Rems-Murr-Kreis Revival der Werkswohnungen

Im Rems-Murr-Kreis werden derzeit viele Wohnhäuser gebaut, wie zum Beispiel in Weinstadt. Werkswohnungen im klassischen Sinne sind aber keine dabei. Die Krankenhäuser mieten für ihre Mitarbeiter lieber Personalwohnheime an. Foto: Gabriel Habermann/ZVW

Waiblingen/Winnenden. Werkswohnungen haben eine lange Tradition, sind aber völlig aus der Mode geraten. Mit dem Fachkräftemangel und den dramatisch steigenden Mieten und Immobilienpreisen könnte es bei Werkswohnungen zu einer Neuauflage kommen. Zwischen Rems und Murr ist aber kaum damit zu rechnen, dass Firmen wie einst ganz neue Wohnsiedlungen hochziehen.

>> Mehr dazu: Fachkräfte mit Wohnraum locken

„Mitarbeiterwohnen: Mehr als ein Instrument aktiver Personalpolitik“ heißt eine Broschüre des Berliner Forschungs- und Beratungsinstitutes Regio-Kontext. Das Fazit, das Regio-Kontext aus den Praxisbeispielen gesammelt hat, lautet: „Es lohnt sich, macht aber auch Arbeit.“ Die Robert Bosch GmbH ist in der Broschüre das einzige von rund einem Dutzend Beispielen in der Region Stuttgart. Seit über 80 Jahren ist Bosch mit seiner Wohnungsgesellschaft im Bau von Wohnungen engagiert, zuletzt ein Haus mit 50 Wohnungen für Beschäftigte im neuen Forschungscampus in Renningen. Der Engpass für den Neubau sei aber weniger der fehlende Wille, sondern der Mangel an Grundstücken. Eine Einschätzung, die Bosch mit der Kreisbaugruppe aus dem Kreis teilt.

Siedlungen für Arbeiter im Kreis nicht selten

Dass Firmen für ihre Beschäftigten ganze Siedlungen in der Nähe der Fabriken gebaut haben, spiegelt sich vielerorts im Ortsbild wider. So ist die Winnender Trabantensiedlung „Schelmenholz“ in den 60er Jahren untrennbar mit dem Umzug der AEG Elektrowerkzeuge nach Winnenden verknüpft. Auch Bosch baute für seine Mitarbeiter Wohnungen in Waiblingen, so wie es der Automobilzulieferer Schefenacker einst in Schwaikheim unweit der Fabrik am Bahnhof getan hatte.

Und heute? Die Firmen müssten sich klar darüber werden, ob sie überhaupt Wohnungen für ihre Mitarbeiter brauchen – und wenn ja, welche, so Regio-Kontext. Das betriebliche Engagement verursache durchaus Aufwand. „Nicht nur die Planung und der Bau eines Wohngebäudes, auch administrative Aufgaben wie die Vermietung und Bewirtschaftung müssen neben dem Tagesgeschäft geleistet werden – zumindest dann, wenn diese Aufgabe nicht an einen Kooperationspartner ausgelagert wird.“

Rems-Murr-Kliniken sehen Bedarf für Personalwohnheime

Ein „Schwesternwohnheim“ unweit des Krankenhauses ist letztlich nichts anderes als eine Werkswohnung. Für den Neubau des Klinikums in Winnenden hatten die Rems-Murr-Kliniken jedoch schon keines mehr geplant; das einstige Wohnheim in Schorndorf dient heute anderen Zwecken. Das heißt jedoch nicht, dass die Kliniken keinen Bedarf für Wohnraum für die Mitarbeiter sehen. Im Gegenteil. An beiden Standorten sind Personalwohnheime mit Zimmern und Appartements unterschiedlicher Ausstattung angemietet worden. „Weitere momentan noch im Bau befindliche Mietobjekte am Standort Winnenden vergrößern in den kommenden Monaten das bestehende Angebot“, teilt eine Sprecherin der Kliniken auf Anfrage mit.

Selbst ans Bein binden wollen sich die Kliniken den Bau von Werkswohnungen also nicht. „Hier sind wir in Abstimmung mit dem Landkreis und den Städten, die uns konstruktiv unterstützen.“ Der Bau eines Wohnhauses sei ein sehr komplexes, aufwendiges und zeitintensives Projekt, das auch mit Risiken verbunden ist. „Durch Mietobjekte können wir schneller und unkomplizierter auf die jeweilige Nachfrage reagieren.“

Werkswohnung für neue Stihl-Kollegen

Neuen Kollegen aus dem Bundesgebiet werden für den Übergang in den ersten Monaten Personalunterkünfte zur Verfügung gestellt, um ihnen die Wohnungssuche zu erleichtern. – Auch die Firma Stihl in Waiblingen stellt im Bedarfsfall neuen Mitarbeitern eigene Werkswohnungen als Übergangslösung zur Verfügung und unterstützt sie bei der Wohnungssuche. Zudem hat die Firma in Waiblingen ein Wohnheim für Studierende, die zum Beispiel ein Praktikum absolvieren oder eine Abschlussarbeit im Unternehmen schreiben. Das Wohnheim bietet Platz für circa 20 Studenten, die sich die Wohnungen als Wohngemeinschaft teilen.

Die Kreisbau-Gruppe hat sich seit geraumer Zeit der Wohnungsnot angenommen. Im Rems-Murr-Kreis fehlen nicht erst seit dem Zuzug Tausender Flüchtlinge vor allem erschwingliche Wohnungen. Durch Kooperation mit Städten und Gemeinden wird derzeit preisgünstiger Wohnraum geschaffen. Anfragen für Werkswohnungen hat die Kreisbau allerdings noch keine bekommen. „Grundsätzlich steht die Kreisbaugesellschaft diesem Thema offen gegenüber.“ Bei der Kooperation mit Kommunen, die der Kreisbaugesellschaft Grundstücke per Erbbaupachtvertrag überlassen, erhalten die Städte und Gemeinden im Gegenzug von Seiten der Kreisbau die Belegungsrechte für einen großen Teil oder alle der dort zu errichtenden Wohnungen eingeräumt.

Kärcher setzt auf sein Netzwerk an privaten Vermietern

Die Situation auf dem Wohnungsmarkt in Städten wie Stuttgart ist bekanntermaßen nicht einfach, beantwortete die Winnender Firma Kärcher unsere Anfrage: Viele der Mitarbeiter von Kärcher seien mit ihren Familien im Großraum der Landeshauptstadt wohnhaft. „Kärcher hat ein Netzwerk an privaten Vermietern aus der Region, zu dem das Unternehmen seit Jahren ein vertrauensvolles Verhältnis pflegt und so die Wohnungssuche seiner Angestellten unterstützen kann.“ Für Praktikanten, die in verschärftem Maße von den Mietpreisen betroffen sind, zahle Kärcher wahlweise einen Miet- oder Fahrtkostenzuschuss in Höhe von 160 Euro. Darüber hinaus gibt es auch hier eine Liste für private Vermietungen und verfügbare WG-Zimmer, die den Praktikanten bei Bedarf zur Verfügung gestellt werden.

Was für Werkswohnungen spricht

Das private Forschungs- und Beratungsinstitut Regio-Kontext, Berlin, stellt in einer Broschüre „Mitarbeiterwohnen: Mehr als ein Instrument aktiver Personalpolitik“ die Vorteile von Werkswohnungen für Unternehmen, Kommunen und die Wohnungswirtschaft heraus – ganz abgesehen von den Vorteilen für die Beschäftigten, die auch in Städten mit explodierenden Mieten wie München, Köln oder Stuttgart vergleichsweise günstig wohnen können.

Vorteile für die Unternehmen: „Gut qualifiziertes und motiviertes Personal zu finden und an das Unternehmen zu binden, stellt für viele Betriebe eine große Herausforderung dar. Mitarbeiterwohnungen können daher ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb um die besten Köpfe sein. Durch ein eigenes Wohnangebot steigern Unternehmen ihre Attraktivität und stärken die Arbeitgebermarke. Die Bewirtschaftung der Wohnungen erzielt dabei in den meisten Fällen eine konstante, niedrige Rendite. Bestehende Flächen im Unternehmensbesitz können durch Wohnungsbau einer neuen Nutzung zugeführt werden.“

Vorteile für Kommunen: „In vielen Städten und Gemeinden Deutschlands fehlen Wohnungen, vor allem im günstigen Preissegment. Mit den gewerblichen Unternehmen kehrt dabei ein Akteur an den Wohnungsmarkt zurück, der bedarfsgerechte Wohnangebote schaffen kann. Da die Rendite für diesen „Wohnraumanbieter“ nicht im Vordergrund steht, sind die Wohnungen oftmals vergleichsweise günstig und helfen, das gesamte Mietniveau zu dämpfen.“

Vorteile für die Wohnungswirtschaft: „Um Risiko und Aufwand bei Bau und Bewirtschaftung zu reduzieren, kooperieren viele Unternehmen beim Mitarbeiterwohnen mit professionellen Partnern aus der Wohnungswirtschaft. Egal ob Genossenschaften, kommunale oder private Wohnungsunternehmen: Diese Partner bringen dabei die nötige Expertise und Erfahrung an den Tisch.“

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