohrt. Der spektakulärste Abschnitt ist die Neckar-Unterquerung bei Remseck: Die Strecke soll in 30 bis 40 Metern Tiefe unter dem Fluss hindurchführen. Charmantes Detail: Der nordwärts führende Teil der Waiblinger Westumfahrung soll ebenfalls versenkt werden. Hier würde also ein etwa einen Kilometer langes Stück Straße quasi renaturiert, aus Grau würde Grün.

Was soll das kosten?

Knapp 1,2 Milliarden Euro. Macht etwa 110 Millionen Euro pro Kilometer Straße. Zum Vergleich: Der Nordostring oberirdisch wurde bisher mit gut 200 Millionen Euro ausgepreist. Es geht also etwa um eine Versechsfachung der Kosten.

Was steht dem als Nutzen entgegen?

Die Machbarkeitsstudie rechnet mit Zeiteinsparungen im Personen- wie Güterverkehr und weniger Abgas- und Lärmbelastung für die umliegenden Gemeinden. Der „Nutzen-Barwert“ sei höher als die Baukosten. Kernbotschaft: Es lohne sich.

Ist Stihls Vorgehen legitim?

Sagen jetzt schon Wirtschaftsbosse der Politik, was gebaut wird? Diese böse Frage wird sicher aufgären – der Vorwurf ist in diesem Falle aber ungerecht. Stihl hat nicht den Weg des Hinterzimmer-Gekungels gewählt – er legt eine Diskussionsgrundlage öffentlich auf den Tisch. Um „gleichen Informationsstand“ zu schaffen, habe er auch die ringkritische Initiative Arge Nordost angeschrieben. „Wir sind offen für den Dialog. Wir suchen einen konsensfähigen Weg, um die Diskussion voranzubringen.“

Entsteht hier eine Ersatz-Autobahn?

Wenn der Nordostring – egal ob ober- oder unterirdisch – kommt, kann man vierspurig von Kornwestheim über Waiblingen und Schorndorf bis Gmünd fahren; und hinter Gmünd ist der Abschnitt bis Aalen auch schon teilweise autobahnähnlich ausgebaut. So entsteht Puzzlestück um Puzzlestück eine für den Fernverkehr attraktive Alternative zu A 6 und A 8. Und dann werde die B 29 endgültig zugemüllt mit Lastwagen, sagen Kritiker. Helmuth Ammerl vom Planungsbüro Obermeyer räumt dazu sympathisch ehrlich ein: Ja, der Nordostring werde „verkehrsanziehende Wirkung haben“. Genaue Aufschlüsse könne nur eine „weitere Untersuchung“ geben.

Wird das wirklich kommen?

Falls die Politik „heute beschließen“ würde, diese Straße so zu bauen – dann, schätzt Rüdiger Stihl, würden immer noch „zehn Jahre bis zum ersten Spatenstich“ vergehen. Aber das ist graue Theorie. Erst mal müsste der Bund – zuständig für die Finanzierung – mit Brief und Siegel bestätigen: Ja, wir machen 1,2 Milliarden statt 200 Millionen locker. Dann müsste das Land – zuständig für die Planung – sagen: Ja, das packen wir jetzt gerne an. Wird es je dazu kommen? „Ich bin vorsichtig optimistisch“, sagt Rüdiger Stihl.

Wo gibt es mehr Infos?

Unter www.landschaftsmodell-nordostring.de.

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