Rems-Murr-Kreis Online-Glücksspiel: Der Staat mischt mit

Diese Automaten üben auf manche Menschen eine starke Anziehungskraft aus. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Rems-Murr.
Wer wird Millionär? Ein Spielsüchtiger nicht.

Max war spielsüchtig und zählt das Geld seit kurzem rückwärts: Je mehr er spart, desto mehr schrumpft der Betrag auf seinem Konto. Es wird noch Jahre dauern, bis er alle Schulden abgestottert hat.

Max’ wirklicher Name tut nichts zur Sache. Der 31-Jährige lebt im Rems-Murr-Kreis, verdient seine Brötchen als kaufmännischer Angestellter, stemmt nebenbei einen Zweitjob und konsumiert Fußball-Statistiken wie andere Leute Gummibärchen. An manchen Wochenenden hat er bei Sportwetten 10 000 Euro gewonnen. Oder mehr.

Unterm Strich verzockte Max 100 000 Euro. Oder mehr. Der Sog der Sucht hätte fast sein Leben zerstört, erzählte Max vor kurzem dieser Zeitung (wir haben berichtet). Seit zwei Jahren lässt er sich von einer Therapeutin helfen und die Finger vom Spiel. Seither geht’s aufwärts.

Toto-Lotto bescheinigt Bürgern ein „natürliches Spielbedürfnis“

„Glücksspiel kann süchtig machen“: Die Staatliche Toto-Lotto GmbH, zu 100 Prozent in Landeshand, warnt Kunden unmissverständlich. 2,2 Millionen Spielaufträge bearbeitet die Lotto-Zentrale am Stuttgarter Nordbahnhof wöchentlich im Schnitt. Sie lenkt nach eigenen Angaben das „natürliche Spielbedürfnis“ in geordnete Bahnen. Lottospieler bezeichnet die Toto-Lotto GmbH als „heimliche Mäzene“: Verspieltes Geld fließe in „Sport, Kunst und Kultur, Denkmalpflege oder Soziales“. Vergangenes Jahr zählte Toto-Lotto Spieleinsätze in Höhe von 977,9 Millionen Euro.

In naher Zukunft möchte die Lottogesellschaft virtuelle Automatenspiele im Internet anbieten. Ein neuer Glücksspielstaatsvertrag, auf den sich die Bundesländer vor kurzem zumindest vorerst verständigt haben, sieht eine Regulierung des Online-Spiels vor. Der illegale Markt werde zurückgedrängt, erwartet Jürgen Häfner, der Geschäftsführer der derzeit im Deutschen Lotto- und Totoblock federführenden Blockgesellschaft Lotto Rheinland-Pfalz. Sofern der Vertrag wirklich durchgeht, könnte die Toto-Lotto GmbH Mitte 2021 ins neue Marktsegment „virtuelle Automatenspiele“ einsteigen.

Kilian Frey und sein Suchtberater-Team fürchten, dass mehr Spielangebote zu einer noch größeren Zahl spielsüchtiger Menschen führen. Für den Leiter der diakonischen Suchtberatungsstellen in Waiblingen und Schorndorf ist es „nicht relevant, ob die Spielform legal oder illegal ist. Wichtig ist der Mensch, der sich hilfesuchend an uns gewandt hat, und wie man diesen unterstützen kann.“ Frey hielte es für „angebracht“, dass der Staat als Anbieter einer neuen Spielform dann auch für mehr Hilfen für spielsüchtige Menschen sorgt.

Verschiedene Arten des Glücksspiels bergen unterschiedlich hohe Risiken, einer Sucht anheimzufallen. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist von einem hohen Gefährdungspotenzial auszugehen bei Spielen mit einer schnellen Spielabfolge, etwa an Geldspielautomaten. In dieselbe Kategorie sortiert die Bundeszentrale bestimmte Kasinospiele und Livesportwetten im Internet: „Je schneller ein Spiel ist, desto schneller kann die gewünschte ‘Wirkung’ erzielt werden. Das Ergebnis ist bei schnellen Spielen innerhalb von Sekunden präsent. Abhängige Spielende wählen hauptsächlich Spiele mit einer schnellen Spielabfolge aus“, heißt es auf Infoseiten der BZgA.

Onlinespiele sind via Smartphone und Internet immer und überall verfügbar, gibt Kilian Frey zu bedenken. Ein neues Angebot erweitert die Spielmöglichkeiten – auch dann, wenn das Angebot staatlich kontrolliert ist, so Frey weiter – und das „erhöht die Zugriffsnähe“.

Wer online spielt, ist besonders gefährdet

Schon das Automatenspiel etwa in einer Spielhalle birgt Suchtgefahren, weil die Spiele sehr schnell ablaufen und man also auch sehr schnell gewinnen kann, zumindest theoretisch. Von „Ereignisfrequenz“ spricht Kilian Frey. Diese sei im Onlinespiel „nur noch durch die Datenrate, das verfügbare Geld und den Nutzer limitiert. Ist dieser bereits spielkrank, führt dies zu massiven sozialen, beruflichen, familiären bis hin zu gesundheitlichen Problemen und in die Schuldenfalle.“

Toto-Lotto-Geschäftsführer Georg Wacker sieht dessen ungeachtet das Staatsunternehmen „in der Pflicht“, auch im Segment Online-Automatenspiel „eine Art Grundversorgung anzubieten, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist“.

Registrierung und Limits sollen Suchtgefahr verringern

Gleichzeitig engagiert sich Toto-Lotto in der Sucht-Vorbeugung und arbeitet zu diesem Zweck eng mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zusammen. Ferner ist offenbar geplant, dass sich Spieler fürs neue virtuelle Toto-Lotto-Automatenspiel registrieren müssen. Limits sollen die Einsätze der Spieler begrenzen.

Unterdessen wächst der Glücksspielmarkt – und wächst und wächst. Die Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim berichtete Ende 2019 von einem „Fünf-Jahres-Hoch“ der Werbeausgaben der Glücksspielbranche.


Spielsucht: Hilfe für Betroffene

Menschen, die ein Problem mit Automatenglücksspiel, Sportwetten, Casinospiel oder anderen Glückspielformen haben, können bei der Psychosozialen Beratungs- und ambulanten Behandlungsstelle (PSB) für Suchtgefährdete und Suchtkranke des Kreisdiakonieverbands Rems-Murr-Kreis Hilfe erhalten.

  • Die Beratungsstelle bietet Einzelberatung sowie Gruppenangebote an. Interessierte können eine fachlich geleitete Spielerorientierungsgruppe ohne Voranmeldung besuchen: dienstags, 18 bis 19 Uhr, PSB in Waiblingen, Heinrich-Küderli-Str.61.
  • Um an einer therapeutisch geleiteten ambulanten Behandlungsgruppe teilnehmen zu können, ist zunächst ein Antrag erforderlich.
  • Das Angebot der Beratungsstelle ist kostenfrei und freiwillig. Die Mitarbeitenden unterliegen der Schweigepflicht.
  • Die PSB ist telefonisch erreichbar unter 0 71 51/9 59 19-1 12, Mail: psb-wn@kdv-rmk.de. Homepage: www.kdv-rmk.de, www.drogenhilfe-horizont.de
  • Für Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre gibt es montags von 15 bis 17 Uhr eine offene Sprechstunde. Eine offene Drogensprechstunde für Erwachsene ab 28 Jahre findet mittwochs von 15 Uhr bis 17 Uhr statt.
  • Ein großes Informationsangebot zum Thema gibt’s hier: www.spielen-mit-verantwortung.de
  • Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet unter der kostenlosen Rufnummer 08 00/1 37 27 00 anonyme Beratung an – auch für Angehörige von Spielsüchtigen. Ein Selbsttest zur Einschätzung des eigenen Spielverhaltens findet sich im Internet unter www.check-dein-spiel.de.
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