Rems-Murr-Kreis Wieviel Unterricht fällt an Schulen wirklich aus?

Mein Lehrer, das Phantom? An vielen Schulen im Rems-Murr-Kreis sind im vergangenen Schuljahr viele Unterrichtsstunden ausgefallen. Wie viele genau und wo insbesondere, gibt das Kultusministerium allerdings nicht öffentlich bekannt. Archivfoto: Büttner Foto: ZVW/Benjamin Buettner

Kernen/Stuttgart. Lehrermangel und Unterrichtsausfall an den Schulen im Kreis? Der FDP-Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann wollte es vom Kultusministerium genau wissen, schimpfte über „Geheimniskrämerei“ und startete eine kleine Anfrage. Die Antworten hat er jetzt, und doch darf bei den wichtigsten Fragen nichts Genaueres öffentlich werden.

Wie hoch war der Unterrichtsausfall im Rems-Murr-Kreis im vergangenen Schuljahr insgesamt? Das heißt: Wie viele Schulstunden sind an allen Schulen zusammen ausgefallen? Sind’s unter hundert? Oder womöglich mehr als tausend? Und welche Schule hat’s besonders getroffen? Jochen Haußmann, FDP-Landtagsabgeordneter aus Kernen, will den Mangel transparent machen. Und weil er mit den Aussagen des Kultusministeriums, die er im Sommer bekommen hatte, nicht zufrieden war, schickte er erneut eine kleine Anfrage los.

Damals schimpfte Haußmann über „Geheimniskrämerei. Denn er hatte sehr wohl Zahlen bekommen, gleichzeitig aber auch den Hinweis, dass diese nicht zu veröffentlichen seien. Und jetzt?

Eltern wollten wissen, wie es um die Schulen stehe, an denen ihre Kinder sind, sagt Jochen Haußmann. Er will regelmäßig und öfter mit konkreten Daten informiert werden. „Wenn wir wissen, wo es gut läuft, lässt sich davon lernen – wenn wir wissen, wo es hapert, lassen sich schneller Lösungen finden.“

Keine Daten zur Gesamtzahl der ausgefallenen Unterrichtsstunden

Doch das Kultusministerium hält an seinen Grundsätzen fest: „Ergebnisse auf Einzelschulebene werden nicht veröffentlicht.“ Haußmann darf wissen, wie hoch der Unterrichtsausfall beispielsweise an der Stettener Karl-Mauch-Schule ist. Alle, die nicht als Abgeordnete in den Landtag gewählt wurden, dürfen das nicht. Das Kultusministerium fürchtet Schul-Rankings.

Doch glaubt man den Antworten des Kultusministeriums, ist der tatsächliche Ausfall von Stunden, den die verschiedenen Schulen und die Schülerinnen und Schüler zu verkraften haben, nicht einmal bekannt: „Es liegen keine Daten zur Gesamtzahl der während des Schuljahres 2018/2019 ausgefallenen Unterrichtsstunden vor.“ Lediglich in drei Stichproben-Wochen ließ das Kultusministerium zählen. Die Ergebnisse dieser Erhebung wurden direkt danach veröffentlicht.

Unterrichtsausfall: Katastrophal?

Wobei auch hier keine absoluten Zahlen zu bekommen sind, sondern nur Prozente. Dramatisch sieht es in zwei dieser drei Wochen an den Gymnasien aus: Jeweils 7,9 Prozent des Unterrichts fielen aus. Auch an den Werkreal- beziehungsweise Hauptschulen ist es nicht viel besser: 6,3 beziehungsweise 6,6 Prozent Unterrichtsausfall. Den höchsten Ausfall hatten im Februar 2019 die Berufsschulen zu verkraften: 9,9 Prozent. Nicht viel besser standen die Realschulen in derselben Woche da: 7,3 Prozent. Relativ entspannt geht’s nur an den Grundschulen und den Sonderpädagogischen Bildungszentren zu. Doch was sagen drei Wochen im gesamten Schuljahr schon aus? Wie informativ sind Prozentangaben und Durchschnittszahlen wirklich? Und ist der Lehrermangel von 2018 auf 2019 tatsächlich so eklatant gestiegen, wie es die Angaben vermuten lassen?

Den Zahlen des Kultusministeriums zufolge hat sich der Unterrichtsausfall beispielsweise bei den Gymnasien von Kalenderwoche 46 im Jahr 2018 auf die zwei Zählungen in 2019 fast verdoppelt. Ist die Situation wirklich überall so katastrophal? Oder, fragt Haußmann, treiben Ausnahmen den Schnitt nach oben? Dann stellt sich Eltern natürlich automatisch die Frage: Ist das gerade unsere Schule, bei der der ganz dicke Wurm drin ist?

29 Lehrerstellen nicht besetzt

Insgesamt 29 Lehrerstellen sind im Rems-Murr-Kreis im aktuellen Schuljahr nicht besetzt. Wenn Lehrerinnen und Lehrer ausfallen, stehen zum einen dauerhaft angestellte Vertretungen zur Verfügung, zum anderen befristet angestellte. Für alle Realschulen im Kreis gibt es zum Beispiel 9,8 fest installierte Lehrerstellen und zusätzlich noch fünf Menschen, die, befristet angestellt, 2,78 Lehrerstellen abdecken. Insgesamt also 12,58 Lehrerstellen. Nur, um das Verhältnis aufzuzeigen: Im Rems-Murr-Kreis gibt es 18 öffentliche Realschulen. Den 19 Gemeinschaftsschulen stehen 15,74 Vertretungsdeputate gegenüber. Und den 89 Grund- und Werkrealschulen stehen insgesamt 16,9 Vertretungsdeputate zur Verfügung.

„Es wird höchste Zeit, dass die Kultusministerin bei der Lehrergewinnung in den Aktiv-Modus wechselt“, erklärt Jochen Haußmann. Denn klar sei: „Guter Unterricht kann nur der sein, der auch stattfindet.“

Auf Lehrersuche 

„Die Kultusministerin“, so spottet der FDP-Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann, „feiert sich dafür, dass sie den Grünen 1000 neue Lehrerstellen abtrotzen konnte.“ In der kleinen Anfrage allerdings erklärt das Kultusministerium gleichzeitig, dass „zum Teil keine geeigneten Bewerberinnen und Bewerber zur Verfügung“ standen.

Die grün-schwarze Koalition lasse den notwendigen Mut zu neuen Wegen vermissen, moniert Haußmann. Er verlangt, die Sommerferien-Arbeitslosigkeit von Lehrern und Referendaren in Angriff zu nehmen, den Beförderungsstau bei den Fachlehrern abzubauen und weitere Maßnahmen zu ergreifen, um die Arbeitsbedingungen der Lehrer zu verbessern. Außerdem solle die Eigenverantwortung der Schulen bei Personalauswahl und -entwicklung gestärkt werden.

Das Kultusministerium erklärt, dass neben fester und befristet angestellter Vertretungsreserve auch Mehrarbeitsstunden mit den Lehrern vereinbart werden könnten. Außerdem könnten pensionierte Lehrerinnen und Lehrer einspringen, Lehrkräfte könnten aus der Elternzeit zurückkehren oder Teilzeit-Lehrer könnten im laufenden Schuljahr ihre Deputate erhöhen.

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