Rems-Murr-Kreis „Wein und Architektur“: Sieben Objekte ausgezeichnet

Rems-Murr-Kreis.
Das Gefäß ist beim Weinmachen wichtig, nicht nur das Getränk. Da kommt es auf die Eleganz der Flasche an, auf das Signethafte des Etiketts, auf das Aromaliefernde des Eichenfasses. Und längst schon, das kommt hinzu, auf das große Gefäß, in dem alles stattfindet: auf den Präsentationsraum, auf den Raum des Ausbaus des Weins, auf die Kelter, auf die ganze Erscheinung des Weingutes.

Damit sind wir bei der Architektur und bei einer nachholenden Bewegung. Wenn Deutsche in die Toskana fahren und ihren Weinvorrat fürs Jahr ins Auto packen, dann ist der Aufenthalt im alten Gemäuer ein sehr gesuchter Teil der Erlebnistour. Eine Beherbergungsindustrie hat sich zudem ringsrum entwickelt, der Agro-Tourismus.

Das Selbstbewusstsein der Selbstvermarkter

Es konnte nicht ausbleiben, dass beim wachsenden Selbstbewusstsein der hiesigen Wengerter immer mehr Wert gelegt wird auf die äußere Gestalt, die viel von inneren Werten anzeigt.

Die Tourismus-Marketinggesellschaft des Landes hat jetzt darauf reagiert. Und zusammen mit der Architektenkammer Baden-Württemberg das Projekt „Weinsüden – Wein und Architektur“ ausgerufen. Die erste Prämierungsrunde ist getan. 21 Objekte, es müssen nicht immer nur Weingüter sein, sind als auszeichnungswürdig empfunden worden von der Jury. Und sieben allein davon finden sich im Remstal. Klar, dass das Werner Bader, den Geschäftsführer der Remstalroute, neuerdings Remstal-Tourismus e. V, besonders stolz macht. Die ganze Region kann sich freuen, signalisierte jetzt in einer kleinen Feierstunde in der Alten Fellbacher Kelter Andreas Braun, der Chef der Landes-Tourismus-Gesellschaft.

Braun ist der Aufschwung des Remstals im Zuge der Gartenschau nicht entgangen. Also rühmte er das Gemeinschaftsbildende des neu geschaffenen Balkons „Luitenbächer Höhe“ in Großheppach, das Werk des Weinstädter Architekten Martin Bühler. Im Oberen Remstal, in Schwäbisch Gmünd, spricht man vom „Sylt des Remstals“, so sehr macht der Ausblick Eindruck. Nicht minder gut besucht, nach wie vor auch von Menschen, bei denen gerade die Hormone brausen, das „Remstal-Kino“. Eine Idee des CDU-Stadtrats Volker Gaupp. Ein genialer Knutschfleck oberhalb der strammen Reben-Reihen.

Wenn die Oberflächen so reifen wie der gute Wein

Aber vor allem geht es um Bauten, die ein Dach bieten. Die neue Kelter der Ellwangers in Winterbach mit ihrer Cortenstahl-Haut hat auch schon ohne Weintourismus-Zusammenhang überzeugt. Die Jury des Auslobungswettbewerbs „Beispielhaftes Bauen“, auch eine Aktion der Architektenkammer, befand vor zwei Jahren: „Die gewählten Materialien sind lebendig. Sie verändern langsam ihre Oberfläche und reifen im Lauf der Jahre in Würde, wie der im Gebäude gekelterte Wein.“

Die Handschrift stammt aus dem ortansässigen Büro Bloss und Keinath. Das gilt für viele jetzt prämierten Objekte: Die Entwerfer sitzen im Tal, kommen aus der Nachbarschaft. Bloss und Keinath ist das Büro, das immer schon das Neue in einen alten Ortskern pflanzen konnte, zum Gewinn der ganzen Ortsansicht. Noch mustergültiger ist eine solche Symbiose in Strümpfelbach ablesbar, wobei da zuerst der Alt-Bürgermeister der damals noch selbstständigen Gemeinde als Held zu nennen ist. An ihm vorbei durfte einfach nichts abgerissen werden.

Strümpfelbach ist das Maß der Dinge

Aber mit Thomas Ott und Hans Fritzenschaft sowie dem örtlichen Zimmerer wuchs Vorbildliches, dabei vorbildlich sich integrierendes Modernes. Prompt steckt dann auch der Entwurf von Hans Fritzenschaft hinter dem so sensiblen Neubau der Vinothek „Die Traube“ auf dem Platz einer baufälligen alten Wirtschaft. Martin Bühler, ein Weinstädter Architekt, kam später hinzu und übernahm die Grundidee von Fritzenschaft.

Das Weingut Gold in Gundelsbach mit seinen charakteristischen Lärche-Lamellen ist außerdem das Werk von Martin Bühler. Gelobt wird hier die Einbettung in die Landschaft und wie sich die ganze Technik unsichtbar in den Hang schiebt. Vielleicht haben hiesige Baukünstler am ehesten das Gespür, was der Gegend guttut.

Ein ähnliches Bild beim Weingut Knauß in Strümpfelbach. Lange und sehr strittig ging es darum, ob im Außenbereich, zwischen Endersbach und Strümpfelbach, überhaupt gebaut werden darf. Heute würde man sagen: Wenn, dann so und mit dieser Qualität eines Solitärs – gewährleistet vom Endersbacher Büro Auch und Binder.

Der riesigen Baumasse der Weinkellerei Wilhelm Kern ein freundliches Gesicht zu geben für den Besucher, das ist nicht minder eine Auszeichnung wert. Eine Qualität der Holzfassadengestaltung, die man sonst eher im dafür schon berühmten Bregenzer Wald findet. Wie überhaupt es bei uns die Weinbau-Bauten sind, die zeigen müssen, was im Gewerbebau möglich ist. Allemal mehr, als links und rechts der B 29 zu sehen ist. Denn das ist meist dürftig, armselig.

„Herausragende Aussichtspunkte“

Gut, da ist ja auch noch der Genius Loci, der begnadete Ort, der sich immer wieder mal finden lässt in der zugebauten Region Stuttgart. Und sei’s, dass irgendetwas Vorhandenes, Unschönes, umgewidmet wird. Wenn dann die Genehmigung da ist, womöglich noch der Schub der Gartenschau hinzukommt, kommt so etwas wie die Luitenbächer Höhe heraus. Schauen wir in die Begründung der Jury beim Wettbewerb „Beispielhaftes Bauen 2018“: „Der Frischwasserbehälter wurde genutzt, um einen herausragenden Aussichtspunkt auf Weinstadt zu schaffen. Der Funktionsbau wird nicht als Baukörper wahrgenommen, sondern nur als willkommene Terrasse in den Weinbergen, welche einen atemberaubenden Ausblick bietet.“

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