Rems-Murr-Kreis Kliniken schnappen sich Arztpraxen

Angestellter oder niedergelassener Arzt? Den Patienten dürfte dies zunächst egal sein, solange sie sich in guten Händen fühlen. Foto: Pixabay.com

Rems-Murr.
Der Aufschrei im Frühjahr war groß, als das Stuttgarter Klinikum die Praxis eines Schorndorfer Gastroenterologen übernahm und sie seither als medizinisches Versorgungszentrum mit einem angestellten Magen-Darm-Mediziner betreibt. Landrat Richard Sigel zeigte sich damals als Aufsichtsratsvorsitzender der Rems-Murr-Kliniken ausgesprochen verwundert, wenn nicht gar empört über diesen Coup und nannte die Übernahme einen „unfreundlichen Akt“. Mit den niedergelassenen Ärzten an Rems und Murr hatten die hiesigen Kliniken ein Stillhalteabkommen, keine Arztpraxen aufkaufen und betreiben zu wollen. Seit ein paar Monaten denken nun Ärzte und Kliniken um. Unter bestimmten Umständen können die Rems-Murr-Kliniken künftig Praxen übernehmen und als Versorgungszentren betreiben. Sigel und Kliniken-Geschäftsführer Dr. Marc Nickel sprechen von einem Paradigmenwechsel.

Warum wollen die Krankenhäuer überhaupt Arztpraxen betreiben?

„Zielsetzung des Paradigmenwechsels ist es, in enger Abstimmung mit dem Landkreis als Gesellschafter, den Städten und Gemeinden sowie der Ärzteschaft auf Veränderungen in den Versorgungsstrukturen reagieren zu können“, erklärte Nickel auf Anfrage: „Mit dem gemeinsamen Ziel, den Menschen im Rems-Murr-Kreis die bestmögliche Gesundheitsversorgung bieten zu können.“

Wenn Krankenhäuser eine Arztpraxis betreiben, tun sie dies freilich mit einem Hintergedanken. Der angestellte Mediziner soll ihnen neue Patienten zuweisen.

Mit welchen Argumenten ist das Klinikum Stuttgart in Schorndorf eingestiegen?

Wie die Krankenhäuser in Schorndorf und Winnenden kämpft auch das Stuttgarter Klinikum mit roten Zahlen und um Patienten. Dem Stuttgarter Klinikum ist mit dem 2014 eröffneten Rems-Murr-Klinikum in Winnenden und einem neuen, mit der Schorndorfer Klinik abgestimmten Medizinkonzept eine ernstzunehmende Konkurrenz erwachsen.

Dass Stuttgart in Schorndorf zugriff, begründete das Klinikum mit den Schwierigkeiten des Schorndorfer Gastroenterologen, einen Nachfolger zu finden, aber auch mit einer angestrebten Verbesserung der sektorübergreifenden Versorgung. Zug um Zug solle die Praxis von Schorndorf nach Stuttgart verlagert werden.

Wieso scheuen sich immer mehr junge Ärzte, sich mit einer eigenen Praxis selbstständig zu machen?

Für Ärzte und Rems-Murr-Kliniken war die Übernahme offenbar ein Schock. Die Satzung der Rems-Murr-Kliniken ist bereits geändert worden. Deren Geschäftsführung sei beauftragt worden, „gemeinsam in enger Abstimmung mit der Kreisärzteschaft und den Städten und Gemeinden, mögliche Modelle von MVZ-Strukturen über die Kliniken für die Zukunft zu prüfen“, so der Rems-Murr-Kreis als Träger der Kliniken.

Die Strukturen in unserer Versorgungslandschaft hätten sich stark gewandelt. Viele junge Ärzte wollten sich nicht mehr niederlassen. „Die Ärzteversorgung wird so vor allem in ländlichen Regionen immer dünner. Das ist ein drängendes Thema, auf das wir Antworten finden müssen.“

Was halten Krankenkassen von den medizinischen Versorgungszentren?

Auch die AOK beobachtet ganz allgemein den Trend zu Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und beurteilt diesen durchaus positiv. Immer mehr Mediziner wollten in einem Angestelltenverhältnis – zum Teil auch in Teilzeit – arbeiten.

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der Herausforderung der ärztlichen Versorgung in ländlichen Räumen könnten Versorgungszentren „einen wichtigen Beitrag zur Sicherstellung der wohnortsnahen ambulanten Versorgung leisten“.

Gibt es ein Nachwuchsproblem in der Ärzteschaft im Rems-Murr-Kreis?

Nicht nur Hausärzten im ländlichen Raum fällt es immer schwerer, einen Nachfolger zu finden. Auch Fachärzte haben offenbar Probleme, ihre Praxis zu übergeben. Das zeigt das Beispiel des Schorndorfer Gastroenterologen. Die Ärzteschaft im Rems-Murr-Kreis steht zudem vor einem Generationswechsel. So ist jeder dritte Hausarzt im Kreis bereits über 60 Jahre alt und wird in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen. Auch immer mehr Fachärzte begeben sich schon auf die Suche nach einem Nachfolger.

Die Ärzteschaft steht vor einem Dilemma. Versorgungszentren werden gleichwohl kritisch beäugt. Die Landesärztekammer hat erst kürzlich davor gewarnt, dass Arztpraxen in die Hände von renditeorientierten Finanzinvestoren fallen. Denn deren Motiv sei nicht die Versorgung der Patienten. „Die ärztliche Freiberuflichkeit im ambulanten Versorgungsbereich wird dadurch im hohen Maß bedroht.“

Wie stehen die Ärzte an Rems und Murr zum Paradigmenwechsel?

Für die niedergelassenen Ärzte taucht mit den MVZ zudem ein neuer Marktteilnehmer auf, der nicht nur finanziell gut ausgestattet ist, sondern bei dem die Gefahr besteht, sich auf lukrative Behandlungen zu spezialisieren, lautet eine Kritik der Ärzte. Der Sprecher der Waiblinger Ärzteschaft, der Schorndorfer Kardiologe Dr. Karl-Michael Hess, befürchtete noch im Frühjahr: „Das Gesundheitswesen wird kommerzialisiert.“ Die Ärzteschaft an Rems und Murr habe dem Paradigmenwechsel zwar zugestimmt, sagt Karl-Michael Hess auf Anfrage, aber ohne Begeisterung. Für Wolfgang Steinhäußer, Vorsitzender der Ärzteschaft Backnang, der mit seinem Kollegen Karl-Michael Hess bei den Gesprächen dabei war, steht im Vordergrund, dass zunächst die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen wurden. Versorgungszentren würden sicherlich nur akzeptiert, wenn sie von niedergelassenen Ärzten und nicht von den Kliniken geleitet werden. Steinhäußer erinnert auch daran, dass Krankenhäuser zueinander in Konkurrenz stehen – da gehe es um handfeste Interessen. Insofern wurde in der Vergangenheit auch befürchtet, dass diese Rosinenpickerei betreiben könnten.

Gibt es schon Arztpraxen, die die Rems-Murr-Kliniken im Auge haben?

Bestimmte Arztsitze haben die Rems-Murr-Kliniken derzeit nicht im Visier: „Wir stehen bei dieser Entwicklung noch ganz am Anfang“, heißt es in der Antwort auf unsere Anfrage: „Mit der Änderung der Klinik-Satzung haben wir die Weichen gestellt. Für alles Weitere gehen wir jetzt in die enge Abstimmung mit der Kreisärzteschaft sowie den Städten und Gemeinden.“

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