Rems-Murr-Kreis Sexuelle Übergriffe unter Kindern

Sozialpädagogin Grit Kühne zeigt eine Kiste mit sexualpädagogischen Materialien, die in Kitas zum Einsatz kommt. Foto: ZVW/Anne-Katrin Walz
Rems-Murr.

Tatort Kindergarten: Ein Junge zieht ein jüngeres Mädchen auf die Toilette und sagt, „lass die Hose herunter“ – „Nein“, sagt das Mädchen. Ein vierjähriges Mädchen spielt mit seiner Freundin Fiebermessen. Das Spielzeugthermometer gerät in die Scheide. Eine Gruppe von Fünfjährigen zieht einen Dreijährigen hinter einen Busch: „Zeig mal deinen Pipi-Max. Hihihi.“

„So etwas kommt vor“, sagt die Sozialpädagogin Grit Kühne von der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt des Kreisjugendamts Rems-Murr. Dort landen etwa vier bis fünf Mal im Jahr derartige Fälle – meistens die extremen. Viele grenzverletzende Situationen können aber auch ohne externe Unterstützung zu Hause oder in der Kita gelöst werden.

„Wichtig für die Kinder ist eine möglichst klare und einheitliche Haltung der Erwachsenen“, sagt Kühne. Sie müssen Kindern erst beibringen, durch Vorbild oder ausgesprochene Regel, wo genau die Grenze zwischen Doktorspiel und Übergriff, zwischen Neugier auf den Körper und Nötigung, verläuft. Nämlich genau dort, wo ein Machtgefälle entsteht und ausgenutzt wird. „Kindern, die andere Kinder zwingen, muss man sehr deutlich und konsequent zeigen, dass so etwas nicht geht“, sagt Kühne.

Doktorspiele sind wichtig

„Das normale Doktorspiel unter gleichaltrigen Kindern, die neugierig sind und gegenseitig ihren Körper entdecken, sollte aber erlaubt sein“, findet Kühne. Sexuelle Aktivität in diesem Sinne sei Ausdruck von Versuchen, sich selbst und andere Kinder zu entdecken. Das gehöre im Kindergarten-Alter zu einer gesunden Entwicklung dazu. Nicht alle Kinder spielen Doktor und Bezugspersonen sollten sie auch nicht dazu auffordern, aber wenn sie es tun, sollten sie nicht verboten werden. Im Gegenteil, es sollte Rückzugsorte geben, ein Vorhang, eine Puppenecke, an denen Kinder sich beschützt fühlen und ihre Intimsphäre gewahrt bleibt. Erwachsene sollten sie dann im Blick behalten und nur eingreifen, um die Regeln einzuhalten: Die Kinder sollten etwa gleichaltrig sein, jedes Kind sollte zu jeder Zeit „nein“ sagen können und es dürfen keine Gegenstände in Körperöffnungen geführt werden.

Richtig reagieren: Erst einmal zuhören

Ein Problem ist, wenn Übergriffe durch die Brille der erwachsenen Sexualität beurteilt werden. Dadurch entstehe eine besondere Dramatik, die dann aber nicht hilfreich sei, sagt Kühne. Denn: „Kinder denken noch nicht an Geschlechtsverkehr. Für ein Kind ist es zunächst einmal kein Unterschied, ob ihm ein anderes Kind einen Stock auf den Kopf haut oder es an den Genitalien verletzt. Beides tut ihm weh. Mehr erstmal nicht.“ Das Schamgefühl, das Entdecken des Körpers, das Fühlen der eigenen Grenzen und der Grenzen von Anderen, das Thema Macht – das alles lernen Kinder erst.

„Wenn ein Kind erzählt, dass es Opfer von einem Übergriff geworden ist, sollte die Bezugsperson in Ruhe zuhören und versuchen herauszufinden, wie es dem Kind wirklich geht und was es braucht“, sagt Kühne. „Vor allem sollte sie es erst einmal für sein Vertrauen loben.“ Das Gefühl, angehört zu werden, Unterstützung zu bekommen und in der nächsten Situation mit oder ohne Hilfe selbstwirksam zu bleiben, sind wichtig, damit keine seelischen Wunden zurückbleiben. „Die eigene Hilflosigkeit oder Angst sollte man das Kind nicht spüren lassen. Denn das verschärft die Situation.“ Umgekehrt sollte ein Erwachsener die Verletzung auch nicht mit einem „das ist doch nicht so schlimm“ herunterspielen. Wenn ein Kind erst im Nachhinein merke, dass ihm etwas nicht gefallen habe, „kann man das mit dem Kind besprechen und ihm helfen, wie es das nächste Mal besser auf sich aufpassen kann.“ Grenzverletzungen komplett zu vermeiden, gleiche „dem Versuch, eine Perlenkette aufzufädeln: das kann funktionieren, aber es kann auch hundertmal schiefgehen.“

Der Umgang mit einem Tabu

Doch obwohl in den letzten Jahren ist die Sensibilität gegenüber Übergriffen gewachsen ist - es gibt beispielsweise Broschüren und standardisierte Beobachtungen und Vorgehensweisen zum Kinderschutz – besteht nach wie vor Unsicherheit und ein Tabu im Umgang mit kindlicher Sexualität.

Eine Untersuchung der Universität Dortmund sieht eine Ursache in einem über Jahrzehnte hinweg gesellschaftlich vertretenen und immer noch gültigen „Kindermythos“, wonach Kinder fälschlicherweise als von Natur aus als „reine“, asexuelle Wesen wahrgenommen werden, die vor jeglicher sexuellen Äußerungsform - bei anderen und bei sich selbst - geschützt werden müssten. Das Gegenteil ist der Fall: „Wir sind von Geburt an sexuell. Der Säugling nuckelt an Mamas Brust, das Kleinkind spielt an seinen Genitalien herum, auch der Toilettengang verschafft Befriedigung, mit vier oder fünf Jahren gibt es manchmal Doktorspiele“, sagt Kühne. Aber die Sexualität von Kindern unterscheide sich eben grundlegend von derjenigen Erwachsener. Kleinkinder untersuchen ihren Körper mit der gleichen Intensität wie alles andere und unterscheiden zum Beispiel nicht zwischen Zärtlichkeit, Sinnlichkeit und genitaler Sexualität.

Doch weil viele Erwachsene unsicher sind und ihre Vorstellungen, was Kinder dürfen und was ihnen schadet, untereinander stark auseinanderdriften, besteht die Gefahr, dass die Sorge, mit der jede Berührung des kindlichen Körpers beäugt wird, der Sexualität der Kinder selbst im Wege steht. Ein Spannungsfeld, mit dem sich Kühnes Erfahrung nach auch viele Kindertagesstätten im Rems-Murr-Kreis beschäftigen. Einige haben im Team bereits ein sexualpädagogisches Konzept erarbeitet, um zum Beispiel den einheitlichen Umgang mit Doktorspielen zu gewährleisten und auch an die Eltern zu kommunizieren. „Das bietet Sicherheit und Orientierung“, sagt sie. Die Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt kann dabei unterstützen, ebenso wie sich Eltern bei Fragen oder Unsicherheiten direkt dorthin wenden können.

Kinder vor der ersten Klasse aufklären

Denn Eltern sind von Geburt an gefordert. Das fängt bei der Sprache an. Schon auf dem Wickeltisch sollten sie, so Kühne, die Genitalien ihrer Kinder nicht ignorieren, sondern ohne Umschreibungen benennen und ihre Kinder so erfahren lassen: Das gehört zu mir wie die anderen Körperteile auch. Denn nur, wenn Kinder ihren Körper kennen und darüber sprechen können, könnten sie auch sagen, wenn etwas passiert ist oder nicht gut lief. Und weil es später auf dem Schulhof nochmal andere Gefahrensituationen gibt, findet Kühne: „Kinder, die in die Grundschule kommen, müssen aufgeklärt worden sein. Am besten von ihren Eltern.“
 


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