Rems-Murr-Kreis Weniger Menschen sterben bei Unfällen

Symolbild. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Waiblingen. Drei Tote, 21 Verletzte, 50 Unfälle: Niemanden beunruhigte diese Unfallbilanz des Osterwochenendes 1968 im damaligen Kreiskommissariat Waiblingen. Ein Blick in zufällig ausgewählte Zeitungen aus dem Jahr 1968 zeigt einen grundlegend anderen Umgang mit Unfällen zu jener Zeit. Unterdessen jährt sich einer der schlimmsten Unfälle im Kreisgebiet zum ersten Mal: Im August 2018 starben drei junge Männer nach einem Unfall bei Miedelsbach.

In der Nacht auf Dienstag, 21. August 2018, waren zwei 17- und ein 20-Jähriger in einem Golf unterwegs gewesen. Sie wollten heim, nach Rudersberg. Ausgangs des Kreisverkehrs zwischen Haubersbronn und Miedelsbach geriet der Fahrer mit dem Wagen auf die Gegenfahrbahn. Der Golf stieß mit einem Zwölftonner zusammen. Die beiden Jugendlichen starben noch an der Unfallstelle; der Fahrer erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Mit solch einem Schicksalsschlag umzugehen, das ist eine Lebensaufgabe. Erst kürzlich ging bei der Redaktion dieser Zeitung ein Schreiben eines Mannes ein: Seine damalige Frau sei vor Jahrzehnten bei einem Unfall im Remstal gestorben. Ob damals ein Bericht in der Zeitung erschienen sei? Seinerzeit konnte sich der Betroffene damit nicht auseinandersetzen, wie er schreibt. Jetzt, im Alter, drängt die Erinnerung neu ins Bewusstsein.

Unfallberichte von damals wirken heute seltsam

Die Anfrage bewog die Redaktion zu einer Rückschau. Beim Durchblättern eines zufällig ausgewählten Zeitungsbands aus dem Jahr 1968 fällt auf, wie extrem sich die Zeiten auch in Bezug auf den Umgang mit Unfällen verändert haben. Seinerzeit war’s üblich, den vollen Namen eines Unfallopfers im Zeitungsartikel zu nennen. Das wäre heute völlig undenkbar. Und heute veröffentlicht man im Internet eine Vielzahl von Unfallfotos.

Erst im Jahr 2013 hat der Deutsche Presserat seine Richtlinien geändert, um dem Opferschutz noch mehr gerecht zu werden. „Der Presserat hat immer zu besonderer Zurückhaltung bei der Opferberichterstattung geraten“, erläutert Sonja Volkmann-Schluck vom Presserat: Der Grundsatz, wonach identifizierende Berichterstattung nur im Ausnahmefall erlaubt sei, wurde vor Jahrzehnten ganz offensichtlich anders interpretiert als heute.

Die Unfallberichte von damals wirken aus heutiger Sicht, als sei ein tödlicher Unfall kein besonders bemerkenswertes Ereignis gewesen. Tatsächlich sind früher viel, viel mehr Menschen im Straßenverkehr gestorben als heute – obwohl damals längst nicht so viele Autos unterwegs waren.

Allein von Gründonnerstag bis Ostermontag 1968 starben drei Menschen bei Unfällen im Gebiet des damaligen Landespolizei-Kreiskommissariats Waiblingen. Zwei Männer überlebten am Ostermontagabend einen schweren Unfall auf der B 14 bei Waiblingen nicht. Ihr Auto war eine vier Meter tiefe Böschung hinuntergestürzt. Am Gründonnerstag 1968 starb ein nicht ganz zwei Jahre alter Junge auf einem Feldweg in Waiblingen. Ein Laster hatte das Kind überrollt. Insgesamt 50 Unfälle sind an jenem Osterwochenende vor 51 Jahren passiert. 21 Menschen erlitten Verletzungen.

Der Sicherheitsgurt rettet Leben

Einige Wochen zuvor, am 10. März 1968, hatte sich zwischen Schmiden und Cannstatt ein Unfall ereignet, den niemand der fünf Beteiligten überlebte. Anfang April desselben Jahres starb ein 20-jähriger Waiblinger, dessen Auto beim Überholen auf der B 14 ins Schleudern geraten war. Wenige Tage später verlor ein 30-jähriger Beifahrer sein Leben, weil der Fahrer neben ihm nicht aufgepasst hatte und sein Wagen in Fellbach mit voller Wucht auf einen abgestellten Lastzug geprallt war.

So viele Todesfälle auf den Straßen in so kurzer Zeit – das gibt es heute nicht mehr. Die Gründe sind vielfältig. Eine gewichtige Rolle spielt die Gurtpflicht, die in Deutschland seit 1976 gilt. Damals gab’s einen Riesenaufschrei; Autofahrer fühlten sich in ihrer Freiheit eingeschränkt, sprachen von „Fesseln“ und schürten Ängste, der Gurt könne Leben kosten statt Leben schützen – was laut Unfallforschern nur bei extrem wenigen Ausnahmefällen stimmt. „Mit keiner anderen Einzelmaßnahme lassen sich so viele Verkehrstote vermeiden“, sagt Siegfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung der Versicherer, zur Wirkung von Gurten.

Heute gilt die 0,5 Promille-Grenze

Noch ein Grund für den Rückgang der Zahl der tödlichen Unfälle: In den 70er oder 80er Jahren machte man sich nicht allzu viele Gedanken, nach Alkoholkonsum noch zu fahren – auch das hat sich grundlegend geändert. In Deutschland gilt heute die 0,5-Promille-Grenze. Fahranfänger dürfen nichts trinken; für sie gilt: null Promille. Ferner hat sich die Sicherheitsausstattung in den Autos im Lauf der Jahre deutlich verbessert: Airbags, Seitenaufprallschutz, Fahrerassistenzsysteme – und, und, und.

Die Entwicklung schreitet voran. Über kurz oder lang wird es Menschen verboten sein, ein Auto zu steuern – weil die Technik es allein besser kann, wie Experten voraussagen. Auch dann werden sich vermutlich noch tödliche Unfälle ereignen – aber sehr viel weniger als heute.


Zahlen aus dem Kreis

Im Jahr 2018 sind im Rems-Murr-Kreis 20 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen – doppelt so viele als im Jahr davor. Im längerfristigen Vergleich zeigt sich aber auch im Kreis ein Rückgang der Zahl der Toten.

Hauptursache bei tödlichen Unfällen ist laut Polizei zu hohe Geschwindigkeit.

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