Rems-Murr-Kreis Sportwetten: Wandlung eines Zockers

Können süchtig machen: Wetten auf den Ausgang von Fußballspielen. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Rems-Murr.
Bastian Schweinsteiger wirbt für „sauberes“ Spiel an Glücksspielautomaten. Oliver Kahn setzt seine Prominenz seit Jahren für den Sportwetten-Anbieter „Tipico“ ein.

Wer jeden Tag wie viel Geld mit Sportwetten verdient und wer wie viel verliert, kann niemand wissen.

„Wir werden von den Sportwetten noch überrollt werden“, prophezeit Max (Name geändert). Der 31-jährige kaufmännische Angestellte lebt im Rems-Murr-Kreis und hat vor rund zwei Jahren das letzte Mal online Sportwetten abgeschlossen. Seine Bilanz nach vielen Jahren Spielsucht, wie er es heute nennt: 100 000 Euro Verlust – „wahrscheinlich mehr“.

10 000 Euro Gewinn an einem Wochenende - kein großes Ding

Max sitzt im Waiblinger Beratungszimmer der Suchttherapeutin Karin Ibele-Uehling und erzählt seine Geschichte. Man hört ihm gern und lange zu, weil er redegewandt ist, hinter die Dinge blickt, Zusammenhänge schildert, Einblicke gewährt in eine Lebenswelt, die Nichtspielern völlig fremd sein dürfte.

Max’ früheres Leben spielte sich in großen Teilen auf seinem Sofa ab. Dort war (und ist wahrscheinlich immer noch) Platz genug für mehrere Laptops, das Tablet und die Handys. Max liebt Fußball, schon immer. Ihn interessieren selbst Spiele der unteren Ligen in Kambodscha oder an der Elfenbeinküste. „Ich bin ein Zahlen- und Statistikmensch“, sagt Max, und deshalb hat er wie besessen Spielergebnisse ausgewertet, Wahrscheinlichkeiten berechnet – und entsprechend gewettet. 10 000 Euro Gewinn an einem Wochenende – kein großes Ding für ihn.

"Die Therapie hat mein Leben gerettet"

Doch bleiben Wahrscheinlichkeiten halt Wahrscheinlichkeiten, das ist ja der Witz an der Wette. Max hat deshalb viel gewonnen – und mehr verloren.

„Die Therapie hat mein Leben gerettet“, erzählt Max. Allein hätte er es nicht geschafft, sich dem Sog zu entziehen. Einem Sog, der sein ganzes Leben bestimmte, der etwas Diebisches in ihm zum Vorschein brachte und seine Beziehungen zu anderen Menschen, besonders zu Frauen, extrem beeinflusste.

Karin Ibele-Uehling war bis vor kurzem noch bei einer sozialen Einrichtung im Rems-Murr-Kreis als Suchttherapeutin angestellt. Sie hat sich dann selbstständig gemacht, und aktuell arbeitet sie parallel an ihrer Doktorarbeit. Darin wird es viel um Hirnforschung gehen und um die Frage, was Spielsüchtige aus ihrer Sicht wirklich brauchen, um gesund werden zu können.

Sie brauchen, davon ist die Therapeutin fest überzeugt, etwas anderes als Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit. Sucht ist nicht gleich Sucht. Spielsüchtige sind sehr viel schneller „getriggert“, sagt Karin Ibele-Uehling: Es reicht schon, wenn in einer Selbsthilfegruppe jemand mit leuchtenden Augen von seinen früheren Casino-Besuchen erzählt. Das kann bei den anderen heftigen „Spieldruck“ auslösen. Alkoholkranke Menschen sind meist erst bei viel stärkeren Reizen wieder nahe dran am Suchtdruck – das zumindest ist Karin Ibele-Uehlings Erfahrung.

"Warum bin ich so geworden?"

Spielsüchtige unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit meist von Menschen mit anderen Suchtproblemen. Sie stellen sich gern nach außen dar, sind oft sehr intelligent, und sie gieren nach Reizen, „damit es ihnen nicht zu langweilig ist“.

Max nickt. Er beschreibt sich selbst als „extrem belastbar“. Früher hat er nächtelang durchgespielt. Er erschien trotzdem pünktlich am Arbeitsplatz, wo er nebenbei ein paar Wetten online abschloss. Ein kaufmännischer Vollzeitjob plus Nebentätigkeit (wegen der Schulden) – das ist nun nichts, was ihn stressen könnte. Er ist oft im Fitnessstudio anzutreffen, betreibt andere Sportarten, führt eine herausfordernde Beziehung, hat Yoga für sich entdeckt – und so weiter.

„Warum bin ich so geworden?“ – mit dieser Frage hat er sich lange befasst – und in der Therapie Antworten gefunden. „Ich behaupte, dass ich mich heute besser und schneller spüre. Mir ist klargeworden, was mir wirklich wichtig ist.“ Reize und Abwechslung verschafft er sich nun auf andere Weise als im Online-Wettstudio.

Die Schulden abtragen, auch dafür muss und will er Energie aufbringen. Lässig, wie Spieler oft sind, lächelt er selbstbewusst Probleme weg und versichert: keine Sorge. Krieg ich hin.

Glücksspielgesetz: Eine Farce?

Früher verbrachte Max zwischen den Wetten viel Zeit mit Finanz-Jonglage. Dauernd Anrufe von Gläubigern, ständig Mahnungen im Briefkasten, unangenehme Kommunikation mit Inkassobüros, geschickt ein Loch stopfen und dafür woanders eins aufreißen: Das schafft vermutlich nicht, wer stressanfällig ist. Kurz vor der Privatinsolvenz entschloss sich Max, sich heimlich Geld zu besorgen bei einem vertrauten Menschen, ohne dass dieser Mensch das bemerkt hätte. Diebstahl – so kann man’s auch nennen. Von „Beschaffungskriminalität“ spricht Max heute: „Man kommt auf Ideen ohne Rücksicht auf Verluste. Weil man im Tunnel ist und einfach Geld besorgen muss.“

Es wird getrickst und beschönigt und gelogen, was das Zeug hält. In den Selbsthilfegruppen griff Karin Ibele-Uehling oft ein und fragte nach, ob die Leute überhaupt bemerkten, „wie sie sich selber die Story vom Pferd erzählen“. Um „Plausibilitätskontrollen“ wird es in der Doktorarbeit der 50-jährigen Sozialpädagogin auch gehen; Spieler brauchen jemand, sagt sie, der ihnen immer und immer wieder vor Augen führt, wie sie sich selbst belügen.

An den Lügen, die Leben zerstören können, auch das der Angehörigen, verdienen Sportwetten-Betreiber ungeahnte Summen – genau wie der Staat. Das Glücksspielgesetz hält Ibele-Uehling für „eine Farce“. Online-Wetten seien praktisch nicht steuer- und kontrollierbar. In der Politik werde das Thema „total verharmlost“.

Max hält es für unrealistisch, das Glücksspiel- oder Sportwetten-Angebot eindämmen zu wollen. Er hat sich früher öfter selbst mit Sperren belegt. „Aber man kommt sofort woanders rein. Es gibt ständig neue Anbieter weltweit.“ Mehr Therapieangebote seien dringend vonnöten.

Er selbst empfindet Glücksgefühle, weil er gelernt hat, seine Energie für Sinnvolleres als fürs Hin- und Herschieben von Schulden zu verwenden. „Das ganze Leben war ein Spiel“, erzählt er. Jetzt ist es schön, das Leben.

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