Rems-Murr-Kreis Nach Stuttgart für 365 Euro im Jahr

Wie Stuttgart von der Geißel Autoverkehr befreien? Dazu wird die Nahverkehrsabgabe heiß diskutiert. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen/Stuttgart. Für Berlin wird sie diskutiert. Der Deutsche Städtetag ist ebenso stark dafür, dass eine Stadt mal anfängt: nämlich mit der Eindämmung des Verkehrs, sei’s durch eine City-Maut nach dem Vorbild Londons oder mittels einer Nahverkehrsabgabe. Jeder, der mit dem Auto in den Kessel will, müsste dann ein VVS-Ticket vorweisen. Fürs Jahr möglichst verbilligt auf 365 Euro. Wie denken die hiesigen Regionalräte darüber?

Für Stuttgart kommt eine Nahverkehrsabgabe absolut infrage. So sieht es der grüne Verkehrsminister. Ein Gutachten soll aufzeigen, wie der Nahverkehr besser finanziert werden kann. Ergebnisse werden zum Ende des Jahres vorliegen.

Ein Ergebnis könnte sein, wir machen es wie Wien. Ein Jahresticket des VVS kostet dann nur noch 365 Euro, damit gäbe es umwelt- und nervenschonende Mobilität für einen Euro am Tag für alle. Damit das Angebot auch angenommen wird, müssen all die, die mit dem Auto nach Stuttgart fahren, ein VVS-Ticket vorweisen. Dieser Nachfrageschub muss freilich auf ein entsprechendes Angebot treffen. Busse, S-Bahn und Stadtbahn müssten nochmals massiv ausgebaut werden.

Mit der CDU-Fraktion ist eine Nahverkehrsabgabe nicht zu machen

Die CDU-Fraktion im Landtag hat schon klargemacht, dass mit ihr eine Nahverkehrsabgabe nicht zu machen ist. Das Leben in den Verdichtungsräumen dürfe nicht weiter verteuert werden. Matthias Pröfrock aus Weinstadt, Vorsitzender der CDU in der Region, schließt sich an. „Wir haben keinen Mangel an Steuern und Abgaben“, Verbesserungen des ÖPNV ließen sich auch so bezahlen. Wobei es jetzt nach der 40 Millionen teuren Tarifreform darum geht, „das Angebot der hoffentlich steigenden Nachfrage anzupassen“. Das heißt für ihn: mehr S-Bahnen, Takt steigern, bessere Verknüpfung der Verkehrsträger.

Jochen Haußmann, FDP-Landtagsabgeordneter aus Kernen, verweist ebenso auf die sprudelnden Steuereinnahmen und die gestiegenen Regionalisierungsmittel des Bundes. Mit diesem Geld müsse auch so eine Verbesserung des Nahverkehrs zu machen sein. Er setzt nicht auf eine weitere Subventionierung, indem ein Jahresticket auf 365 Euro herabgesetzt wird. Eine Tarifreform mit spürbarer Entlastungen habe es ja schon gegeben. Die FDP ist auch dagegen, dass die Unternehmen herangezogen werden, um Arbeitnehmern eine günstige Jahreskarte zu ermöglichen. In Wien geschieht dies. Eher setzt er darauf, dass Unternehmen Mitfahrgelegenheiten belohnen, ebenso das Pendeln mit dem Fahrrad oder dann einen höheren Zuschuss für den ÖPNV leisten. Wichtig sei, die P+R-Plätze auszubauen. Arbeitszeitflexibilität bringe nichts, wenn Pendler um 9 Uhr keinen Parkplatz am Bahnhof mehr finden.

Waiblingens OB will positiven Effekte der Tarifreform abwarten

Im Programm der SPD zur Regionalwahl findet sich die Forderung nach einem 365-Euro-Ticket. Für Harald Raß, den Regionalrat aus Fellbach, muss sich das Land stärker einbringen. Der Fraktionsvorsitzende verweist auf Bayern, da hat Markus Söder eine hälftige Finanzierung ins Spiel gebracht für den Raum München. Voraussetzung wäre für Raß auch, dass nicht nur die Pendler ein Zwangs-Ticket vorweisen müssen, sondern auch die Stuttgarter selbst, wenn sie weiter das Auto benutzen wollen. Raß ist skeptisch, dass sich die Nahverkehrsabgabe durchsetzt. Verkehrsminister Winfried Hermann verspreche viel, bekomme aber nichts beim Koalitionspartner CDU durchgesetzt. Ihn ärgert auch, dass die jüngste große Tarifreform lange eine Forderung der SPD war, heute aber die CDU sie sich auf ihre Fahnen schreibe.

Andreas Hesky, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, hält wenig bis nichts von einer Nahverkehrsabgabe. Er will erst einmal die positiven Effekte der großen Tarifreform abwarten. Manche Pendler seien eben darauf angewiesen, das Fahrzeug zu nutzen. Die Nahverkehrsabgabe treffe alle, „auch diejenigen, für die 365 Euro viel Geld ist“. Der Waiblinger Oberbürgermeister fordert mehr Unterstützung beim Ausbau der P&R-Plätze. Seine Stadt kämpft gerade um Zuschüsse für 250 zusätzliche Stellplätze am Bahnhof. „Sinnvoller ist auch, dass wir den ÖPNV noch intensiver ausbauen, wie wir das auch in Waiblingen mit den City-Buslinien tun.“

Die Freien Wähler waren für die 54 zusätzlichen S-Bahn-Züge. Der ÖPNV könne indes nicht alle auffangen. Er sieht auch die Gefahr, dass sich der Verkehr dadurch ins Umland verlagert. Solange der Ringschluss fehlt im Nord-Osten, sei Ausweichverkehr zu befürchten, der dann erneut Waiblingen treffe. So wie bei der Lkw-Transitsperrung durch Stuttgart. Freilich ist ihm klar, dass bei einem 365-Euro-Ticket für die ganze Region das Finanzierungsproblem für den Nahverkehr fast gelöst wäre. Wobei, man müsste ja dann wieder massiv ausbauen, überlegt er.

Grüne: „Ein Instrument gegen den Verkehrskollaps“

Und die Grünen, die City-Maut oder Nachverkehrsabgabe erst ins Spiel gebracht haben? Renate Burkhardt-Schimpf aus Sulzbach, Spitzenkandidatin der Rems-Murr-Grünen für die Region, ist „ganz klar“ für die Nahverkehrsabgabe als ein „Instrument gegen den Verkehrskollaps in unserer Region“. Kretschmann und Kuhn haben ihre volle Unterstützung. Betroffene sollen als Ausgleich ein Ticket für den ÖPNV erhalten. Dazu müsse der Standard noch verbessert werden, „damit die Fahrgäste gerne öffentlich fahren“, so die Takte verdichtet, die Anschlüsse noch besser aufeinander abgestimmt, in den Stoßzeiten die Züge verlängert. Und: „An der Pünktlichkeit muss auch noch gearbeitet werden.“

Der Grünen-Kandidat Ulrich Dilger hat da gar keine Zweifel über die Sinnhaftigkeit: „Der Autoverkehr in der Region Stuttgart ist einer der größten CO2-Emittenten, ist für Lärm und schlechte Luft verantwortlich.“


Auf die Jugend setzen

Eine Entlastung für Stuttgart muss kommen. Und wie soll auch nur ein Klimaschutzziel erreicht werden, wenn die Wende beim Verkehr nicht gepackt wird? Das fragen sich alle, die über ihre nächste Fahrt hinausdenken. Vielleicht ist es ja so, dass nur die Hoffnung auf die nächste Generation bleibt.

Für junge Menschen in Stuttgart und nächster Umgebung nimmt die Bedeutung des Autos ab. Das ist nicht eine Hoffnung, sondern eine nachgewiesene Tatsache. Laut einer Umfrage der Bausparkasse Wüstenrot&Württembergische nutzen schon heute Menschen unter 40 Jahren in der Region zu fast 40 Prozent die Öffentlichen, in Stuttgart noch mehr als im Umland. Wenn sie frei wählen könnten, würden gar 46 Prozent von ihnen den Nahverkehr vorziehen, das eigene Auto nur noch 28 Prozent.

Freilich wäre nur ein Viertel aller Befragten, also auch der über 40-Jährigen, bereit, zusätzliche Gebühren zu bezahlen, etwa für eine Citymaut.

Es gibt auch Verkehrswissenschaftler. Nicht wenige von ihnen sagen, dass Verkehrswege einen Preis haben müssen. Jeder Kilometer und jeder Parkplatz. Wenn sie keinen Preis haben, werden sie so lange und so stark benutzt, bis nichts mehr geht.

  • Bewertung
    14

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!