Rems-Murr-Kreis Warum 16 Betriebe am Hygienepranger stehen

So sieht’s vermutlich im einen oder anderen Privathaushalt hin und wieder mal aus. Für Gaststätten gelten aber strenge Hygienevorschriften. Nur wer erheblich dagegen verstößt, findet seinen Namen im öffentlichen Hygienepranger wieder. Foto: ZVW/Rainer Bernhardt

Waiblingen/Schorndorf.
Hand aufs Herz: Wer hat noch nie was Verschimmeltes im Kühlschrank vergessen? Gaststätten dürfen sich das zu Recht nicht erlauben. Sie könnten sonst im Hygienepranger landen, und das ist kein Spaß. Daniel Ohl gehört der Geschäftsführung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Baden-Württemberg an und lehnt den Pranger ab. Einwandfreie Hygiene in Betrieben, die mit Lebensmitteln zu tun haben, muss sein, das ist doch völlig klar. Kontrollen sind unbedingt nötig, und bei krassen Verstößen kann die Behörde eine Gaststätte schließen: Das ist gut und richtig so, betont Daniel Ohl. Doch der Pranger bedroht Existenzen und stellt eine ganze Branche unter Generalverdacht, sagt Ohl.

Der Pranger heißt natürlich offiziell nicht Pranger. Die im Internet frei abrufbare Liste der Betriebe, bei welchen Kontrolleure erhebliche Mängel entdeckt haben, trägt den Titel „Ergebnisse von Kontrollen der amtlichen Lebensmittelüberwachung“. Auf der Rems-Murr-Liste stehen zurzeit 16 Namen inklusive Anschrift, Datum der Kontrolle, Art der Beanstandung. Bäckereifilialen sind darunter, Pizzaservices, Restaurants, ein Lebensmitteleinzelhändler, ein Metzgereibetrieb.

Schimmel und Mäusekot in der Schublade

Was in der Spalte „Grund der Beanstandung“ so alles zu lesen ist, schlägt auf den Magen: „Mäusekot lag unter dem Verdampfer der Kühltheke und in der Bröselschublade der Brotschneidemaschine und im Lagerbereich.“ – Im Kühlschrank lagen „teilweise blau verschimmelte Käsewürfel.“ – Verschiedene „deutlich überlagerte“ Fleischsorten wiesen einen „erhöhten Keimgehalt“ auf. – „Es wurde ein Rest gebratener, unverpackter Dönerspieß vorgefunden, der mit weißen Schimmelflecken behaftet war.“ Im letzteren Fall wird auf eine Nachkontrolle verwiesen, bei der die Mängel „größtenteils behoben“ waren. Andere beanstandete Betriebe nahmen die Sache offenbar ernster: Verdorbene Lebensmittel wurden umgehend entsorgt, bei Nachkontrollen gab es rein gar nichts mehr zu beanstanden.

Der Dehoga hatte darauf gedrängt, dass die Ergebnisse von Nachkontrollen auch veröffentlicht werden müssen. Im Pranger findet sich zudem nicht jede kleine Verfehlung. Nur Verstöße, die „erheblich“ sind oder wiederholt festgestellt werden und ein Bußgeld von mindestens 350 Euro erwarten lassen, werden veröffentlicht, erläutert Martina Keck, Sprecherin am Landratsamt. Als erheblich gilt ein Verstoß, wenn „eine Gefährdung der Verbraucher nicht auszuschließen ist“. Nur sechs Monate lang dürfen Betriebe in der Liste zu finden sein, danach muss das Amt die Namen löschen.

Schlimmer geht immer

Es handelt sich um „Momentaufnahmen“, betont Martina Keck und nennt diese Zahl: Knapp 1,5 Prozent der Betriebe, die zwischen Ende Dezember 2018 und Ende Juli 2019 im Rems-Murr-Kreis kontrolliert worden sind – es waren deutlich mehr als 2000 –, tauchten danach in der öffentlichen Liste auf.

Trotz des geringen Anteils fürchtet Daniel Ohl vom Dehoga, die „Schadenswirkung“ strahle auf die ganze Branche aus. Wer die Beanstandungen im Detail liest, könnte den Eindruck gewinnen: Am besten gehst du nie wieder essen. Wenn dann noch einzelne Medien einzelne Betriebe der „Sensationslust“ preisgeben, dann gute Nacht.

So kann man es sehen. Aus Verbrauchersicht sieht die Sache anders aus: Kein Mensch möchte gern in einem Restaurant essen, in dessen Küche verschimmelte Himbeeren und stinkige Wurst lagern.

Ein Blick in die Hygienepranger anderer Landkreise zeigt: Schlimmer geht immer. Auf der Internetseite verbraucherinfo.ua-bw.de sind die Kontrollergebnisse aus ganz Baden-Württemberg zu finden. Ein Klick auf „Stuttgart“ fördert Hinweise auf lebendige Schaben und Rattengift neben Brotlaiben in einer Bäckerei zutage. In Ludwigsburg finden sich aktuell nur zwei Eintragungen, die es allerdings in sich haben. Sechs Veröffentlichungen weist Esslingen auf. In der Liste der Verstöße ist beispielsweise für den Verzehr nicht geeignetes Frittierfett oder in Müllsäcken gelagertes Essen genannt.


Der Hygiene-Pranger im Internet

Die aktuelle Liste der „Ergebnisse von Kontrollen der amtlichen Lebensmittelüberwachung“ im Rems-Murr-Kreis (umgangssprachlich als Hygienepranger bekannt) ist hier zu finden.

In der Zeit von 21. Dezember 2018 (erste Veröffentlichung auf der Homepage des Rems-Murr-Kreises) bis zum 1. August 2019 gab es 2652 Kontrollbesuche. Es wurden bei 29 Betrieben die Voraussetzungen für die Veröffentlichung im Hygienepranger festgestellt. Dies entspricht einer Veröffentlichungsquote von 1,49 Prozent.

Stand 1. August 2019 waren im Rems-Murr-Kreis 5960 Lebensmittelbetriebe registriert. Dazu zählen nicht die Erzeuger, also etwa Landwirte, Jäger, Fischer oder Imker, die Grundstoffe der Lebensmittel produzieren.

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