Rems-Murr-Kreis Marihuana legalisieren? Das sagt ein Suchtberater

Kilian Frey, Leiter der diakonischen Suchtberatungsstellen in Waiblingen und Schorndorf. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Rems-Murr.
Die gemeinste Frage, die man dem neuen, gerade erst angekommenen und bestimmt nicht an einem Premieren-Bauchpflatscher in den Fettnapf interessierten Leiter einer Suchtberatungsstelle aufs Brot schmieren kann, lautet natürlich: Marihuana legalisieren – (a) ja, (b) nein? Mal sehen, wie er sich rauslaviert, ohne sich unglaubwürdig zu machen als (a) schlimmer Verharmloser oder (b) weltfremder Alarmist. Nicht, dass irgendwer, der sich mit Kilian Frey auch nur zehn Minuten warmgeredet hat, ernsthaft auf die Idee käme, ein derart eloquenter Experte ließe sich so billig ins Schleudern bringen – aber wir können’s ja mal versuchen. Dazu später mehr.

Was hat ihn gereizt an dieser Arbeit?

Kilian Frey: Bart, Pferdeschwanz, Typ moderner Gender-Mann, 38 Jahre alt, Leiter der Beratungs- und ambulanten Behandlungsstelle des Kreisdiakonieverbandes für Suchtgefährdete und Suchtkranke. Angefangen hat der Diplom-Pädagoge nach dem Studium zunächst bei der Suchtberatung in Reutlingen. Was hat ihn gereizt an dieser Arbeit? „Man darf Entwicklungen begleiten“, kann Menschen, die in fatalen Lagen stecken, helfen, etwas zu verändern. „Das ist faszinierend.“

Später war Frey Sozialarbeiter in einem großen Industrie-Unternehmen. Was sollte ein Vorgesetzter, ein Kollege tun, wenn er spürt: Da ist neben mir einer, der abzugleiten droht? Es ist „natürlich einfach“, wegzuschauen und sich selbst zu beruhigen – „solange er funktioniert“, wird’s so schlimm ja nicht sein, und außerdem: Was geht mich das an? Frey aber ermuntert „definitiv“ dazu, den Betroffenen anzusprechen. „Man macht sich im ersten Schritt damit nicht immer Freunde“, er hat das selber erlebt. Aber als er den Mann Jahre später wiedertraf, sagte der mittlerweile Trockene: „Gut, dass Sie drangeblieben sind.“

Alkohol ist „der Klassiker. In Deutschland einfach das legale starke Suchtmittel Nummer eins“. Ein Polizist klagte im Gespräch mal, wie alles zersetzend illegale Drogen wirken. Frey kommentierte das nicht, er stellte nur eine Frage: Welche Droge löst die meisten Einsätze aus, zu denen Sie eilen müssen, zu schrecklichen Unfällen, häuslichen Gewaltexzessen? Die Antwort lautete – natürlich – Alkohol.

Mediensucht? Problembewusstsein ist gut, Hysterie nicht angebracht

Heftig diskutiert wird derzeit das Phänomen der Mediensucht bei Jugendlichen. Ja, sagt Frey, „es gibt manche, die übertreiben’s“, das kann „durchaus Krankheitswert“ annehmen. Nur: Hier offenbare sich „auch“ ein Generationenkonflikt. Für Eltern kann das Medienverhalten ihrer Kinder „irritierend“ sein – sind das lauter „Smombies“, Smartphone-Zombies? Aber es sei normal, „dass Kinder und Jugendliche Dinge, die attraktiv sind, exzessiver machen“. Neue mediale Entwicklungen werden oft „erst mal als gefährlich wahrgenommen“: Als im 19. Jahrhundert der Rotationsdruck aufkam, erzählt Frey, galt „Lesesucht“ als Bedrohung. In diesem Sinne: bitte „keine Hysterie“.

So. Zeit, dass wir den Hammer auspacken: Herr Frey, wir leben in einer Gesellschaft, in der eine knallharte Droge alljährlich zu enormen volkswirtschaftlichen Schäden und menschlichen Tragödien führt – dennoch ist Alkohol legal. Ergibt es da Sinn, Cannabis zu kriminalisieren?

Frey lächelt. „Das ist nicht das, was ich entscheide.“ Aber während er das sagt, spürt man ihm schon an, dass ihn die eigene Antwort intellektuell unterfordert; er will sich nicht rauslavieren. Also ...

Studien zeigen eindeutig, dass Cannabis fatale Auswirkungen haben kann. Bei „vulnerablen“, also verletzlichen Menschen kann der Wirkstoff „psychotische Erkrankungen“ auslösen. Frey hat Betroffene kennengelernt – er neige nicht dazu, das zu „verharmlosen“. Richtig aber ist auch: „Alkohol ist viel gefährlicher“, und selbst damit kommen die meisten Menschen zurecht.

Frey weiß: Kriminalisierung birgt Tücken. Erstens: Der Betroffene hat dann „zum psychischen Problem“ noch ein „juristisches“. Zweitens: Am illegalen Geschäft „verdient jemand, von dem ich das nicht will“. Drittens: Ein illegaler Markt ist „in keinster Weise substanzbezogen überwacht“, die Konsumenten schweben permanent in der Gefahr, verschnittenes, gefährliches Zeug angedreht zu bekommen.

Legal? Illegal? Vielleicht gar nicht die entscheidende Frage

Die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Drogen, zwischen dem, was eine Gesellschaft duldet, und dem, was sie ächtet, ist kulturell und historisch oft willkürlich, zufällig. Alkohol ist bei uns erlaubt – in anderen Weltgegenden ist er tabu. Metamphetamin ist heute berüchtigt als Crystal-Meth-Wirkstoff – im Zweiten Weltkrieg, erzählt Frey, bekamen Wehrmacht-Soldaten es verschrieben als Medikament namens Pervitin. Opium ist in der westlichen Welt heute auf dem Index – die Engländer führten einst gegen China Krieg um das Recht, das Zeug im ganz großen Stil in Asien verkaufen zu dürfen.

Legal? Illegal? Vielleicht ist das letztlich gar nicht die entscheidende Frage. Denn keine noch so klare gesetzliche Regelung – ob so, wie beim Alkohol, oder anders, wie beim Cannabis – kann uns, jedem von uns, die unbequeme Aufgabe abnehmen, „ernsthaft über Drogenkonsum nachzudenken“; eigene Gewohnheiten zu reflektieren; eigene Gefährdungen zu erkennen. Es ist sinnvoll, sich „kritisch damit auseinanderzusetzen“: Das gilt schlicht für „jede psychotrope Substanz“.

Manche leben abstinent. Andere können mit Drogen kontrolliert umgehen. Einige verfangen sich in der Suchtschlinge. Ihnen zu helfen, ist die Aufgabe von Kilian Frey.


Info: Die Beratungs- und ambulante Behandlungsstelle für Suchtgefährdete und Suchtkranke ist erreichbar unter 07181/48 29 60 (in Schorndorf) und 07151/95 91 91 12 (in Waiblingen).

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