Schorndorf Wildschweinkopf auf Blitzer: Täter handelte kaltblütig

Wie viele Wildschweine durch die Wälder des Rems-Murr-Kreises streifen, kann niemand genau sagen. Sicher ist aber: Der Schwarzwildbestand in Deutschland hat seit den 1970er Jahren stark zugenommen. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf.
Neben Berichten über Unfälle, Brände, Verbrechensermittlungen schickt uns die Polizei im Laufe eines Jahres auch immer wieder mal Notizen über Schräges und Abseitiges in die Redaktion – von einem besonders absonderlichen Vorfall kündete die Pressemitteilung am Montag. Überschrift: „Schweinskopf auf Blitzer“ ...

„Mitarbeiter der Stadt Schorndorf führten am Samstagvormittag beim Friedhof in Schornbach eine mobile Geschwindigkeitskontrolle durch. Im Zeitraum zwischen 9.15 Uhr und 9.30 Uhr wurde unbemerkt ein gehäuteter Wildschweinkopf auf dem Blitzer abgelegt. Die Polizei wurde davon unterrichtet und hat nun Ermittlungen wegen unerlaubter Entsorgung von Tierabfällen übernommen. “

So etwas lässt sich nicht planen

Der Täter muss rotzfrech und kaltblütig gehandelt haben. Denn so etwas lässt sich nicht planen, sagt Polizeisprecher Rudolf Biehlmaier, das geht nur „spontan“: Morgens nämlich wurde der Kasten aufgestellt, es gab nur ein kleines Zeitfenster von etwa einer Viertelstunde, in der das Gerät unbeaufsichtigt war. Just in dieser kurzen Frist muss jemand mit dem Auto angehalten haben, einen Wildschweinkopf – so „frisch gehäutet“, dass er „noch blutig“ war – ausgeladen und auf dem Blitzer drapiert haben.

Hinzu kommt: Das Gerät stand direkt am Straßenrand, der Friedhof ist umgeben von Wohnbebauung, kein nächtliches Dunkel bot Schutz: Das Risiko, beobachtet zu werden, war groß. Und „ums Eck“ seien gar städtische Mitarbeiter in einem Wagen gesessen, sagt Biehlmayer – sie hätten allerdings keinen „direkten Sichtkontakt“ zum Blitzer gehabt.

Für die Polizei ist das einerseits „kein ganz großer Kriminalfall“, nur eine Ordnungswidrigkeit, vermutlich ein „misslungener Scherz“. Andererseits: Wegen der Schweinepest gelte es, „sensibel mit solchen Sachen umzugehen“, deshalb „sind wir interessiert an der Aufklärung“.

Rätsel um den Täter – und eine kleine Galerie der Vorbilder

Wer macht so was? Jede Spekulation wirkt brüchig momentan. Ein Jäger? Der Verdacht wird natürlich gären – aber Jäger gehen in der Regel achtsam mit Tierkadavern um. Volker Schmidt, Chef der Kreisjägervereinigung, hörbar verdattert ob des Zeitungsanrufs, antwortet: Dass einer der Seinen so was mache, „kann ich mir nicht vorstellen“. Oder war’s jemand, der zufällig kurz davor ein Wildschwein überfahren hatte? Möglich. Nur: Wer säbelt in so einer Situation dem toten Tier den Kopf ab und fährt ihn spazieren, bis ein Blitzer kommt?

Wollte jemand ein „lustiges“ – in Wahrheit eher ekelhaftes – Bild produzieren? Taucht demnächst auf Instagram ein Foto von einem mit Schweinskopf gekrönten Blitzerkasten auf? Oder war’s ein literarisch beschlagener Mensch, der dem großen Autor William Golding ein Denkmal setzen wollte? Der erzählte einst in seinem Buch „Der Herr der Fliegen“ von einer Gruppe auf einer einsamen Insel gestrandeter Kinder, die einen Schweinskopf auf einen Pfahl spießen und als Götzen anbeten.

So schrill die Aktion anmutet, ganz ohne Vergleich ist sie nicht. Zu abstrusen Anschlägen auf mobile und stationäre Blitzer kommt es immer wieder.

Skurrile Angriffe richten sich immer mal wieder gegen Blitzer

Ende Mai fuhr ein Mann mit 200 km/h durch eine Baustelle auf der Autobahn bei Rosenheim – erlaubt war Tempo 60 – und wurde fotografiert. Worauf der Mann mit einem Akkubohrer ein Loch in den Blitzer drillte und Benzin reinschüttete. Als er das Gerät gerade abfackeln wollte, erwischte ihn eine Polizeistreife.

In Leipzig wurde im Frühjahr ein stationärer Blitzer komplett abgeflext. Mehr als einen Monat ermittelte die Polizei, bis ein anonymer Hinweis die Lösung brachte. Ein 18-Jähriger gestand: Er habe den Starenkasten in einem Weiher bei einer Kiesgrube versenkt. Sächsische Polizeitaucher bargen das Messgerät vom Seegrund. Der junge Mann erklärte sein Motiv so: Er sei geblitzt worden – und da er den Führerschein erst vor kurzem erworben habe und sich noch in der Probezeit befinde, wollte er die Spuren tilgen.

Im April 2018 pflanzte in Bitburg, Rheinland-Pfalz, ein Unbekannter über Nacht eine zwei Meter hohe Fichte vor einen mobilen Blitzer.

Im September 2017 stellte im Saarland ein Unbekannter eine aufblasbare lebensgroße Sexpuppe ins Sichtfeld der Kamera.

Die Aktion ist von sinnfreier Dämlichkeit

All diesen Unternehmungen, so schändlich sie sind, muss man zumindest eines zugutehalten: Sie verfolgten einen rationalen, wenngleich verbotenen Zweck – bereits entstandene Aufnahmen zu vernichten beziehungsweise neue Aufnahmen zu vereiteln. Für den Schornbacher Schweinskopf gilt das nicht, die Aktion ist von sinnfreier Dämlichkeit: „Die Linse geht nach vorne raus“, sagt Polizeisprecher Biehlmaier, der Schädel aber „stand oben drauf“.


Info: 
Wer Hinweise auf die Person geben kann, die den Wildschweinkopf entsorgte, melde sich bei der Polizei Schorndorf, unter der Rufnummer 0 71 81/20 40.

In den 1960er Jahren wurden in ganz Deutschland pro Jagdsaison weniger als 30 000 Wildschweine geschossen – in der Jagdsaison von Anfang April 2017 bis Ende März 2018 waren es hingegen rund 837 000 Tiere (davon fast 79 000 allein in Baden-Württemberg).

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