Rems-Murr-Kreis Jobabbau: IG Metall prangert planlosen „Mega-Rausschmiss“ an

IG-Metall-Geschäftsführer Matthias Fuchs fordert: „Menschen und Familien sind wichtiger als Profitmaximierung.“ Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen.
Conti schließt ein Werk in Oppenweiler, Bosch will Tausende Jobs streichen. Bei den Beschäftigen in der Metall- und Elektroindustrie wächst die Sorge um ihre Arbeitsplätze. Die IG Metall ruft am 22. November zu einem bezirksweiten Aktionstag auf. Motto: „Jobabbau? Zukunftsklau? Halbschlau!“

Der Betriebsratsvorsitzende Gürhan Ag hat eine Ahnung, was auf die 950 Beschäftigten bei Bosch Verbindungstechnik in Waiblingen zukommen könnte. Die Arbeitsplätze in diesem Werk hängen am Auto. Ag weiß, dass die Transformation vom Verbrennungs- zum Elektroantrieb kommen wird. Die Frage ist, in welchem Zeitraum dieser Umbruch stattfindet – und auf wessen Rücken. Vergibt Bosch die Fertigung der neuen Produkte nur noch in Niedriglohnländer, kommen keine neuen Aufträge nach Waiblingen und die Produktion schrumpft. Es fallen Jobs weg. Der Bosch-Betriebsrat fordert, dass diese Transformation fair und sozial stattfindet.

10 000 Demonstranten erwartet

Die IG Metall rechnet am Freitag nächster Woche mit „10 000 plus x Demonstranten“, sagt Matthias Fuchs, Geschäftsführer der IG Metall Waiblingen. Mehr als 700 Metaller werden aus den Betrieben im Rems-Murr-Kreis nach Stuttgart fahren. Die Transformation in der Automobilindustrie, die Digitalisierung, die nicht nur die Produktion rationalisiert, sondern auch die Büros erreicht, sowie eine schwache Konjunktur sind Fakten, an denen nicht zu rütteln ist. Die Wirtschaft in der Region Stuttgart hängt am Auto. Sie ist im Umbruch. Für Matthias Fuchs lautet die Schlüsselfrage, wie der Wandel gestaltet wird. „Menschen und Familien sind wichtiger als Profitmaximierung“, gibt Fuchs die Maxime vor. Er befürchtet aber, dass viele Unternehmen nach einem Jahrzehnt guter Geschäfte und Rekordrenditen jetzt eben nur zu den alten Plänen aus dem Giftschrank greifen. Anstatt kluge Zukunftsperspektiven zu entwickeln, werde der Rotstift angesetzt. Anstatt über neue Produkte nachzudenken, werde gekürzt, geschrumpft, abgebaut. „Anstelle von Weitsicht und sozialer Verantwortung regieren Engstirnigkeit und das Streben nach kurzfristigem Profit.“

"Das ist der Skandal!"

Die Transformation trifft aber nicht nur die Beschäftigten in der Automobilindustrie, sagt Jürgen Voag, Betriebsratsvorsitzender von Bosch Power Tools in Murrhardt. Für die Montage von Elektrowerkzeugen mit Akku seien künftig weniger Leute nötig als für die Fertigung von Werkzeugen mit Kabeln. Und Bosch in Murrhardt beliefert zudem die Autoindustrie mit Industriewerkzeugen. Voag fragt sich, was mit den Menschen passiert, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Er befürchtet, dass Bosch kurzfristig an die Rendite denkt und weiter rationalisiert und automatisiert, statt mit neuen Ideen für neue Jobs zu sorgen.

Matthias Fuchs kündigt Widerstand der Gewerkschaft an, wenn Arbeitgeber den bevorstehenden technologischen Wandel und die aktuelle Konjunkturdelle ausnutzen wollen, „um rücksichtslos Arbeitsplätze abzubauen, Produktionen zu verlagern und Standards zu senken“. Bei Conti in Oppenweiler habe die IG Metall einen alternativen Plan für den Standort Oppenweiler vorgelegt. Denn Kühltechnik, wie sie im Murrtal entwickelt und gefertigt wird, wird nicht nur für Verbrennungsmotoren benötigt, sondern auch für Elektroantriebe. Aber der Continental-Konzern ziehe es offenbar vor, den Standort zu schließen und die Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern. „Das ist der Skandal!“

Beschäftigte vor Profitmaximierung

Fuchs und die drei Betriebsräte bei dem Pressegespräch im IG-Metall-Haus in Waiblingen wissen um das Spannungsfeld, in dem sich die aktuellen Diskussionen bewegen. Auf der einen Seite die Ökologie, der Klimaschutz und „Fridays for Future“, auf der anderen Seite die Arbeitnehmer, die in Sorge sind um ihre Jobs und eine Perspektive für sich und ihre Familien brauchen. Deswegen sei die Politik gefragt, Signale zu setzen, die den Menschen eine Zukunft ermögliche. Gewerkschaften, Arbeitgeber und die Politik müssten an einem Strang ziehen, erinnerte Fuchs an die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009, an die gemeinsame Verantwortung, als Jobs in vereinter Anstrengung erhalten wurden. Dies habe den Durchstart nach der Krise ermöglicht. Viele Arbeitgeber betrachteten die derzeitige Konjunkturdelle jedoch nicht nur als vorübergehende. Zehn Jahre Boom hätten die Unternehmen offenbar träge gemacht, nennt Bosch-Betriebsrat Voag ein Beispiel dafür. Die Konkurrenz in Fernost habe längst einheitliche Akkus und Ladesysteme für ihre Werkzeugfamilien, wie sie von den Kunden verlangt werden.

Fuchs gibt sich mit Blick auf den 22. November kämpferisch. „In Zeiten des Wandels müssen die Beschäftigten vor der Profitmaximierung kommen.“ Die Gewerkschaften könnten die Weichen richtigstellen und eine gute Zukunft erzwingen. „Durch unser Handeln in den Betrieben, aber auch durch öffentlichen Druck. Wir stehen selbstbewusst und konfliktbereit für unsere Vorstellungen ein“, so Fuchs: „Gute Arbeit gibt es nur mit uns.“ Gürhan Ag und Stefano Mazzei wollen bei Bosch in Waiblingen mit einem eigens gedrehten Video dafür sorgen, dass nicht nur die Kolleginnen und Kollegen aus der Produktion am 22. November nach Stuttgart fahren, sondern auch die Kollegen aus den Büros. Aufgrund der Digitalisierung seien sie als Nächste von Automatisierungen betroffen. Seit Volkmar Denner an der Spitze des Konzerns stehe, habe sich der Wind gedreht. Bosch sei kein soziales Unternehmen mehr. „Die rote Linie ist überschritten.“

Unter dem Motto „Mega-Rausschmiss! Alles muss raus! Wegen Stellenabbau!“, ruft die IG Metall Baden-Württemberg am Freitag, 22. November, um 15 Uhr zu einer Kundgebung auf den Stuttgarter Schlossplatz auf.

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