Rems-Murr-Kreis Goldbarren-Affäre: Die Masche der Remstalkellerei-Betrüger

Die Remstalkellerei ist Opfer von sogenannten „Rip Deal“-Betrügern geworden – und damit keinesfalls allein. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Weinstadt/Stuttgart.
„Das kriminelle Vorgehen im Zusammenhang mit dem Betrug zum Nachteil der Remstalkellerei wird mit dem Begriff des ‘Rip Deal’ beschrieben“, teilt Jürgen Glodek von der Stabstelle Öffentlichkeitsarbeit des Landeskriminalamtes mit. „Durch die polizeiliche Kriminalprävention wird vor dieser und weiteren Betrugsmaschen gewarnt und werden entsprechende Verhaltenstipps ausgesprochen.“

Seit Jahren, zuletzt 2018 und 2019, haben das baden-württembergische LKA und das bayerische LKA explizit und öffentlich Rip Deals als zunehmenden Kriminalitätstrend in den Fokus genommen. Der Begriff stammt aus dem Englischen (to rip: jemanden ausnehmen, neppen; deal: Handel, Geschäft).

„Seriöse Geschäftsleute“ versprechen „lukrative Geschäfte“

Die Opfer seien „in der Regel Verkäufer von Immobilien oder Antiquitäten, oder auch anderen Wertgegenständen, die den Kontakt zu potenziellen Käufern unter anderem über das Internet (zum Beispiel Immobilieninserat-Sites) suchen“, so das LKA Bayern in seiner Warnung auf polizei-bayern.de. „Die Täter suchen gezielt diese Inserate aus dem Angebot und bauen telefonisch oder vorerst per E-Mail Kontakt zu den Opfern auf und zeigen Interesse an dem Kauf der Immobilie/Ware. Häufig geben sie an, im Auftrag eines zahlungskräftigen Investors zu handeln, der seinen Sitz im Ausland hat.“

Die Ware war 2017 im Falle der Remstalkellerei der Wein. Die Betrüger hatten Ahnung vom Weingeschäft, kamen von sich aus auf die Remstalkellerei zu, gaben sich als Vertreter einer lettischen Handelsgesellschaft mit Verbindungen in den zahlungskräftigen arabischen Raum aus, wie ein damaliges Vorstandsmitglied der Remstalkellerei dieser Zeitung erläutert hat.

Die „Rip-Dealer“ treten „als seriöse, wohlhabende Geschäftsleute auf“, täuschen ernsthafte Kaufabsichten vor, so das baden-württembergische LKA. „Für die Vertragsverhandlungen locken sie die Opfer häufig zu einem Treffpunkt in das Foyer eines Hotels. Von dort wird die Trefförtlichkeit aus fadenscheinigem Grund regelmäßig in das benachbarte Ausland verlegt.“

Im Zusammenhang mit dem „lukrativen“ Geschäft bitten die Täter meist um einen Gefallen, beispielsweise einen Devisentausch im Bereich von mehreren Zehntausend Euro. Die Opfer bringen dieses Geld für das Zusatzgeschäft zum Treffpunkt in das Hotel mit. „Beim Geldwechselgeschäft – um große Scheine in kleine Stückelung zu tauschen – werden die Opfer dann ausgeraubt, erhalten Falsifikate, Spielgeld oder Papierschnipsel, die mit echten Geldscheinen getarnt sind“, so das hiesige LKA.

So auch im Fall eines Geschäftsmannes aus Bayern. „Dieser bot im Oktober 2006 einen hochwertigen Sportwagen für zwei Millionen Euro im Internet an. Ein angeblicher Interessent wollte gegen Provision einen Käufer vermitteln. Zum Treffen in einem renommierten Münchner Hotel brachte der Geschäftsmann die Geldscheine mit und zeigte sie dem angeblichen Vermittler. Diesem gelang es unbemerkt, das Geld gegen wertlose Papierschnipsel zu vertauschen. Dann verschwand der Betrüger und mit ihm ein sechsstelliger Eurobetrag.“

Bekanntestes Rip-Deal-Opfer: Der verstorbene Unister-Gründer

Vertriebsmitarbeiter der Remstalkellerei hatten Treffen mit den vermeintlichen Handelsanbahnern „im Ausland“. Es fand mindestens eine Telefonkonferenz statt. Der erbetene Gefallen zur Anbahnung des Wein-Exportgeschäfts waren 35 000 Euro in Goldbarren als Vorab-Provision.

Auch wenn dies wenig tröstlich sein mag: Die Wengerter-Genossenschaft ist als Rip-Deal-Opfer keinesfalls allein. Und die Verluste (35 000 Euro) halten sich im Vergleich zu anderen Fällen in Grenzen.

Das Landgericht Leipzig hat im März 2017 einen 69-Jährigen aus Unna zu drei Jahren und fünf Monaten verurteilt, weil er einen groß angelegten Rip-Deal-Betrug an dem Unister-Gründer Thomas Wagner eingefädelt haben soll. Laut einem Bericht des Online-Magazins „Gründerszene“ hatte Wagner versucht, einen Kredit von einem vorgeblichen israelischen Diamantenhändler für sein angeschlagenes Unternehmen zu erhalten.

„Wagner reiste dafür im Juli 2016 nach Venedig, bekam allerdings das versprochene Bargeld in Höhe von 15 Millionen Euro nicht. Stattdessen schob ihm der Geschäftsmann einen Koffer mit Falschgeld unter“, berichtete das Magazin. Gleichzeitig sei Wagner um 1,5 Millionen Euro betrogen worden, die er als Kreditausfallversicherung in bar an sein Gegenüber zahlte. „Er zeigte den Betrug noch in Italien an, bevor er auf dem Rückweg nach Leipzig bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückte.“

Die Mafia krallt sich ihren Teil des „Kuchens“

Andere Medienberichte weisen darauf hin, dass auch die italienische Mafia sehr gut an „Rip Deals“ verdient. Hier geschieht die Täuschung häufig über vermeintliche Kreditgeber von angeblichen Investmentbanken, die angeschlagene Unternehmen oder Firmen-Gründern Kredite versprechen, zu Treffpunkten in Luxushotels in Italien locken und dann übervorteilen.

Unter dem Begriff Rip Deal listet die Polizei allerdings auch weniger dick aufgetragene, wenn man es so nennen will, „niedrigschwelligere“ Maschen des Vorauszahlungsbetrugs auf. Zum Beispiel legen Betrüger Fake Accounts bei Ebay und Co an, kassieren vorab, der Käufer bekommt „die Ware“ aber nie geliefert. In Foren wird in diesem Zusammenhang vor Fake Accounts mit Adressen zum Beispiel im Baltikum gewarnt.

Ein ähnlich gelagerter Fall, wie jener der Remstalkellerei im Jahr 2017, wo eine „Voraus-Provision“ in Form von Goldbarren im Spiel war, ist dem LKA in Stuttgart laut Jürgen Glodek noch nicht untergekommen. Erkenntnisse über ein angebliches lettisches Betrügernetzwerk, dessen Mitglieder sich als Handelsagenten ausgeben und vielleicht auch schon andere Unternehmen per „Rip Deals“ geprellt haben könnten, lägen auch nicht vor, so Glodek.

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