Rems-Murr-Kreis Nach Giftschlangenbiss: Wie geht es Besitzer und Schlange?

Heiko Fricke mag Giftschlangen. Das Tier auf seinem Arm ist natürlich ungiftig. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Rems-Murr-Kreis.
Schlange beißt Mann: Ganz selten kommt das vor, doch in diesem Fall liegt der Mann noch immer im Krankenhaus.
Höchst kurios, dieser Fall, und für einige Fragen gibt’s keine Antworten. Dafür Erstaunliches aus dem Hause Fricke.
Heiko Fricke beherbergt die Schlange seit zehn Tagen bei sich zu Hause in Necklinsberg. Kein großes Ding für ihn; mit Giftschlangen kennt er sich aus.

Eine der beiden Giftschlangen ist tot

Der Ex-Besitzer der Schlange offenbar nicht so. Der 61-jährige Mann hielt sich des Nachts um drei am Freitag, 7. Februar, auf einem Parkplatz zwischen Höfen und Bürg auf. Er hatte Giftschlangen bei sich, zwei Kupferköpfe, eine ist tot.

Was er mit den Tieren mitten in der Nacht auf einem Parkplatz vorhatte, ist wohl nichts, was man der Polizei erzählen würde. „Keine Erkenntnisse“ lägen zu den Hintergründen vor, sagt Polizei-Sprecher Rudolf Biehlmaier.

Vielleicht war’s Notwehr

Schlangen werden in Deutschland nicht wegen schwerer Körperverletzung angeklagt, aber angebracht wär’s. Vielleicht war’s Notwehr, oder die Schlange befand sich in einem psychischen Ausnahmezustand, den womöglich ihr Besitzer verursacht hatte. Sie biss zu, und das führte zu ernsten Konsequenzen.

In etwa siebenmal so schmerzhaft wie ein Eiterzahn darf man sich das Ereignis vorstellen, und ein Kupferkopfschlangen-Biss kann bleibende Schäden hinterlassen, etwa Nekrosen, das heißt: Gewebe stirbt ab.

Lebensgefahr besteht nicht für den 61-Jährigen, aber in der Klinik muss er noch bleiben. Seine Reptilien daheim vermissen ihren Halter; das Veterinäramt hat sich inzwischen um die Tiere gekümmert und „den Bestand aufgelöst“. Mit Zustimmung des Mannes, wie das Landratsamt auf Nachfrage bestätigte.

Schlangen beißen, wenn sie sich bedroht fühlen

Heiko Fricke hat in jener Nacht vom 6. auf den 7. Februar das Handy nicht gehört, sonst hätt’ er die Schlange vom Parkplatz gerettet. Die Polizei kennt Frickes Nummer, denn es kann immer mal sein, dass nachts um drei eine Giftschlange auf einem Parkplatz in Kältestarre fällt. Dann braucht die Polizei einen Experten, der sich um das Tier kümmert. Giftschlangen kann man nicht einfach auf Parkplätzen zwischen Höfen und Bürg rumlungern lassen.

Aus einem Terrarium in Heiko Frickes Schlangenraum in Rudersberg-Necklinsberg beäugt die betreffende Kupferkopfschlange höchst interessiert alle Gäste. Heiko Fricke kümmert sich jetzt um sie, aber behalten will er sie nicht, weil sie stinkt. Nicht immer. Nur wenn sie Angst hat.

Schlangen sind Schisser. Sie suchen das Weite wegen jeder harmlosen Kleinigkeit. Es sei denn, nach sieben Tagen Fastenzeit ist mal wieder Zeit für eine Maus, oder sie fühlen sich bedroht. Dann beißen sie.

Jeder darf in Baden-Württemberg giftige Tiere kaufen

In Heiko Frickes Schlangenraum hängen lauter Riesen-Haken an der Wand. Die braucht er, wenn er Schlangen herausholt, um deren Zuhause zu putzen oder ihnen eine tote Ratte zu kredenzen, frisch aufgetaut. Plastikröhren in diversen Größen hat er vorrätig; dort versenkt er zeitweise Schlangenköpfe zu seiner eigenen Sicherheit.

Sachkunde ist nötig, damit das Zusammenleben Frickes mit Kobras, Vipern und Puffottern verletzungsfrei klappt – für beide Seiten.

Fricke wünscht sich einen verpflichtenden Sachkundenachweis für Schlangenhalter. Doch bisher hören sie nicht auf ihn in der Politik; jeder darf in Baden-Württemberg giftige Tiere kaufen und halten, wie es ihm oder ihr beliebt. In den Polizeiverordnungen der Kommunen ist geregelt, ob es eine Meldepflicht für giftige Tiere gibt – oder nicht.

Sachkundige kennen sich

Jeder macht’s, wie er mag, und deshalb weiß man beim Landratsamt nicht mal annähernd, wie viele Giftschlangen in Rems-Murr-Terrarien züngeln. Heiko Fricke weiß es auch nicht, woher auch. Die Szene sei überschaubar; man kennt sich – das heißt, die Sachkundigen kennen sich. Von dem 61-jährigen Kupferkopf-Besitzer hatte zuvor keiner je was gehört.

Um Geld geht’s eher nicht, sagt Fricke. Mit Giftschlangen macht man nicht den richtig großen Reibach, höchstens mal punktuell, wenn man ein sehr besonderes Tier sein Eigen nennen darf.

Fricke mag seine weiße Kobra vielleicht noch ein kleines bisschen mehr als die Puffottern und die Klapperschlange in seinen Terrarien. Distanzierter als zu einer Katze oder zu einem Hund gestaltet sich die Beziehung Giftschlange-Mensch – aber um eine Beziehung handele es sich durchaus. Die Tiere merken, wer im Raum ist, das wiederum merkt Fricke am Verhalten der Schlangen.

Etwas „Mystisches“ haftet Schlangen an

Ihre Anmut raubt einem den Atem. Modedesigner stehlen Farb- und Formideen, welche die Natur den Schlangen schenkte. Mit ihren gespaltenen Zungen riechen Schlangen links was anderes als rechts, während Menschen unter „gespaltener Zunge“ was Gemeines verstehen, was Falsches.

Das ist nicht fair. Die Schlange war’s, die Mitschuld trug am Auszug Adams und Evas aus dem Paradies. So ein Makel klebt fest wie Schwefel am Pech.

Etwas „Mystisches“ haftet Schlangen an, findet Fricke. Ihren Gesichtern fehlt jede Mimik. Sie tragen kein Fell, gleiten lautlos dahin. In Albträumen suchen heimtückische Schlangen Menschen heim, und keine andere Art Träume wird in so engem Zusammenhang mit Sexualität gedeutet wie diese.

„Viele haben Angst“

„Viele haben Angst“, das weiß Fricke natürlich, und als Giftschlangenhalter findet man nicht ganz so leicht eine Wohnung. Frickes Vermieterin weiß Bescheid, ist kein Problem. Seine neunjährige Tochter hält Schlangen in ihrem Zimmer. Ungiftige!

Fricke besucht gern ehrenamtlich Grundschulen. Von Reptilien und Amphibien erzählt er den Kindern und von angemessenem Verhalten. Im Grundschulalter sind die Kinder offen dafür, und vielleicht haben sie im ersten Moment mehr Angst vor Heiko Fricke als vor Schlangen. Weil er aussieht wie ein Rocker.

Er ist auch einer. Sagt er selbst, und die noch freien Hautpartien am Kopf wird er mit noch mehr Tattoos verschönern, versprochen. Sein Arbeitgeber hat angeregt, zumindest das Gesicht tattoofrei zu lassen. Mal sehen.

Kurse für Feuerwehrleute für den Kobra-Fall

Sein Arbeitgeber, ach so – eine soziale Einrichtung. Heilerziehungspfleger hat Fricke gelernt, er schafft im sozialpädagogischen Bereich. Was – mal wieder – die These stützt: Sortiere einen Menschen nie anhand seines äußeren Erscheinungsbildes in eine Schublade ein.

Im Ehrenamt hält Fricke Kurse bei der Feuerwehr, damit sie dort wissen, wie sie mit Kobras in brennenden Wohnungen verfahren sollen.

Ihn selbst hat noch nie eine gebissen. Ein Schusseligkeitsfehler kann dennoch immer passieren. Schon allein deshalb sollte jeder Giftschlangenhalter Zugang zu Gegengift haben, zusätzlich zum Sachkundenachweis, sagt der 49-Jährige. Eine bundeseinheitliche Regelung hielte er für weitaus zielführender als ein Gefahrtierverbot, wie es eine Tierschutzorganisation fordert: „Verbote bringen nichts.“

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