Rems-Murr-Kreis So verändert das Coronavirus unser Berufsleben

Joachim Schönberger ist Personalentwickler und Managementberater, „Theologe/Diakon, Psychotherapeut (HeilprG), Business-, Executive- und Gesundheitscoach. Heute berät er überwiegend Führungskräfte, die sich für einen neuen Job bewerben, oder coacht Manager, die in eine neue Position hineinwachsen wollen. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Rems-Murr-Kreis.
Hoffnung ist der dynamische Motor gegen die Angst. Der Coronavirus hat die Gesellschaft bereits verwandelt und wird sie weiter verändern, das zeigt das Beispiel Home-Office. Bis vor kurzem allenfalls gewünscht, ist es über Nacht zum Muss und zu einer Pflicht geworden. Ein Gespräch mit Joachim Schönberger, Personalentwickler und Managementberater aus Winnenden-Breuningsweiler. Die Fragen stellte unser Redaktionsmitglied Martin Winterling.

Herr Schönberger, dieses Interview führen wir nicht von Angesicht zu Angesicht. Macht dies einen Unterschied oder ist es egal, ob man persönlich, schriftlich, telefonisch oder per Skype verkehrt?

Natürlich macht dies einen Unterschied, ob ich mit Ihnen direkt vis-à-vis spreche und Ihre Mimik und Gestik als Teil der Kommunikation sehe und auch emotional interpretieren kann. Außerdem kann ich Sie am Telefon nicht riechen oder schmecken, um die fünf Kanäle aufzuführen, die zu einer vernünftigen, zielgerichteten Kommunikation gehören können.
Ihre Emotionen, Ihre journalistische Neugier kann ich jetzt nur über Ihre Sprechtonhöhe, über Ihre Modulation erkennen. Und bei einem Video-Coaching kann ich das Gegenüber sehen. Das hilft auf jeden Fall. Allerdings haben wir alle durch die „sozialen Medien“ gelernt, auch flacher zu kommunizieren. Wenn wir Emotionen übertragen wollen, senden wir ja nicht umsonst kleine Filmchen: Ein Film sagt mehr als tausend Worte!

Brauchen Sie den direkten Kontakt mit Ihren Klienten?

Im Moment notgedrungen nicht. Einzelne Face-to-Face-Beratungen bei mir in der Praxis stehen noch. 90 Prozent meiner Termine auswärts wurden mindestens bis Ostern abgesagt.

Wie hat sich die Corona-Epidemie auf Ihre Arbeit als Personalentwickler und Managementberater ausgewirkt?

Meine Telefone laufen heiß. Viele Fragen in den Betrieben sind im Moment ungelöst. Personalstrategie und Personalknappheit sind out. Es geht aktuell um die Themen: Freistellungen, Abbau von Überstunden, Kurzarbeitergeld beantragen, teilweise Freisetzungen. Ich erlebe gerade das ganze Spektrum betrieblicher Vorgehensweise von totaler Verzweiflung im Catering und Messebau bis coolem Business as usual im Handwerksbetrieb, der auf dem Bau weiterarbeitet, solange die Lieferkette funktioniert.
Gefragt sind beim Unternehmer die Steuerberater und Bankmitarbeiter, die allerdings auch nur sagen können, was geplant ist und was möglicherweise als Unterstützung kommen wird. Meine Aufgabe sehe ich darin, meine Kundschaft in dieser unsicheren Übergangszeit zu begleiten, zu moderieren und Verzweifelte wieder so gut wie möglich einigermaßen aufzurichten.

Vor einem Monat war es noch eine kontroverse Debatte, ob und wie Home-Office zu gestalten ist. Corona hat nun quasi über Nacht Fakten geschaffen. Wie verändert Home-Office die Arbeitsbeziehungen zwischen den Menschen?

Na, ganz radikal. Als Bosch und andere große Firmen 2014 die freie Arbeitsplatzwahl einführten, waren die Motive für Home-Office ganz andere. Vertrauensarbeit, flexible Selbstdisziplin und Freiwilligkeit waren damals die Stichworte. Von Freiwilligkeit ist ja im Moment gar nicht die Rede. Home-Office ist notgedrungen das Mittel der Wahl, um in dieser Zeit mehrere Ebenen zu verbinden.

Welche Ebenen meinen Sie?

Erstens: den laufenden Betrieb, wenn auch eingeschränkt, aufrechtzuerhalten. Zweitens: die Übertragungswege zu distanzieren und drittens: ganz praktisch seit dem Schulstopp, Eltern in nicht systemrelevanten Betrieben und Dienstleistern die Möglichkeit zu geben, die Betreuung ihrer Kinder zu gewährleisten.

Welche Auswirkungen hat das für die Beziehungen beziehungsweise für die Familiensysteme?

Darüber reden wir nach der bestandenen Coronaprüfung. Home-Office war bis vor kurzem gewünscht, jetzt ist es ein Muss und Pflicht. Gerade heute sagte mir eine Kundin: „Wenn ich jeden Tag zu Hause bleiben muss, befürchte ich, dass ich zwar ,Coronagesund‘ bleibe, aber meine Psyche ein Fall für den Psychotherapeuten wird!“

Was können und müssen Arbeitgeber tun, dass Home-Office auch funktioniert?

Werte werden im Management wieder diskutiert: Verantwortung, Vertrauen, Verlässlichkeit, Probleme werden radikal sichtbar, wie zum Beispiel die technische Ausstattung, also zu wenig schnelles Internet. Meist liegen keine Notfallpläne in den Schubladen. Kunden, die es seither mehr mit Kontrolle hatten, setzten aus der Not heraus auf Vertrauen.
Das, was in meinen Beratungsprozessen in der Personalentwicklung oft monatelang dauert, geht jetzt durch radikale Einstellungsmodulationen in wenigen Tagen. Ich sehe alle in der Pflicht. Erhöhte Kommunikation über zu leistende Arbeit und über geleistete Arbeit. Neue Rollenverteilungen entstehen: Chef ist skeptisch - Mitarbeiterin ist zuversichtlich.

Zahlreiche Untersuchungen haben ergeben, dass Geld und Karriere nicht die entscheidenden Triebfedern sind, warum Menschen arbeiten. Was ist es denn?

Jahrelang haben unsere Befragungen in der Branche ergeben: Anerkennung, Wertschätzung stehen ganz oben. 2019 standen „Verantwortung haben, eigenständig Projekte führen“ hoch im Kurs. Das kann jetzt in der Krise ein großer Vorteil sein, wenn es uns gelingt, diese Triebfedern mit den Beschäftigten zu dynamisieren. Aber all diese Pläne sind Makulatur, wenn es uns nicht gelingt, das soziale Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten.
Manche reden ja jetzt schon vom Kollaps des kapitalistischen Systems. Das halte ich für übertrieben. Wir sollten alle miteinander nüchtern und realitätsnah diese, wie die Kanzlerin sagte: „größte Herausforderung seit dem 2. Weltkrieg“ angehen. Es ist nicht nur eine Marktkrise, sondern auch eine medizinisch-sozial-dynamische Gesellschaftskrise mit bisher unbekanntem Ausgang.

Kann Home-Office die sozialen Bedürfnisse erfüllen? Wie kann Heimarbeit gestaltet werden?

Struktur, Struktur, Disziplin galten seither für Home-Office und jetzt umso mehr. Schwerpunkte im Alltag bilden: Wann arbeite ich? Wann koche ich? Wann spiele ich mit den Kindern? Einerseits erkenne ich das Bedürfnis nach Sozialkontakten, andererseits sehe ich auch die Verlockungen der ständigen Erreichbarkeit durch die digitalen Medien bzw. das unfassbar große Angebot von Informationen durch Extra-Sendungen, durch Extra-Mails und Newsletters.
Man hat doch den Eindruck: Das Coronavirus wird von Tag zu Tag größer und der Bildschirm ist bald nur noch rot vor lauter Virenmodellen. Kürzlich erzählte mir ein Kunde, dass er die Bundespressekonferenz zu lange verfolgt hat und ihm ein Telefontermin dadurch geplatzt war. Nur ein kleines Beispiel von vielen. Im Büro schaut man in der Regel keine Pressekonferenzen.

Vielleicht müssen wir uns noch Monate hinaus auf soziale Isolation einstellen. Gerade Senioren trifft es hart, dass sie keinen Besuch mehr bekommen. Kinder sollen nicht mehr miteinander spielen. Wir Erwachsenen verblöden vor der Glotze … Wie verändert dies alles unsere Gesellschaft?

Wir wissen alle noch gar nicht was passiert, wenn die große Welle in ein paar Wochen dann kommt. Soziale Isolation ist meines Erachtens ein Widerspruch in sich. Von welcher Isolation sprechen wir? Habe ich mich selbst isoliert, wurde ich isoliert? Sicherlich die Grenzen verschwimmen aktuell. Ein Medizinexperte hat mir kürzlich erklärt: Bei manchen Zielpersonen im medizinischen Bereich ist es sogar von Vorteil, „wenn sie jetzt aktuell infiziert sind. Dann sind sie wieder fit und einsatzbereit, wenn wir die große Welle stemmen müssen!“ Diese Aspekte gibt es also auch.

Wer arbeitet, ist vermutlich weniger betroffen von Isolation als der- oder diejenigen, die sowieso meist zu Hause sind.

Wir wissen ja Stand heute nicht, wie lange es dauert, bis wir uns wieder auf die Straße wagen. Die Senioren in meinem Umfeld sehen das übrigens überraschend entspannt. Vor allem die, die in Partnerschaften leben. Bei den Einsamen und Kranken haben wir ein gesellschaftliches Problem, das allerdings durch Corona nun sehr stark ins Bewusstsein kommt. Ich berate in Stuttgart die Individuelle Schwerstbehinderten-Ambulanz - ISA der EVA. Dort stehen sie vor großen Fragen im Spannungsfeld der Hilfe einerseits und der Gefahr der Übertragung andererseits.

Vor gut einem Jahr führten wir ein Interview über den Fachkräftemangel. Nach fast zehn Jahren Boom bricht die Wirtschaft nun über Nacht zusammen. Menschen müssen kurzarbeiten und verlieren ihre Arbeit, Unternehmen gehen bankrott, Existenzen werden vernichtet. Sind wir darauf vorbereitet?

Ganz klar nein – aber wie sollen wir auch auf eine Pandemie in diesem ungeahnten Ausmaß vorbereitet sein? EU, Staat, Regierung, die Gesundheitsexperten geben doch alles. Dass es in einer Demokratie zu unterschiedlichen Bewertungen kommen kann, ist doch selbstverständlich, und dass die Lobbyisten ihren Teil dazu beitragen, sehe ich total entspannt. Dafür sind sie doch da.
Wenn die Kanzlerin durch Worte an das Volk uns allen zeigt, wie einmalig die Situation in der Welt, in unserer Gesellschaft ist, dann zeigt es mir, dass wir die Botschaft ernst nehmen sollten, die dahinter aufscheint: Solidarität. Solidarität und Ausgangsdisziplin, die sogenannte Compliance in allen Arbeits- und Lebensbereichen. Ist doch auch ein Phänomen, dass ausgerechnet die Menschen beziehungsweise Berufsgruppen, die in der Vergangenheit viel zu wenig verdient haben, jetzt ganz vorne an der Katastrophenlinie arbeiten und wir von diesen Menschen, die jetzt alles geben müssen, abhängig sind. Wenn das Gerechtigkeit ist …

Wohl eher nicht. Aber hoffentlich ein Denkanstoß. Zurück zum Thema Wirtschaft: Reichen die Hilfsprogramme aus?

Wir werden in drei bis vier Monaten sehen, was die Versprechen im Hinblick auf EZB-Milliarden, KfW-Kredite, Landeszuschüsse und Steuerstundungen etc. der Politik tatsächlich wert waren. Die Kanzlerin hat ja veranlasst, das Notwendige zu tun. Wenn unsere Gesellschaft, unser Wirtschaftssystem das nicht hinbekommt, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Ich bin zuversichtlich trotz großer Skepsis allenthalben.

Wir erleben eine Welle von Hilfsbereitschaft. Leute unterstützen Freunde, Bekannte, Verwandte. Auch fremden Nachbarn oder Mitbürgern wird Hilfe angeboten. Ist das nicht ein gutes Zeichen?

Auf jeden Fall. Ich bin der Meinung, dass die Medien die einmalige Chance haben, über die vielen Solidaraktionen der Menschen, nicht nur in der Nachbarschaft, zu berichten. Die Solidarität, die von oben eingefordert wird, lebt doch an der Basis sofort auf. Beispielsweise gibt es in Waiblingen schon in kürzester Zeit die Plattform-Aktion „Waiblingen liefert“. Von Dekan Hertneck und Ehrenamtlichen der evangelischen Kirche gestartet: „Menschen einer Stadt helfen sich!“ Das sind die Zeichen, die die Bürger jetzt brauchen und mit Engagement bereichern können. Und die ich als Kirchengemeinderat im Ehrenamt voll unterstütze. Bei diesen Aktionen sollte die Ökumene bis in die Moscheen wirken.

Für mich ist es sehr erstaunlich, wie gelassen wir auf die völlige Einschränkung unserer Bewegungsfreiheit und Entfaltungsmöglichkeiten reagieren.

Da bin ich ganz bei Ihnen, das finde ich als kritischer Bürger, der ich schon immer war und bin, ebenso faszinierend. Wie die Gesellschaft, bis auf einige Ausnahmen – junge Menschen, Verschwörungstheoretiker und Fake-News-Verbreiter –, die noch dazulernen müssen, auf diese außerordentliche gesellschaftliche Situation reagiert.

Mir macht dies Hoffnung, dass wir Menschen auch die ebenso große Gefahr durch den Klimawandel endlich anpacken und „verzichten“. Halten Sie diese Hoffnung für naiv?

Realistisch betrachtet sind es zwei unterschiedliche Dimensionen. Klimawandel ist nicht immer direkt spürbar, die Auswirkungen sind zwar elementar, aber ich kann doch auch in der schlechten Luft einkaufen gehen. Aktuell ist durch das Virus und die Berichterstattung darüber die Gefährdung existenziell nachvollziehbar: Hier bin ich persönlich bedroht. Wenn wir durch diese existenzielle Bedrohung hindurchgegangen sind, werden wir den globalen Klimawandel mit Sicherheit anders bewerten. Viele Größen der Menschheit waren naiv: Jesus, Gandhi, Sophie Scholl. Der Arzt, Musiker und Theologe Albert Schweitzer hat mit seiner hoffnungsvollen Naivität ein ganzes Buschkrankenhaus aufgebaut.

Sie sind von Haus aus Theologe. Können Glaube und Religion in Situationen wie diesen helfen und wenn ja wie?

Auf jeden Fall: Auch wenn wir als Christenmenschen mit großer Sorge auf die derzeitigen Entwicklungen schauen, finden wir bei Paulus einen meiner Leitverse für diese Art von Situation: „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit gegeben.“ Er gibt seinem Schüler Timotheus drei Kriterien zur Stärkung mit auf seinen Weg: Erstens: Gehe mit Mut und Vertrauen - Angst ist also ein schlechter Ratgeber! Zweitens: Lass dich von der (Nächsten-)Liebe leiten - weltlich gesprochen von der Solidarität, und drittens: Bewahre in allen Fällen, in allen Situationen die Besonnenheit. Das bedeutet in den drängendsten Augenblicken unserer aktuellen Situation kurz innezuhalten, sich/mich zu besinnen. Was ist der nächste Schritt? Ist das der Schritt in die richtige Richtung? Christenmenschen fühlen sich getragen von der Hoffnung. Hoffnung ist der dynamische Motor gegen die Angst.

Die Kirchen sind allesamt geschlossen. Wie können sie den Kontakt zu den Gläubigen aufrechterhalten? Mit Gottesdiensten per Livestream? Taufen über Skype? Virtuellen Beerdigungen?

Fast alles ist denkbar. Livestream-Gottesdienste gibt es ja schon lange. Reformatorisch ist die Taufe an die konkrete Handlung als Wortzeichen gebunden, das geht (noch) nicht virtuell. Allerdings lebt der Glaube eben auch von der Gemeinschaft. Ein virtuelles Abendmahl ist für mich nicht denkbar. Mein Hinweis: www.facebook.com/Kirchenbezirk.Waiblingen/.

Bei unserem ersten Kontakt für dieses Interview sagten Sie, dass inzwischen jedes Telefonat oder jede Mail, ob privat oder geschäftlich mit dem Satz beginnt: „Hoffe, Ihnen/Dir geht es gut!“. Besinnen wir uns nun plötzlich auf das Wesentliche?

Ja, scheint so - oder führen Sie diese Art von Interviews regelmäßig? Wenn diese Hoffnung im Telefonat, in der Mail oder in den sozialen Medien nicht als Floskel verkommt - bin ich sehr optimistisch, dass wir durch und nach Corona gelernt haben was wesentlich in Arbeit, Beruf, Familie und Gesellschaft ist: mein Gegenüber!

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