Rems-Murr-Kreis Viel zu wenig P+R-Plätze im Kreis

Im Rems-Murr-Kreis gibt es zu wenig P+R-Plätze. Foto: Habermann / ZVW

Waiblingen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Zum Beispiel die, dass sich Fahrverbote 2019 in frischer Stuttgarter Luft auflösen. Wohin aber mit dem nicht einmal so ollen Diesel, wenn der nicht mehr nach Stuttgart reindarf? Als eine Alternative bietet sich die S-Bahn an. In der Region Stuttgart gibt es rund 17 500 P+R-Plätze – davon mehr als 4000 an Rems und Murr. Doch die meisten Parkplätze sind schon morgens voll belegt.


Der Verband Region Stuttgart hat das Problem erkannt. Im neuen Regionalverkehrsplan gehört der Ausbau der P+R-Plätze zu den vorrangigen Zielen des Mobilitätskonzeptes. Die Stuttgarter Innenstadt, aber auch die Mittelzentren wie Schorndorf, Waiblingen oder Backnang, sollen vom Autoverkehr entlastet und ein „einfacher und komfortabler Umstieg vom Pkw in den Zug oder die S-Bahn ermöglicht werden“.

Was ist aus dem Pilotprojekt „Echtzeit“-Erfassung der freien Plätze auf P+R-Anlagen geworden?

An guten Ideen fehlt es nicht, um P+R attraktiver zu machen. Eine der gut gemeinten Ideen ist jedoch bereits gescheitert. Um Autofahrern überflüssige Anfahrten auf einen P+R-Platz zu ersparen, sollten freie Plätze online in Echtzeit abrufbar sein. 2016 installierte Bosch auf 15 Anlagen entlang der S-Bahn-Linien 2 und 3 im Rems-Murr-Kreis rund 2500 Sensoren, die freie Plätze meldeten. Vor gut einem Jahr beerdigte Bosch das Pilotprojekt still und heimlich. Die Sensortechnik werde nicht zur Serienreife weiterentwickelt, teilte Bosch auf Anfrage mit. Für die Großserie sei der Aufwand zu hoch. Bosch setze bei der Parkplatzsuche auf eine andere Technik, das „Community based parking“, für die die Mercedes S-Klasse bereits die Daten lieferte. Im Vorbeifahren werden freie Parkplätze registriert und weitergemeldet,

Wie voll sind P+R-Anlagen heute?

Ob die Idee mit der Meldung von freien Plätzen in Echtzeit je realistisch war, daran hatten viele P+R-Nutzer von vornherein ihre Zweifel. Weniger aus technischen Gründen. Aus Erfahrung wissen sie, dass die meisten P+R-Anlagen schon heute zu wenige Plätze aufweisen, um den weitaus höheren Bedarf zu decken. Der Run auf die raren Parkplätze könnte noch steigen, wenn Zehntausende Besitzer von alten Dieselfahrzeugen mit WN- und BK-Kennzeichen im nächsten Jahr eher unfreiwillig auf Busse und Bahnen umsteigen. Auch ohne Echtzeit-Daten zeigt ein Blick auf die VVS-Homepage, auf der alle P+R-Anlagen aufgelistet sind, dass die Chancen auf freie Plätze bis auf wenige, meist abgelegene Anlagen schlecht stehen. Wenn dort die „Auslastung Spitzenzeit“ 90 und mehr Prozent beträgt, braucht man werktags und außerhalb der Schulferien nach 8 Uhr die Parkplätze gar nicht erst anzufahren.

2019 kommen in Stuttgart Fahrverbote: Gibt es bis dann endlich mehr Parkplätze an den S-Bahn-Halten?

Jürgen Wurmthaler vom Verband Region Stuttgart ist sich dieses Dilemmas bewusst. Der Verkehrsdirektor rechnet ab 2019 mit einem erhöhten Bedarf an P+R-Anlagen, kann aber keine neuen Parkplätze aus dem Hut zaubern. Erhebungen der Region zeigten, dass die Spitzenzeiten vor allem Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 8 bis 9 Uhr sind. Außerhalb dieser Zeiten seien auf vielen Anlagen durchaus freie Plätze zu finden. Kurzfristig jedenfalls macht Wurmthaler keine Hoffnungen auf mehr Plätze.

Bei einem Fahrverbot droht Pendlern beim Umsteigen zusätzlicher Unbill, wenn sie Stuttgarter P+R-Anlagen knapp hinter der Gemarkungsgrenze ansteuern. Zum Beispiel den S-Bahn-Halt „Sommerrain“. Für diese grenznahen P+R-Anlagen fordert der Verband Ausnahmeregelungen vom Fahrverbot.

Warum sind manche P+R-Plätze kostenlos und warum kosten andere Gebühren?

Hinter dem Bestand von heute immerhin 17 500 P+R-Plätzen steckt kein System. Es hat sich zusammen mit dem Verkehrsverbund einfach so entwickelt. Die meisten Anlagen befinden sich im kommunalen Besitz oder gehören der DB Bahn-Park, wenn sie sich um Bahngelände befinden. Die Bahn-Tochter hat sich kürzlich den Ärger der Region eingehandelt. Denn sie ist auf Gewinn aus, wie sie erst kürzlich Plochingen gezeigt hat. Die Erhöhung der Parkgebühren um 20 Prozent war keinesfalls im Sinne der Region Stuttgart, die Autofahrer ja zum Umstieg ermuntern will. Am liebsten mit kostenlosen Parkmöglichkeiten oder aber mit möglichst geringen P+R-Gebühren.

Wie fördert die Region Park + Ride?

Im September hat der Verkehrsausschuss der Regionalversammlung neue Fördermöglichkeiten für Park+Ride beschlossen. Zum einen fördert der Verband neue P+R-Anlagen mit 2,2 Millionen Euro, unter anderem den Neubau des Parkhauses am Waiblinger Bahnhof mit über einer Million Euro. Und zwar über die Zuschüsse vom Bund und dem Land hinaus. Zum anderen übernimmt der Verband Einnahmegarantien bei P+R-Anlagen, die von den Kommunen betrieben werden. Dank der 180 Euro pro Stellplatz und Jahr fallen beispielsweise am S-Bahn-Halt „Neustadt-Hohenacker“ die Parkgebühren weg; für die P+R-Anlagen in Waiblingen sinkt die Gebühr fürs Jahresticket von 120 auf 100 Euro. Gerade bei innenstadtnahen P+R-Anlagen seien aber Gebühren nicht zu vermeiden, kennt Wurmthaler das Problem, dass diese Parkplätze nicht nur von Pendlern benutzt werden, sondern von Anwohnern oder Beschäftigten angrenzender Unternehmen.

Für ausgesprochen charmant hält Jürgen Wurmthaler das Beispiel Stuttgart-Österfeld. Dort gilt der Parkschein für die Garage gleichzeitig als Fahrschein für Busse und Bahnen. Für Wurmthaler ist „Parkschein=Fahrschein“ ein Modell für die Zukunft. Langfristig kann sich der Verkehrsdirektor vorstellen, dass P+R-Anlagen aus einer Hand betrieben werden, ohne die Städte und Gemeinden aus ihrer Verantwortung zu entlassen. (siehe auch unten: „Fahrverbote und P+R-Konzept“).


Fahrverbote und P+R-Konzept

2019 kommen in Stuttgart Fahrverbote für Dieselfahrzeuge der Euronorm 1 bis 4. Innenminister Thomas Strobl (CDU) hat kürzlich seinen Stuttgarter Parteifreunden den Zahn gezogen, dass diese Fahrverbote noch irgendwie zu verhindern sind. Die Stuttgarter CDU hatte dies allen Gerichtsurteilen und politschen Beschlüssen zum Trotz gehofft.

Der Luftreinhalteplan für Stuttgart sieht ab 1. Januar ganzjährige Fahrverbote für auswärtige Dieselautos bis zur Euronorm 4 vor. Ab 1. April gilt das Fahrverbot auch für Stuttgarter Diesel. Ab September könnte das Dieselverbot auch auf Diesel der Schadstoffklasse 5 ausgeweitet werden.

Unter dem Stichwort „Mobilitäts-Innovationen“ finden sich im Regionalverkehrsplan Vorschläge für P+R, damit ein „möglichst großer Teil des Weges mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt wird“. Regional bedeutsame P+R-Anlagen müssen folgende Kriterien erfüllen:

Einfache und kurze Anfahrtswege von der Autobahn beziehungsweise Bundesstraße zur P+R-Anlage.

Keine Zufahrt durch Wohngebiete.

Reisezeit mit S-Bahn/Stadtbahn in das Zentrum der Landeshauptstadt Stuttgart ist maximal zehn Minuten länger als mit dem Pkw im unbelasteten Straßennetz.

Mindestens 30-Minuten-Takt der S-Bahn/Stadtbahn.

„Um einen Anreiz für ein möglichst frühes Umsteigen auf die Bahn zu geben, sind diese Stationen mit der niedrigsten Parktarifstufe zu versehen“, heißt es im Regionalverkehrsplan. „Bestenfalls ist das P+R auf diesen Anlagen kostenlos.“

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