Rems-Murr-Kreis Firma Föhl: Weltweit erste klimaneutrale Gießerei

Eine Gießerei ist ein Energiefresser – und lässt sich dennoch umweltschonend führen. Fotos: Schneider Foto: ZVW/Gaby Schneider

Rems-Murr-Kreis.
„Smart, green und lean“ lautet die Devise bei der Gießerei Adolf Föhl. Für Frank Kirkorowicz stehen Digitalisierung, eine klimaneutrale Produktion und schlanke, effektive Unternehmensstrukturen nicht im Gegensatz zueinander. Im Gegenteil. Ein mit geringerem Ressourceneinsatz gefertigtes Werkstück ist nicht nur schlauer, sondern hilft auch Umwelt und Klima. Ausgesprochen ärgerlich ist jedoch für den geschäftsführenden Gesellschafter, dass Föhl fürs Energiesparen und damit den Klimaschutz bestraft wird.

Weil in der Rudersberger Gießerei keine Energie mehr verschwendet wird, wird sie von der EEG-Umlage nicht befreit. Föhl zahlt seit 2014 jährlich rund eine Million Euro. Statt dass diese Umlage erneuerbare Energien, also den sparsamen Umgang mit Strom fördert, bestraft sie diesen.

Föhl wäre fein raus, wäre die Stromrechnung rund eine Viertelmillion Euro höher. Das Unternehmen würde unter die Befreiung fallen – und bares Geld sparen. Die Politik weiß über diese widersinnige Regelung Bescheid, sagt Kirkorowicz und erzählt von den Gesprächen mit dem CDU-Wahlkreisabgeordneten und Energieexperten Joachim Pfeiffer. Geändert habe sich seit Jahren aber nichts.

Gießereien sind von Natur aus Energiefresser

Der EEG-Unsinn hielt Kirkorowicz jedoch nicht ab, den Weg zu einem klimaneutralen Unternehmen weiterzuverfolgen. Eine CO2-neutrale Produktion wird nicht zuletzt durch eine schlanke, an Prozessen orientierte Fertigung erreicht, sagt der geschäftsführende Gesellschafter des Familienunternehmens. „Unser Ziel ist die ,Smart Factory’“, so Dr. Frank Kirkorowicz.

Auf den Weg zur weltweit ersten klimaneutralen Gießerei hat sich Föhl aber nicht erst seit Greta Thunberg gemacht, die mit „Fridays for Future“ der Klimadebatte richtig einheizt. Dass sich ausgerechnet eine energieintensive Gießerei wie Föhl in die gerade einmal ein paar Firmen umfassende Liste an klimaneutralen Unternehmen im Kreis einreiht, ist verblüffend genug.

Schließlich sind Gießereien von Natur aus Energiefresser. Metall und Kunststoffe müssen erst einmal erhitzt und geschmolzen werden, um in Druckgießmaschinen zu Werkstücken gepresst zu werden. Rund fünf Millionen Stück verlassen täglich die vier Föhlwerke in Rudersberg, Schorndorf und China.

Beschäftigte werden zu Energiescouts ausgebildet

Vor über zwei Jahrzehnten hat sich Föhl auf den Weg gemacht, zu einem umweltfreundlichen Unternehmen zu werden. 1996 war von Klimawandel und -katastrophe noch keine Rede. Gleichwohl ließ Föhl sein Umweltmanagementsystem erstmals nach dem Öko-Audit EMAS zertifizieren und veröffentlicht seither jährlich Umwelterklärungen.

1999 baute Föhl in Michelau die energieeffizienteste Gießerei Europas, der auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder einen Besuch abstattete, um die Integration von Umweltschutz in die Produktion zu loben.

2016 entwickelte Föhl ein neues Gießverfahren, „Heißkanal“ genannt. „Hier sparen wir im Vergleich zum konventionellen Zinkdruckgussprozess bis zu 50 Prozent Energie und große Mengen Material ein“, sagt Kirkorowicz.

Seit 2017 werden Energiescouts ausgebildet und die Mitarbeiter in Sachen Klima und Umwelt sensibilisiert. Mit der Digitalisierung, die Föhl mit Hochdruck vorantreibt, werden zudem auch Ressourcen eingespart. Papier, so der Wille von Kirkorowicz, soll’s in der Produktion keins mehr geben.

Föhl versteht grüne Denke auch als Innovationstreiber

Zuständig für Energie und Umwelt ist seit dem Jahr 2017 der Verfahrensingenieur Andreas Eigner. Er weist auf die vom Unternehmen selbst entwickelte Beschichtungstechnik hin, „Föhlan“ genannt. Sie ersetzt die branchenübliche und sehr umweltproblematische Galvanik und spare 70 Prozent Energie und 90 Prozent Material. Föhl setzt die Technik bereits bei Dachantennen für Autos ein. Sowohl in einem Werk in Rudersberg wie auch in China. Insofern versteht Föhl grüne Denke auch als Innovationstreiber.

Ob die Kunden, die zu mehr als zwei Dritteln aus der Automobilindustrie und ihren Zulieferern kommen, Föhls Klimaneutralität honorieren, ist unsicher. Sie könnte sich in Zukunft aber durchaus zu einem Wettbewerbsvorteil entwickeln, wenn Unternehmen in ihren Klimabilanzen auch die Lieferketten berücksichtigen müssen, sagt Kirkorowicz.

Derzeit ist der Chef aber eher noch ein Überzeugungstäter in Sachen Umwelt. „Ich habe eine moralische und ethische Verpflichtung, bei der Produktion die Umwelt möglichst wenig zu belasten.“

Licht ausschalten, bewusst mit Abfällen umgehen

Ohne die Mitarbeiter, weiß er, läuft nichts. Was damit anfängt, dass die Mitarbeiter als Letzte in der Werkstatt das Licht ausschalten, bis hin zum bewussten Umgang mit Abfällen.

Beim Zinkdruckguss, der Spezialität von Föhl, sieht sich das Unternehmen für die Zukunft gewappnet. „Die Elektromobilität ist für uns eine Chance“, ist sich Kirkorowicz sicher. Sie werde Föhl neue Aufträge bescheren. Denn Zink sei der ideale Werkstoff im Auto der Zukunft. Sei’s für Elektromotoren, die Elektronik in den Fahrzeugen und nicht zuletzt für Batterien.

Aktuell hingegen befindet sich die Gießerei im Strudel des Umbruchs in der Automobilindustrie. Zwar habe Föhl 2018 einen Auftragseingang wie noch nie zuvor verzeichnet. Doch viele Kunden warten derzeit ab, zögern mit der Auftragsvergabe oder sagen den Auftrag ganz ab. Das hat sich in der Bilanz niedergeschlagen. Der Umsatz sank um 2019 gegenüber dem Vorjahr zweistellig, liege aber immer noch über 100 Millionen Euro in der Gruppe.

Pläne für Kurzarbeit in der Schublade

Nachdem ein Teil der Belegschaft – Föhl beschäftigt in den drei Werken in Michelau, Necklinsberg und Haubersbronn rund 400 Mitarbeiter – schon im Vorjahr drei Monate kurzarbeiten musste, liegen auch heuer Pläne für Kurzarbeit in der Schublade. Ganz abgesehen von der Lage in China, wo Föhl in seinem Werk bei Shanghai 300 Mitarbeiter beschäftigt. Wegen des Coronavirus ist die Fabrik bis auf weiteres geschlossen.

Die Lage in China macht Kirkorowicz Sorgen, nicht zuletzt weil sein Bruder Jochen mit seiner Familie dort lebt und das Werk leitet.


Das Unternehmen

Von „Wertschöpfung durch Wertschätzung“ schreibt das Unternehmen Föhl in seinem Leitbild: „Wir glauben, dass eine materielle Wertschöpfung ohne immaterielle Wertschätzung langfristig nicht denkbar ist. Erst entgegengebrachte Wertschätzung macht das Arbeitsverhältnis perfekt. Wertschätzung ist das Eingangstor zu jedem Menschen.“

Das Stammhaus der Firma Föhl befindet sich in Rudersberg-Necklinsberg. Der Geschäftsbereich Zinkdruckguss ist in Michelau angesiedelt, der Bereich Kunststoffspritzguss in Haubersbronn.

In Taicang (Großraum Shanghai) ist die Firma Föhl im Geschäftsfeld Zink vertreten.

Im April 2018 feierte das Unternehmen 60-jähriges Bestehen.

1958 nahm Adolf Föhl in Rudersberg-Necklinsberg zusammen mit seiner Frau Gertrud und Sohn Reinhold die erste Spritzgussmaschine für die automatische Herstellung thermoplastischer Kunststofferzeugnisse in Betrieb.

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