Rems-Murr-Kreis Soll Hauptschulabschluss an Realschulen wieder abgeschafft werden?

Bitte nicht schon wieder Hausaufgaben ... Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Rems-Murr-KreisDas Thema sei „brandaktuell“, „wichtig“ und „äußert schwierig“, schreibt Sabine Hagenmüller-Gehring, Backnanger Schulamtsleiterin, seit Jahren im Amt und Bewältigerin vieler schulpolitischer Umwälzungen. Wenn eine wie sie erklärt: „Eine Lösung liegt aus meiner Sicht nicht auf der Hand“ – dann ist wirklich was im Argen.

Zur Erinnerung: Ende Januar ging die Arbeitsgemeinschaft der Realschulrektoren Baden-Württemberg mit der Forderung an die Öffentlichkeit, den Hauptschulabschluss an der Realschule wieder abzuschaffen. Die Möglichkeit, diesen Schulabschluss in den Realschulen abzulegen, gibt es erst seit dem Schuljahr 2016/2017.

Mit dem Unterricht auf mittlerem Niveau überfordert

Die Realschulrektoren erklärten, dass etwa ein Viertel der neuen Schüler nicht die passende Grundschulempfehlung mitbrächten. Sie seien mit dem Unterricht auf mittlerem Niveau überfordert, die falsche Schulwahl führe zu Frust und auffälligem Sozialverhalten. Das Problem: In den Realschulen bilden die Klassen fünf und sechs die sogenannte „Orientierungsstufe“. In diesen zwei Schuljahren werden alle Kinder auf Realschulniveau unterrichtet. Erst ab Klasse sieben wird differenziert und das „grundständige“ Niveau angeboten. Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Realschulrektoren, Holger Gutwald-Rondot von der Kraichgau-Realschule in Sinsheim, sprach sich dafür aus, die verbindliche Grundschulempfehlung wieder einzuführen. Leistungsschwächere Schüler würden so nicht mehr in den Realschulen landen und „könnten dann von nahen Werkreal-, Haupt- und Gemeinschaftsschulen aufgenommen werden“.

Nur noch drei Werkrealschulen im Rems-Murr-Kreis

Hier aber liegt der Hase im Pfeffer: Selbst wenn Sabine Hagenmüller-Gehring dieser Forderung nachkommen wollte – sie könnte es nicht. Im Rems-Murr-Kreis gibt es nur noch drei Werkrealschulen. Die sind in Alfdorf, in Rudersberg und in Plüderhausen. Es ist unmöglich, Kinder aus Backnang, Murrhardt, ja selbst Waiblingen oder Winnenden jeden Morgen auf solche Reisen zu schicken. Und: „Dass wieder neue Werkrealschulen entstehen, nachdem sie erst geschlossen werden mussten, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen“, sagt Sabine Hagenmüller-Gehring.

Blieben die Gemeinschaftsschulen: In dieser Schulart wird ab der fünften Klasse differenziert unterrichtet. Allerdings nicht nur auf grundständigem und mittlerem Niveau, sondern auch auf dem „erweiterten“, dem Gymnasialniveau. Das Ziel der Gemeinschaftsschulen, sagt Sabine Hagenmüller-Gehring, ist es, in den Klassen eine „gute Durchmischung“ zu haben. Idealerweise werden jeweils gleich viele Kinder auf den drei verschiedenen Niveaus unterrichtet. Nur so, so die Theorie, funktioniert die Lerndynamik, bei der die starken Schüler die schwächeren mitziehen. Vor diesem Hintergrund ist es völlig unmöglich, all die Kinder, die an der Realschule überfordert sind, an die Gemeinschaftsschulen abzugeben. Würde das geschehen, sieht Sabine Hagenmüller-Gehring die Gemeinschaftsschule „gefährdet“. Bleibt noch die Möglichkeit, in den Realschulen schon ab Klasse fünf differenziert, also auf zwei Niveaus, zu unterrichten. Kultusministerin Susanne Eisenmann, CDU, diskutiert sowohl dies, wie auch überlegt wird, die Orientierungsstufe auf die Klasse fünf einzukürzen.

"Eine brisante bildungspolitische Fragestellung"

Das allerdings löst bei Schulamtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring keine Jubelschreie aus. „Freilich“, erklärt sie, „würde das zu einer Entlastung führen.“ Doch worin bestünde dann noch der Unterschied zur Gemeinschaftsschule? Die Konturen verwischten „durch einen solchen Schritt zunehmend“.

Dieses Unterrichtsproblem in den Realschulen, Frust und Enttäuschung bei den Kindern, eine übers normale Maß hinausgehende Belastung der Lehrerinnen und Lehrer, die den überforderten Kindern nicht helfen können, sei, schreibt Sabine Hagenmüller-Gehring, eine „wirklich brisante bildungspolitische Fragestellung, die unbedingt beantwortet werden muss“.


Nicht nur die Orientierungsstufe bringt Probleme: Realschulen müssen auch immer mehr Gymnasiasten aufnehmen

Mario Comite, Schulleiter der Salier-Realschule, stimmt den Ausführungen der Arbeitsgemeinschaft der Realschulrektoren zu. „Wir erleben seit der Einführung der Orientierungsstufe zunehmend mehr die Situation, dass vorrangig Schüler mit der nicht passenden Grundschulempfehlung sich vor allem in den ersten beiden Jahren sehr schwertun.“ Comite fordert, dass das Kultusministerium hier nachsteuert.

Denn diese Kinder würden nach bestem Wissen und Gewissen gefördert, erlebten aber dennoch viel Frust, weil Klassenarbeiten eben auf mittlerem Niveau geschrieben und bewertet werden müssen.

Beate Flemming-Nikoloff, Schulleiterin der Gottlieb-Daimler-Realschule in Schorndorf, erklärt: „Eltern dürfen ihre Kinder mit einer Haupt-, Werkrealschul- und Gemeinschaftsschulempfehlung bei uns anmelden und ich habe auch Verständnis dafür, dass sie das tun.“ Denn: Zum einen hätte die Realschule einen guten Ruf, zum anderen kämen manche Kinder mit dem Konzept der Gemeinschaftsschule nicht zurecht.

Das Ziel an der Gottlieb-Daimler-Realschule sei es, möglichst alle der Schülerinnen und Schüler zur Mittleren Reife zu führen. Und das Kollegium werde in seinem Tun bestätigt: Im Vergleich zur Lernstandsüberprüfung in der fünften Klasse schnitten die Jugendlichen bei den Vergleichsarbeiten in der achten Klasse schon besser ab. „Bei der Realschulabschlussprüfung sieht man dann nochmals eine Leistungssteigerung.“ Es seien nur wenige Kinder, die auf dem mittleren Niveau nicht mitkämen und dann den Hauptschulabschluss machten. Von den aktuell 140 Neuntklässlern seien es nur sieben.

Doch die Realschulen kämpfen noch mit einem weiteren Problem. Immer mehr Jugendliche wechseln von den Gymnasien in Realschulen. „Sowohl zum Halbjahr, als auch am Ende des Schuljahres haben wir zahlreiche Wechsel-Anfragen“, sagt Mario Comite. Es sind so viele, dass inzwischen Absagen ausgesprochen werden müssen.

Diese Jugendlichen durchleben genau das Gleiche wie die in Klasse fünf und sechs überforderten Realschüler: Sie können in ihrer Schule – auf den Gymnasien wird auf dem sogenannten „erweiterten Niveau“ unterrichtet – nicht mithalten, sammeln schlechte Noten, durchleben eine lange Zeit der Frustration. „Oftmals ist es gar nicht so leicht, ihnen wieder den Spaß am Lernen zu vermitteln“, sagt Comite.

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