Rems-Murr-Kreis Zugfahrt im Rollstuhl: Von fiesen Tücken und freundlichen Taten

Die Klippe am Einstieg zum Go-Ahead-Zug am Schorndorfer Bahnhof ist für Kai Käfer allein nicht überwindbar. Manchmal helfen Passanten. Einmal fuhr der Zug ohne Käfer ab. Diesmal aber legt Go-Ahead-Mitarbeiter André Wunderlich (rechts) hilfsbereit die Klapp-Rampe aus. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Rems-Murr.
Das Leben in seiner unerschöpflich boshaften Kreativität ersinnt oft derart hinterfotzige Pointen, dass man lachen müsste, wenn’s nicht zum Heulen wäre.

Einmal kaufte Kai Käfer ein Zugticket erster Klasse, er dachte: Dann hab ich Platz und gehe mit meinem Rollstuhl nicht unter im morgendlichen Pendlergedränge. Er war noch nicht eingestiegen, da ertönte die Durchsage: „Wegen Überfüllung ist heute die erste Klasse für alle freigegeben.“

Er fahre, hat Kai Käfer, 32, aus Schorndorf gesagt, sechs, sieben Mal im Monat mit dem Zug von Schorndorf nach Stuttgart zu Arztterminen – ob wir mal mitwollen? Also gut: Treffpunkt Bahnhof, 7.30 Uhr.

Der Himmel schickt zwei Zeugen Jehovas

Auf Gleis 3 wird der Zug kommen. Für Käfer heißt das: mit dem einen Fahrstuhl hinab in die Unterführung, mit einem anderen wieder hoch. Und so steht er nun vor der Aufzugtür, drückt den Knopf, wartet, blickt in den Schacht, wo nichts sich rührt, wartet weiter, drückt wieder, wartet, drückt, wartet und schaut schließlich frontal der Wahrheit ins Auge: „kaputt“.

Käfer, Reporter und Fotograf stecken die Köpfe zusammen: was tun? Zu zweit anpacken, die Treppen nehmen? „Verdammt schwer“, warnt Käfer. Doch der Himmel schickt zwei Zeugen Jehovas: Sie legen ihre blasslila-lindgrünen Prospekte weg und eilen ungefragt herbei. Zwei weitere Passanten – welcher Glaubensfarbe auch immer – gesellen sich dazu. Gleis 3, wir kommen.

Käfer, ein leiser Mensch, braucht ein paar Minuten, bis er sich löst aus der müden Traurigkeit, in die er anfangs eingeschlossen war. Aber langsam taut er auf. Das, sagt er und klingt nicht mitleidheischend dabei, eher sanft staunend, war ein „gutes Beispiel“ für die Tücken, die das Leben ihm täglich vor die Reifen wirft.

Die Treppen: geschafft – der Zugeinsteig: die nächste Klippe

Die Go-Ahead-Züge und der Schorndorfer Bahnsteig mögen sich nicht – die Schiebetritte fahren zwar aus, ragen aber in die Luft, statt sauber auf dem Beton aufzuliegen. Für den Gehenden ist das ein Schritt, für den Rollstuhlfahrer eine Klippe.

Käfer könnte jetzt losrollen zur vordersten Zugtür und dort klingeln. Dann würde ein Zugbegleiter einen Wandschrank öffnen, eine ausklappbare Rampe entnehmen und Käfer den Weg ebnen. Nur: Im Pendlergetriebe ist der Weg auf die Schnelle nicht zu schaffen. Und Käfer ahnt: „Die Zugleute sind ziemlich angespannt“, dauernd droht der Fahrplan zu entgleisen – auf einen wie ihn werden die gerade noch gewartet haben.

Einmal stand er keine zwei Meter von der offenen Zugtür entfernt. Rechts und links quetschten die Leute sich an ihm vorbei nach drinnen, wo andere schon eine Mauer bildeten. Die Tür schloss sich, der Zug fuhr an. Käfer schaute ihm hinterher. Spitzenwitz, wenn’s nicht beschissen wäre.

Und heute? Gerade wollen Reporter und Fotograf erneut anpacken, da steht plötzlich – man weiß gar nicht, woher er kommt – ein Zugbegleiter neben dem Rollstuhl; der Mann muss gerannt sein, so wie er keucht. Go-Ahead-Mitarbeiter André Wunderlich holt die Rampe raus. Atmet tief durch. Und sagt auf Käfers „danke“ hin: „Gerne doch!“

Manchmal sind die Beine so taub, dass sie einfach wegknicken

Bordsteine, Kopfsteinpflaster, kaputte Aufzüge, überfüllte Züge, unerreichbar hohe Supermarkt-Regale: Früher hatte er für so was kein Auge. Bis ihm das Leben die ersten Beschwerden unterschmuggelte; und irgendwann ging es „rapide bergab“. Kai Käfer hat eine „seltene Form von Diabetes. Typ 3.“ Dazu „Polyneuropathie. Eventuell auch Multiple Sklerose.“ 2017 wurde ihm die Bauchspeicheldrüse entfernt.

Noch kann er stehen und, sofern ihm nicht vor Anstrengung eine Spastik die Glieder zerrt, gar gehen: 20 Meter; an guten Tagen 50. Nur: Wie es aussieht, „gehen meine Nerven immer weiter kaputt“. Manchmal sind die Beine so taub, dass sie einfach wegknicken. Schlaf? „Kaum. Zwei, drei Stunden pro Nacht. Die Schmerzen.“

Einmal wollte er eine Rolltreppe hoch: Mit den Hinterrädern balancierte er auf einer Stufe, mit den Fingern krallte er sich rechts und links fest – und merkte, dass die Handläufe schneller fuhren als der Boden! Es war, als wollten die Arme dem Körper enteilen: Komödienstoff, wenn’s nicht so zum Verzweifeln wäre.

Gartenschau und Schlagloch, Freuden und Abstürze

Phasenweise, sagt Käfer, gehe es ihm gut. Bei der Remstal-Gartenschau hat er – „ich brauchte ne Aufgabe“ – als ehrenamtlicher Helfer Karten kontrolliert; wenn ihm dabei der „Zucker entgleiste“, übernahm seine Frau die Schicht. Er hat Pläne: will die Kinder, drei der Kleine, zehn der Ältere, aufwachsen sehen, will den 50-Kubik-Führerschein machen, dann könnte er „ein Microcar“ fahren „mit 45 km/h“. Bloß fallen dem Leben dauernd fiese Streiche ein.

Einmal rollte er in Schorndorf beim Alten Friedhof dahin. Der Gehweg hatte derartige Schlaglöcher, dass ein Rad steckenblieb. Der Rollstuhl mitsamt Käfer kippte um.

Die Menschen sind so verschieden! Manche „pöbeln einen auf der Straße an“, weil sie finden, dass so ein Roll-Heini nicht im Weg rumzufaulen habe. Manche sitzen im Auto, hauen am Zebrastreifen schimpfend die Bremse rein – und kaum ist Käfer in der Straßenmitte, brausen sie los, quetschen sich so haarscharf durch die Lücke zwischen Gehweg und Rollstuhl-Rückenlehne, dass Käfer den Fahrtwind im Nacken spürt.

Die Welt ist nicht rollstuhlgerecht

Und manche helfen, einfach so. Zielbahnhof erreicht: Als Käfer raus will, steht André Wunderlich schon da und legt die Rampe aus. „Danke!“ – „Gerne doch!“

Die Welt ist nicht gerecht und rollstuhlgerecht gleich zweimal nicht. Aber das Leben ist ein launisches Luder: So genießerisch es sich oft in Grausamkeit übt – an diesem Montagmorgen scheint es eine Verschwörung der Menschenfreundlichkeit ausgeheckt zu haben.

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