Rems-Murr-Kreis Kreisjugendamt widerspricht Studie: Genügend Kinderschützer im Amt

Die Schwächsten der Gesellschaft bedürfen des Schutzes. Foto: Patrick Pleul

Waiblingen. Das musste alle, die am Kindeswohl interessiert sind, alarmieren: Die Jugendämter sind auf gefährliche Weise überlastet. So wurde jüngst immer wieder eine Studie der Hochschule Koblenz zitiert. Der Leiter des Kreisjugendamtes, Holger Gläss, widerspricht vehement. Es handele sich nicht nur um eine abenteuerliche Studie, sie sei „schlicht falsch“.

Die sogenannte Koblenzer Studie hatte das Zeug, die Nation aufzurütteln. Größtmögliche Aufmerksamkeit. Vorstellung in der Bundeshauptstadt, in Berlin. Die deutsche Kinderhilfe hatte sich drangehängt. Auftraggeber war das Jugendamt Berlin-Mitte.

Die Verfasser der Studie haben binnen zwei Jahren 652 Mitarbeiter befragt aus 175 Jugendämtern, heißt es in einer Zusammenfassung. Fazit dieser Umfrage: zu wenig Personal für zu viele Fälle. Zu wenig Zeit für Hausbesuche, gerade mal eine Stunde Besuchszeit bei problematischen Familien. Dann: Zwei Drittel der Arbeitszeit in den Jugendämtern gehe für die Fall-Dokumentation drauf. Das Protokollieren und damit auch das Reagieren geschieht zu spät. Schließlich: Es fehlen 16 000 im Allgemeinen Sozialen Dienst. Entschieden wird zu oft nach Kassenlage und weniger nach dem, was Kinder und Familien brauchen.

"Kraut und Rüben miteinander verglichen"

In den Jugendämtern und bei den Trägern hat die Studie für Aufregung gesorgt. Holger Gläss, der neue Leiter des Kreisjugendamtes, hat sich in die Studie vertieft und ist schnell wieder aufgetaucht. „Es wurden Kraut und Rüben miteinander verglichen.“ So sieht er es und informierte jetzt die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses in der jüngsten Sitzung. Ohne dass diese von sich aus nachgefragt hätten. Es war Gläss einfach ein Anliegen. Schließlich machen sich Jugendamtsleiter laufend Gedanken, wie sie die Arbeit organisieren können. Und es gibt wohl keine schwierigere, folgenreichere Arbeit für Ämter. Wehe, es schlägt ein Fall auf, es kommt ein Kind ernsthaft zu Schaden, die Misshandlungen sind folgenschwer – dann wird wieder nach der Verantwortung und Überwachung gefragt.

Allein schon im Zahlenwerk stimme es nicht. Weit vor den Bewertungen. Weil die Uni-Leute schier gar jede Beratung mit hinzugenommen haben und nicht einfach nur Fälle konkreter Hilfe, kamen sie auf einen Durchschnitt von 78 Fällen, die jeder Mitarbeiter von Jugendämtern zu bewältigen habe.

Die Überprüfungen und Gegenrechnungen, die dann gemacht wurden, sehen laut Gläss anders aus. Da ist man dann bundesweit bei 29 Fällen pro Fachkraft. Er stützt sich dabei auf die Expertise der TU Dortmund zur Jugendhilfestatistik. Der Rems-Murr-Kreis hat 66 volle Stellen, die sich um 1605 Hilfen kümmern müssen aktuell. Das macht weniger als 25 Fälle pro Mitarbeiter, „damit sind wir etwas unter Durchschnitt“. Das heißt: besser aufgestellt.

Immerhin, eine Forderung der federführenden Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann kann man sich allemal zu eigen machen. Sie ruft nach einer Bundeskinderschutzbeauftragten. Allein schon, um das Zusammenspiel von Familiengerichten, Polizei und Jugendämtern zu verbessern.


„Wo stehen wir im Kreis“ mit der Jugendarbeit? Die Zuständige im Kreisjugendamt, Birte Brinkmann, stellte im Jugenhilfeausschuss den Antrag auf Überprüfung. Es geht um die klassische Jugendarbeit, nicht um den Schutz von Kindern vor Misshandlung etwa in der Familie.

Die Förderpraxis in der Kinder- und Jugendarbeit soll zusammen mit den Kommunen und Freien Trägern daraufhin untersucht werden, „ob sie den aktuellen Bedarfen entspricht und ob sie effektiv und zielführend ausgestattet ist“. Damit ist der Jugendhilfeausschuss einverstanden.

Es soll, heißt es in der Debatte, auch wirklich im Schulterschluss mit den Kommunen geprüft werden. Ihnen zudem richtig auf die Finger geschaut werden, setzte Alexander Bauer von der SPD nach. Seiner Erkenntnis nach setze die eine oder andere Gemeinde noch nicht einmal das um, was in der Gemeindeordnung dazu steht. „Beteiligung soll nicht nur zufällig sein. Man muss dazu nicht gleich mit der Gemeindeaufsicht kommen, aber eine Übersicht und einen Vergleich sollten wir schon bekommen.“

Es ist den Räten wichtig, dass die Kommunen nicht etwa die Jugendarbeit gegen die Schulsozialarbeit ausspielen, nur weil es für die Schulsozialarbeit zusätzlich Geld vom Land gibt.

"Flickenteppich der Hilfen"

Die alte Konzeption stammt noch aus den Auf- und Ausbauzeiten der Jugendhilfeplanung. Jetzt soll die Schwerpunktsetzung überprüft werden, die Passgenauigkeit der offenen Jugendarbeit, die Treffsicherheit von Sozialraumanalysen und ob die Jugendlichen in einer Kommune auch beteiligt werden. Die Kommunen erhalten dabei Unterstützung durch die Kreis-Fachstelle Sozialraumorientierte Jugendarbeit, kurz „SoJa“. Wo nachgesteuert werden muss nach Meinung des Amtes, findet sich in der Vorlage an die Räte auch. Im Bereich Mobile Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit an Schulen werde mittlerweile viel getan, dagegen „stagniert der Ausbau der offenen Kinder- und Jugendarbeit sichtbar“. Auch sei bei einem Blick auf die Kommunen ein Flickenteppich der Hilfen zu beobachten. Zu erkennen seien gar „deutlich unterschiedliche Interpretationen der Kriterien“. Und ob sie eingehalten werden, darauf achte „kaum noch“ jemand.

Es geht um Geld und seine Verteilung. Es geht aber auch um das Rekrutieren von Personal. Birte Brinkmann beobachtet, dass die Kommunen für Jugendhäuser Aufsichten einstellen, die keine ausgebildeten Jugendarbeiter sind. Weil der Markt bei den Sozialpädagogen angespannt ist. „Aber es braucht kompetente Ansprechpartner. Jugendliche kommen nur dort hin, wo sie sich wohlfühlen. Das Fachkräftegebot darf nicht aufgehoben werden.“


Vielfältige Hilfen

Jugendhäuser und Jugendtreffs gibt es seit Jahrzehnten. Doch reicht das Angebot für Kinder und Jugendliche in den Kommunen mittlerweile weit darüber hinaus. Zur kommunalen Kinder- und Jugendarbeit zählen Angebote wie Spielmobile, Skateranlagen, Aktiv- und Abenteuerspielplätze - um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen.

Ein weiteres großes Feld ist die Jugendsozialarbeit, ferner Freizeitpädagogik, außerschulische Jugendbildung, Medienpädagogik, Ferienbetreuung und Jugendbeteiligung.

„Die Themenvielfalt innerhalb der Jugendhilfeplanung ist sprichwörtlich und stets im Fluss“, heißt es unter der Rubrik „Jugend / Gesundheit / Soziales“ auf www.rems-murr-kreis.de. Es geht in der Jugendhilfeplanung beispielsweise auch um Hilfen zur Erziehung oder Jugendgerichtshilfe.

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