Rems-Murr-Kreis Verdacht auf Kindeswohlgefährdung: So geht das Jugendamt vor

Kreisjugendamtsleiter Holger Gläss. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen.
Rettet doch dieses Kind. Tut endlich was. Appelle dieser Art richten sich häufig ans Jugendamt. Als kürzlich die Polizei meldete, sie habe in einer verwahrlosten Wohnung im Rems-Murr-Kreis vier Kinder gefunden, bahnte sich sofort dieses Spontan-Gefühl seinen Weg: Jetzt muss einer die Kleinen retten, und dieser „einer“ ist das Amt.

Holger Gläss kann mit solchen Appellen gut umgehen, weil er über sehr lange Erfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe verfügt und als Jugendamtsleiter die Ruhe bewahren muss. Alles andere würde keinem nützen.

Was aus den vier Kindern in der verwahrlosten Wohnung geworden ist, dazu gibt’s zum Schutz der Familie und aus Datenschutzgründen keine Auskunft. Stattdessen erläutert Holger Gläss ganz allgemein das Vorgehen, sofern ein Verdacht besteht, das Wohl von Kindern könnte gefährdet sein.

Einfach ist es nie

Ein Beispiel: Die Polizei ruft beim Jugendamt an und sagt, es bestehe Anlass zur Sorge, Kinder seien betroffen. „Wir fahren sofort hin, zu zweit“, sagt Holger Gläss.

Ja, und dann holt das Jugendamt die Kinder da raus? Als ob es so einfach wär’. Vielleicht entsteht vor dem inneren Auge eines Menschen, der noch nie in echten Schwierigkeiten steckte, ein verschwommenes Bild von einer total verdreckten Wohnung mit schimmeligem Geschirr im Spülbecken, Scherben auf dem Boden, überquellenden Aschenbechern und halb leeren Wodkaflaschen auf dem Nachttisch. So ähnlich wie in der einen oder anderen Vormittagssendung im Privatfernsehen.

Die Realität ist anders, komplexer, fast immer weniger dramatisch. Die Fachleute vom Jugendamt werden sich vor Ort einen Eindruck verschaffen, mit den Eltern sprechen, auch mit den Kindern, und sofern die Eltern zustimmen, auch bei der Schule, im Kindergarten oder beim Kinderarzt eine Einschätzung einholen. Man wägt ab, bespricht sich, holt die Meinung der Leitung ein – „und man überlegt, was die größere Kindeswohlgefährdung ist und was die Nebenwirkungen sind“, sagt Holger Gläss. „Unglaublich traumatisierend“ könnte es ganz besonders auf ganz kleine Kinder wirken, sie aus der Familie zu nehmen. Vielleicht ist es besser, das selbst dann nicht zu tun, wenn die Mutter Drogen nimmt. Vielleicht bringt es mehr, ein enges Netz von Hilfen zu knüpfen, „Schutzvereinbarungen“ zu treffen, die ganz konkrete Vorgaben enthalten: Übermorgen ist die Wohnung aufgeräumt, wir schauen uns das an. Das Kind wird ab sofort nicht mehr der Nachbarin zur Betreuung überlassen, denn die Nachbarin hat ein Alkoholproblem. Es werden noch heute Lebensmittel eingekauft, und dafür gibt’s Gutscheine. Es ist ein Termin zu vereinbaren beim Therapeuten, und der Termin wird nicht abgesagt. Das Kind erhält in der Wohnung einen Platz, an dem es in Ruhe Hausaufgaben erledigen kann.

Welche Konsequenzen hat das für das Kind?

Holger Gläss interessiert sich nicht in erster Linie für die Ursachen von Problemen in Familien. Ihn treibt die Frage um: Welche Konsequenzen haben die Probleme fürs Kind? Welche Art Hilfe bietet die größte Chance, die Konsequenzen so gering wie nur möglich zu halten?

So hart es klingt: Es gibt keinen Anspruch auf ein Tip-top-Bilderbuch-Elternhaus. Aber einen Anspruch auf Unversehrtheit, auf Versorgung und schon auch auf emotionale Zugewandtheit – den gibt’s. Holger Gläss macht sich vor diesem Hintergrund Sorgen um die „gelben“ Fälle. Das sind Familien, die aus Sicht des Jugendamts von Hilfe sehr profitieren würden, für die aber kein Familienrichter Weisungen erteilen würde, weil die rechtlichen Voraussetzungen fehlen. In diesen Fällen spricht Holger Gläss von „Werben“. Man wirbt bei den Eltern dafür, dass sie Angebote annehmen, zur Erziehungsberatung gehen, Familienhilfe ins Haus lassen. Lehnen sie ab, ist das schwer auszuhalten, auch fürs Umfeld der Familie.

Was können wir tun?

Dass die Teams im Jugendamt aufgrund von Prognosen Entscheidungen treffen, mag auch schwer auszuhalten sein – aber anders geht es doch gar nicht. Die erste Frage lautet nicht: Ist das Kind gestern und vorgestern geschlagen worden? Die erste Frage lautet: Wie groß ist die Gefahr, dass das Kind heute und morgen geschlagen wird? Und was können wir tun, damit es nicht passiert?


Rechte der Eltern

Das Elternrecht ist sehr hoch angesiedelt. Im Art. 6 des Grundgesetzes ist geregelt, dass die „staatliche Gemeinschaft“ über das Verhalten von Eltern „wacht“. Eingriffe sind gegen den Willen der Eltern nur mit Zustimmung eines Richters erlaubt, es sei denn, es ist Gefahr im Verzug. Kinder dürfen von ihren Eltern nur getrennt werden, „wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen“.

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