Rems-Murr-Kreis/Stuttgart Kommentar: Keine Entschädigung für Bahnfahrer im Kreis

, aktualisiert am 10.02.2020 - 13:13 Uhr
Ein Kommentar von Redakteur Alexander Roth zu den angekündigten Entschädigungen für Bahnfahrer. Foto: ZVW/Gabriel Habermann; Montage: ZVW/Joachim Mogck

Waiblingen.
Das Landesverkehrsministerium hat am Donnerstag mit einer Pressemitteilung für Aufsehen gesorgt. „Stammkunden im regionalen Schienenverkehr von Baden-Württemberg erhalten als Wiedergutmachung für besonders schlechte Leistungen des vergangenen halben Jahres eine einmalige Entschädigung“, heißt es darin. Ausgezahlt werden solle der Gegenwert einer Monatskarte oder -rate, je nach Ticket, ganz unbürokratisch.

Die Freude dürfte bei vielen leidgeplagten Bahnfahrern im Kreis aber von kurzer Dauer gewesen sein. Denn im zweiten Absatz der Mitteilung steht: Die Regelung gilt nur außerhalb des Gebiets der Stuttgarter S-Bahn. „Fahrgäste im S-Bahn Gebiet können aufgrund bestehender alternativer Ausweichmöglichkeiten nicht in die Entschädigungsregelung einbezogen werden.“

Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert.

Erstens: Bahnfahrer in der Region sind, ohne natürlich die Definition des Verkehrsministeriums zu kennen, ebenfalls von „besonders schlechten Leistungen des vergangenen halben Jahres“ betroffen. Nicht nur wegen der Probleme mit Go-Ahead.

Zweitens: Hier wird eine der einwohnerstärksten Großstädte, die über mehrere S-Bahn-Linien, Regionalbahnen und eine Stadtbahn verfügt, mit kleinen Gemeinden in einen Topf geworfen.

Drittens: Welche Ausweichmöglichkeiten sind gemeint? Wenn auf der Schiene nichts geht, dann hilft auch die S-Bahn-Anbindung nichts. Und ansonsten fahren, bis auf die Stadtbahn in Fellbach, nur Busse. Die sind, je nach Start- und Zielort, teilweise erheblich länger unterwegs.

Viertens: Die Kriterien, die einer Entschädigung zugrunde liegen sollen, stehen noch gar nicht fest. Das erklärte die Pressestelle des Verkehrsministeriums auf Nachfrage. Man müsse erst noch genau definieren, ab wann eine Bahnfahrt als „Schlechtfahrt“ gelte, so eine Sprecherin.

Und trotzdem hat man sich offenbar schon entschieden, die Bahnfahrer einer ganzen Region von der Regelung auszuschließen?

"Dass alles zusammenkommt, ist selten"

"Das S-Bahn-Netz ist ausgenommen, weil dort eben die S-Bahn als Alternative zur Regionalbahn oder dem Regionalexpress zur Verfügung steht", so die Sprecherin. "Dass alles zusammenkommt, ist selten."

An dieser Stelle sei an die tagelang andauernde Stellwerkstörung im November erinnert.

Aber die Zuständigkeiten! Die S-Bahn sei Aufgabe des Verbands Region Stuttgart (VRS). Für Probleme bei der bundeseigenen Infrastruktur trage wiederum DB Netz die Verantwortung. In solchen Fällen erhalte das Land auch keine Zahlungen von den Eisenbahnverkehrsunternehmen, die für Entschädigungsleistungen herangezogen werden könnten. "Zum Vergleich: Autofahrer oder Speditionen erhalten auch keine Entschädigung, wenn Straßen wegen Baustellen oder Ähnlichem gesperrt werden müssen." 

Ähnlich klingt der Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) selbst: "Ich lasse mir nicht alle Probleme, die in diesem System vorhanden sind, in die Schuhe schieben", sagte er laut Deutscher Presseagentur am Donnerstag im Landtag.

Man hat also eine Pressemitteilung herausgegeben, ohne überhaupt sagen zu können, wer entschädigt wird. Dafür steht schon drin, wer leer ausgeht: Große Teile einer Region, in der sich die Bahn-Chaos-Meldungen seit Monaten häufen. Bleibt die Frage, worauf man im Kreis länger warten müssen wird: Auf die Pointe, die nächste Bahn, oder den Tag, an dem jemand tatsächlich Verantwortung für das Desaster übernimmt.


Hinweis: Da es offenbar zu Missverständnissen kam - es sind (wahrscheinlich) nicht alle Bahnfahrer im Kreis von den Entschädigungen ausgenommen - haben wir an ein, zwei Stellen die Formulierungen präzisiert. Wir bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.

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