Rems-Murr-Kreis Was die grünen Kreuze auf den Feldern sagen wollen

Landwirtschaft in der Schieflage: Mit seinem grünen Kreuz will Peter Treiber auf dem Schmidener Feld ganz still gegen die seiner Meinung nach falschen Vorgaben im neuen Agrarpaket der Bundesregierung aufmerksam machen. Foto: Palmizi Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Fellbach. Peter Treiber, Landwirt vom Schmidener Feld, steckt noch voll im Masterstudium. Er ist also dran an den wissenschaftlichen Erkenntnissen und mitten im Alltag auf dem Acker. Und er hat ein grünes Kreuz aufgestellt: das Zeichen des Protests der Landwirte gegen das Agrarpaket mit seinem Insektenschutzprogramm inklusive Glyphosatverbot, dem Tierwohllabel und seinen finanziellen Umschichtungen.

Bauer Willi aus dem Rheinland hat damit angefangen: Er stellt grüne Kreuze auf seinen Acker. Kreuze – die Symbole für den Tod. Und die auch noch in Grün, in der Farbe des Umweltschutzes. Vom Bauernverband Schwäbisch Hall - Hohenlohe - Rems kam nicht viel später eine Pressemitteilung. Darin heißt es: „Das vom Bundeskabinett verabschiedete Agrarpaket stößt auf heftige Ablehnung seitens des landwirtschaftlichen Berufsstandes.“ Die Rede ist von Ignoranz und fachlicher Inkompetenz.

Peter Treiber aus Fellbach-Schmiden hat auch ein grünes Kreuz auf seinem Acker aufgestellt. Er sagt: „Es ist schade, wie die Politik mit uns umgeht.“ Und manchmal gehörten auch die Menschen auf den Feldwegen mit dazu. „Es ist doch ein Geben und Nehmen“, sagt Peter Treiber. Und sagt, dass bei den Landwirten das Geben aber längst überhandgenommen hat. „Ihr müsst besser werden“, heiße es. „Aber wir sind schon gut.“

Gemeinsam einen Weg aus dem Klima-Dilemma finden

Nein, Peter Treiber leugnet nicht, dass das Klima verrückt spielt. Er bestreitet nicht, dass die Insekten weniger und weniger werden. Er sagt: Wir stecken alle zusammen im Dilemma. Und man müsse daher auch gemeinsam einen Weg hinaus finden.

Zwei Punkte hat er, die für ihn kaum auszuhalten sind. Die in seinen Augen die große Misere ausmachen. Und denen er alle Maßnahmen des Agrarpakets zuordnen kann.

Die Politik, sagt Peter Treiber, müsse auf die Wissenschaft und deren Erkenntnisse setzen. Beim Glyphosatverbot zum Beispiel. Das trifft ihn auf seinem Zuckerrübenacker. Einmal im Frühjahr, vor der Aussaat und damit weit vor der Zeit, in der Kulturpflanzen auf dem Feld stehen, gehe er mit dem Mittel über den Acker. Ein einziges Mal. Der Rübenacker, das haben ihm Biologen gesagt, sei der ideale Lebensraum für das geschützte Rebhuhn. Weil er Deckung bietet und doch schön licht ist.

Wenn er kein Glyphosat mehr nutzen darf, sagt er, dann müsse er den Boden stark bearbeiten. Er müsse tief pflügen. Das störe das Rebhuhn. Und zerstöre die Bodenstrukturen, setze CO2 frei. Wegen des Klimawandels aber dürfte er eigentlich gar nicht mehr in den Boden eingreifen. Denn im Boden sei viel CO2 gebunden. Ganz abgesehen von der Erosion. Der Naturschutz und die Landwirtschaft – das seien so viele kleinste Mosaiksteinchen. Und keiner habe bislang untersucht, was in welcher Situation wie viel nützt.

Die Pflanzenschutzmittel im Allgemeinen zum Beispiel: 75 Prozent solle er in Zukunft einsparen. An der Uni aber lernt er: Führe stets Wirkstoffwechsel durch und verwende die angegebene Menge vollständig. Nur dann können Resistenzen vermieden werden. Das ist vergleichbar mit der Einnahme von Antibiotika. Peter Treiber fragt sich nun, was er tun soll. Soll er Resistenzen riskieren? Oder kann er nur noch ein Viertel seiner Fläche behandeln?

Da ist er beim zweiten Punkt angelangt. Er nennt es „Lippenbekenntnisse“. Dass nämlich zum Beispiel jeder für „bio“ sei und gegen Spritzmittel. Aber keiner die Äpfel mit Fraßflecken wolle. Oder die Kirsche mit Wurm. Das aber werde die Wirklichkeit sein, wenn er nicht mehr spritzen dürfte. Obst, das nicht aussieht wie aus dem Bilderbuch, bleibt im Supermarkt liegen. Obst, das deutlich teurer ist als das andere, weil die Schutzmaßnahmen von Hand passieren, auch. Und wenn die Landwirte nicht mehr spritzen dürfen, gibt es womöglich mal gar kein Obst. Oder kein Getreide, keine Zuckerrüben, keine Kartoffeln.

An der Supermarktkasse interessieren die Sprüche nicht mehr

Man könnte das alles auch Doppelmoral nennen. Das sei beim Fleisch nicht anders als beim Obst, sagt Peter Treiber. Ganz viele würden ja jetzt auch sagen, dass man weniger Fleisch essen, das wenige aber teurer bezahlen solle. Doch an der Supermarktkasse und mit dem Geldbeutel in der Hand interessieren die Sprüche nicht mehr. Die Käfige der verbotenen Hühnerhaltung seien hier ab- und in Polen aufgebaut worden. Und niemand störe das, denn den Nudeln, die billig sein sollen, sieht man nicht an, welche Eier drinstecken. „Immer wenn wir die Gesetze verschärfen, reiben sich mindestens sieben andere die Hände.“ Im Ausland nämlich krähe keiner nach Tierwohl und Grenzwerten, ganz gleich ob von Nitraten, Pestiziden oder sonst was.

In der Biobranche, sagt Peter Treiber, „funktioniert das noch“. „Noch“ betont er. Die Bio-Molkereien, sagt er, nähmen schon keine neuen Bauern auf. Der Markt sei voll. Wenn’s mehr Biomilch als jetzt gebe, müsse der Preis runter. Sonst bleibe sie im Regal stehen. Dann wären die Biobauern im gleichen Teufelskreis wie die konventionellen.

Peter Treiber sagt, er stelle gern einen Acker zur Verfügung, auf dem die Kritiker der Landwirte zum Beispiel den Kartoffelkäfer von Hand ablesen oder das Unkraut mit der Hacke rausjäten dürften. Es müsse aber auch wirklich gemacht werden.

Die Politik könne gerne fordern, dass die Landwirte noch mehr tun. Dann aber müsse es auch mehr Geld geben. Wem Naturschutz wichtig sei, der müsse auch den Preis dafür zahlen. „Wir sind bereit.“

Die Details des Agrarpaketes: 

  • Bis spätestens 31. Dezember 2023 soll Glyphosat in Deutschland verboten sein.
  • Ab 2020 soll Glyphosat zunehmend weniger eingesetzt werden dürfen. Es gibt Verbote und Teilverbote für den Einsatz bei der Stoppel-, Vorsaat- und Vorerntebehandlung, auf Grünland, im Wald, in Weihnachtsbaumkulturen, auf Gleisanlagen, in privaten Gärten und auf öffentlichen Parkflächen. Damit soll der Glyphosateinsatz um 75 Prozent vermindert werden.
  • Der Mindestabstand zu Gewässern bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln muss zehn Meter beziehungsweise bei dauerhafter Begrünung fünf Meter betragen.
  • Ab 2021 soll die Anwendung von Unkrautbekämpfungsmitteln und von Insektiziden, die den Artenreichtum schädigen, in Schutzgebieten verboten werden. Dazu gehören FFH-Gebiete, Naturschutzgebiete, Nationalparks und Vogelschutzgebiete.
  • Artenreiches Grünland, Streuobstwiesen und Trockenmauern sollen als schützenswerte Biotope gelten und fallen damit dann auch unter den Schutz vor dem Pflanzenschutz.
  • Landwirte sollen, wenn sie Pflanzenschutzmittel verwenden, eine Kompensationsleistung für die Biodiversität bringen müssen.
  • Für das Insektenschutzprogramm sollen 100 Millionen Euro zur Verfügung stehen. 25 Millionen davon gehen in die Insektenforschung und ein Monitoring.
  • Auch der Lichtverschmutzung soll mit Maßnahmen entgegengetreten werden.
  • Kommunen sollen beim Insektenschutz unterstützt, Bürger zu einer insektenfreundlichen Gestaltung ihrer Gärten animiert werden.
  • Außerdem will die Bundesregierung gegen die Versiegelung angehen.
  • Die Nutztierhaltung soll sich ebenfalls ändern: Ein Tierwohlkennzeichen wird eingeführt. Es geht um die Haltung, den Transport und die Schlachtung. Die Verwendung ist freiwillig.
  • Im Jahr 2020 gibt es eine Umschichtung des Geldes, das von der EU als Fördergeld an die Landwirte fließt: Die Summe wird nicht mehr nach der Fläche berechnet, sondern am Grad der Nachhaltigkeit bemessen.
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