Rems-Murr-Kreis Falschgeld und Betrug: 27-Jähriger vor Gericht

Symbolbild. Foto: Pixabay /moerschy

Rems-Murr-Kreis.
Fast zwei Stunden dauerte es, bis die Anklageschriften verlesen waren. Es geht um Falschgeld und vielfachen Betrug im Verfahren gegen einen 27-jährigen Mann aus dem Rems-Murr-Kreis, der sich seit Freitag vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten muss. Über seinen Anwalt ließ er mitteilen, die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft seien richtig „und werden vollumfänglich eingeräumt“.

Knapp vier Jahre lang hat sich der Mann demnach auf verschiedene Arten auf Kosten anderer bereichert. Der Schaden beläuft sich auf annähernd 40 000 Euro; einen Teil davon hat der Mann laut seinem Anwalt mit Hilfe seiner Eltern bereits zurückgezahlt. Seit Mitte Juni sitzt der Vater eines Kindergartenkindes in U-Haft. Die Polizei hatte ihn bei seinem Arbeitgeber, einer Vermögensberatung, abgeholt.

Mit dieser Vermögensberatung haben die Taten allerdings nichts zu tun. Vielmehr hatte der 27-Jährige, so hieß es vor Gericht, mit den Betrügereien aufgehört, als er nach zwei abgebrochenen Lehren eine Ausbildung bei diesem Unternehmen begann. Das war im Herbst vor einem Jahr.

Bereits gut drei Jahre liegen seine mutmaßlichen Taten in Zusammenhang mit Falschgeld zurück. Laut Anklageschrift hat der Mann im Darknet eine Vielzahl falscher 50-Euro-Scheine für zwölf Euro das Stück bei einem niederländischen Anbieter gekauft. Das Darknet ist ein Bereich im Internet, in welchem man sich anonym und meist spurenfrei bewegen kann. Menschenrechtler und Aktivisten in Ländern, die ihren Bürgern freien Zugang zum Internet verwehren, schätzen das Darknet sehr – aber eben auch Kriminelle.

Waren mit gefälschten Scheinen bezahlt

Die falschen 50-Euro-Noten waren offenbar gut gemacht. Jedenfalls gelang es dem Angeklagten, mit den falschen Scheinen ein Smartphone oder Computer-Zubehör zu bezahlen. Die Waren hatte er bei Ebay bestellt. Es wurden Treffpunkte für die Übergabe vereinbart; der Mann zahlte bar. Erst als die Verkäufer das Geld bei ihrer Bank einzahlen wollten, flog der Schwindel auf. Nur konnten die Geschädigten mangels Klarnamen nicht nachweisen, wer sie da eigentlich übers Ohr gehauen hatte.

Fast 300 Einzeltaten sind in einer weiteren Anklageschrift aufgelistet. Über Jahre hinweg hat der 27-Jährige laut Anklage im Internet Diverses bestellt – und die Verkäufer um den Kaufpreis betrogen. Bei Ebay täuschte er offenbar bei Anbietern Kaufinteresse vor, um an deren Bankdaten heranzukommen. Diese Daten nutzte er dann für seine Einkäufe. Die Waren ließ er sich an Packstationen liefern. Wiederum im Darknet besorgte er sich laut Anklage Postnummern-Accounts oder SIM-Kartendoubletten, mit deren Hilfe er die Transaktionen ausführte. Einen Teil der Einkäufe behielt er für sich, vieles verkaufte er weiter. Oftmals gingen die Sendungen auch zurück, da nicht zustellbar, oder eine Bestellung wurde storniert, vielleicht, weil jemand Verdacht geschöpft hatte. Die Staatsanwältin bewies einen sehr langen Atem, bis sie alle Bestellungen verlesen hatte: Notebooks, Konsolen, Tablets, Computerzubehör, Grafikkarten, Computerspiele, Besteck-Garnituren, Wasserkocher, eine Spiegelreflexkamera, Marken-Klamotten, Büstenhalter, String-Tangas, Parfüm oder Stiefel bestellte der Mann – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Es fließen Tränen: „Ich bereue“

Weshalb all die Betrügereien so lange nicht aufflogen, blieb am ersten Verhandlungstag noch offen. Für das Verfahren hat die 17. Große Strafkammer zwölf weitere Termine angesetzt.

„Ich bereue“, sagte der Mann, und als die Rede auf sein kleines Kind kam, flossen Tränen – auch in den Zuschauerrängen, wo die Mutter des Kindes neben den Eltern des Angeklagten saß. Eine gut bürgerliche Familie, geordnete Verhältnisse, beide Eltern in ehrbaren Berufen tätig: Meistens haben es die Richter mit Angeklagten zu tun, die aus ganz anderen Verhältnissen stammen.

Ob er im Grunde nur den „Großkotz“ spielen wollte?

Entsprechend sparten die Vorsitzende Richterin und ihr Kollege nicht mit deutlichen Worten: Ob es sein könne, „dass man Sie zu sehr verwöhnt hat?“ – „Warum kriegen Sie nichts auf die Kette?“ – Ob es nicht ganz einfach darum ging, auf Kosten anderer auf großem Fuß zu leben und den „Großkotz“ zu spielen?

„Mir war das Ausmaß einfach nicht bewusst“, beteuerte der Angeklagte. Er habe „alles ausgeblendet“, sei in einen „Kaufrausch“ geraten. Die U-Haft „hat alles in mir verändert“, sagte der Mann unter Tränen: „Ich würde nie mehr etwas machen. Nie mehr.“

Bisher lief es im Leben des 27-Jährigen nicht immer rund, obwohl er aus geordneten Verhältnissen stammt. Nach der Hauptschule startete er eine Lehre in einem technischen Beruf, brach sie aber ab – „weil ich zwei linke Hände habe“. Eine zweite Ausbildung, dann im kaufmännischen Bereich, führte er nicht zu Ende, weil es Differenzen gab mit einer Vorgesetzten. Sein Arbeitgeber kündigte dem jetzt Angeklagten, weil er zu oft unentschuldigt der Arbeit ferngeblieben war.

Erstes Fazit der Vorsitzenden Richterin: Hätte der Mann all die Zeit und Energie in was Sinnvolles gesteckt, könnte er längst ein erfolgreiches Leben führen.

Die Verhandlung wird am Freitag, 20. Dezember, fortgesetzt. Nach jetzigem Stand der Planung wird das Urteil am 27. Februar verkündet – aber das kann sich noch ändern.

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