Rems-Murr-Kreis Kinder aus der Armut holen ist teuer

Symbolbild. Foto: Pixabay/CC0 Public Domain

Waiblingen. Ein Phänomen, das die Sozialpolitiker beschäftigt. Da rufen die Ökonomen Nahezu-Vollbeschäftigung aus, und trotzdem gibt es für den Landkreis nichts zu sparen. An der Sozialhilfe nichts. Und, wie jetzt im Jugendhilfeausschuss klar wurde, auch nichts an den Hilfen für Kinder und Jugendliche, für welche die Eltern nicht ausreichend sorgen können.

Klar: Wenn die Steuereinnahmen sprudeln, die Arbeitslosigkeit auf einen Sockel von drei Prozent sinkt, dann muss noch lange nicht alles gut sein im Lande. Die Menschen arbeiten voll, und können trotzdem nicht davon leben. Die Schere der Einkommen geht weiter auseinander. Im Alter von 55 Jahren bekommt man eben doch keinen Job mehr. Der Anteil der Alleinerziehenden ist konstant hoch. Die Mütter (oder alleinerziehenden Väter) wollen freilich auch arbeiten – was ja auch gut ist.

Paradox auf den Punkt gebracht

Also springt das Jugendamt ein, um in die Erklärungen für den weiter steigenden Jugendhilfe-Etat einzusteigen, Holger Gläss hat in einem Papier für die Kreisräte das Paradox auf einen Punkt gebracht. Der Jugendamtsleiter des Kreises schreibt: „Höherer Grad an Beschäftigung bedeutet auch mehr Bedarf an Tagesbetreuung.“ Da sind wir wieder bei den Alleinerziehenden.

Es beginnt damit, dass wir in einem Ballungsraum leben. Die Bevölkerung nimmt zu. Der Wohnraum wird knapp. Ein „Riesenproblem“ (Gläss), das, wenn es sich nicht im Etat des Jugendamts niederschlägt, zumindest allen Beteiligten Stress macht. Im Sozialarbeiter vollends den Fallmanager fordert.

24 Prozent mehr "Inobhutnahmen"

Der Stress in der Gesellschaft hat sicher nicht abgenommen. Wie anders als mit einem verallgemeinernden und zugleich verharmlosenden Begriff soll man sich erklären, dass die sogenannten Inobhutnahmen, egal ob im Heim oder in einer Pflegefamilie, bundesweit von 2010 bis 2017 um 16 Prozent gestiegen sind. Im Rems-Murr-Kreis gar um 24.

Und dann, das ist das Erschreckende hinter all dem, Armut hat in diesem reichen Land eben auch ein Kindergesicht. Sowohl die Quote der leistungsberechtigen Kinder unter 18 Jahren ist stark angestiegen als auch die absolute Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Bedarfsgemeinschaften leben – wo Hartz 4 gilt. Wenn nicht richtig geholfen wird, dann verfestigt sich eben auch Armut. Von 2013 bis 2018 ist allein diese Zahl um 17 Prozent gestiegen.

Überall ein Plus bei den Zahlen

Fürs kommende Jahr rechnet Gläss mit 20 000 Euro plus bei der Schulbegleitung, Stichwort Inklusion, und Integration in Kindergärten. Des Weiteren: 200 000 Euro plus bei der Heimerziehung für seelisch behinderte junge Menschen; 300 000 Euro plus bei der klassischen Heimerziehung und 400 000 Euro plus bei der Vollzeitpflege als Ersatz für die sonst teurere Heimerziehung.

Die drohende Unbekannte

Und dann findet sich da noch eine große, relative Unbekannte im Etat. Sie nennt sich Kinderbetreuungskosten. Da übernimmt der Kreis die Gebühren für die Kita und für die Tagespflege in Familien. Wenn es gutgeht, müssen hierfür 500 000 Euro mehr veranschlagt werden. Wenn es – rein finanziell – schlecht läuft, sind es gar 1,3 Millionen mehr. Mögliche 800 000 Euro Mehrkosten haben damit zu tun, dass im Land die Arbeit von Tageseltern mehr anerkannt werden soll. Die Experten der Kommunalverbände schlagen eine Erhöhung des Tagespflegegeldes von 5,50 Euro pro Stunde auf 6,50 Euro für unter Dreijährige, für über Dreijährige soll der Satz künftig 5,50 Euro lauten. Welche Schritte da unser Landkreis mitgeht, soll im März entschieden werden.

Aber bei allem klang nicht nur im Vortrag der Verwaltung, sondern auch bei den Kreisräten durch: Es ist so weit angelegtes neues, zusätzliches Geld. Denn wer an der Biografie eines Menschen später reparieren muss, hat mit noch mehr Kosten zu rechnen. Und so haben denn diese neuen Empfehlungen, die zwischen dem Land und den Kommunen ausgehandelt wurden, einen schönen Namen: „Pakt für gute Bildung und Betreuung“. Müsste sich Deutschland eigentlich leisten können.

Wie gegensteuern?

Gibt es denn keine erfreuliche Nachricht, bei all den steigenden Zahlen? Holger Gläss ging in die Tiefe der Zahlen und der Förderangebote. Und kam so dann doch zu zwei Kurven, die einen erfreulichen Verlauf zeigen. Er setzte dabei Beratungen kontra Maßnahmen.

Weil es auf Qualität ankommt. Weil es gilt, am Anfang zu helfen. Wegen all dem steigt auch der Bedarf nach Paragraf 16 des Sozialgesetzbuches, speziell gemeint sind hier die „Angebote der Beratung in allgemeinen Fragen der Erziehung und Entwicklung junger Menschen.“. Hier investiert der Kreis. Und bekommt auch etwas zurück. Die Zahl der ambulanten Hilfe, also wenn das Kind aus dem Brunnen geholt werden muss, sinkt mit einer ähnlichen Neigung. Gläss nennt das „erste kleine Erfolge beim Steuern“.

Für Gläss und den Landrat zeigt sich an dem Punkt, dass weiter gegengesteuert werden kann. Mit Controlling. Mit verstärkter Beratung, mit einem Aufbau des Berichtswesens und dem Kauf eines Kontroll-Programms.

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