Rems-Murr-Kultur Bruce Springsteens Seelenbruder in Winterbach

Winterbach. Dieser Freudenschrei muss raus, und zwar gleich, auch wenn bis zum beglückenden Ereignis noch ein paar Monate ins Land gehen: Southside Johnny & The Asbury Jukes kommen nach Winterbach! Eine Liebeserklärung.

Die Live-Auftritte von Bruce Springsteen & The E Street Band Mitte, Ende der 70er Jahre waren keine Konzerte, es waren Lebensfeiern, nicht enden wollende Messen, dreistündige Euphorieschocks voller Stritzi-Romantik, ironischem Gegockel, Breitwandpathos und hyperaktivem Rumgetobe, zu viel von allem, die Sax-Soli, die Flüsterpassagen, die Crescendi, die Lärmentladungen, die plötzlichen Stopps und furiosen Wiedereinsätze, theatralische Spektakel voller Augenrollen, Liebesschwüre, Übertreibungen, Verbrüderungskulte mit dem Publikum: Das ist, schworen Eingeweihte, die beste Band der Welt – abgesehen davon, dass Southside Johnny & The Asbury Jukes genauso sind, bloß manchmal noch besser.

Ende der 60er, Anfang der 70er fand in New Jersey eine verschworene Musikergemeinschaft zueinander. Der junge Springsteen gehörte dazu, ein schräger Vogel namens Steven van Zandt, ein Hallodri mit speckigen Schnittlauchlocken namens John Lyon, dazu ein, zwei Dutzend andere, allesamt ausgestattet mit vagen Zukunftsaussichten und überbordender Lust auf die Gegenwart. Sie jammten miteinander in den Kneipen der Gegend, gründeten kurzlebige Bands und würfelten sich zu neuen Formationen zusammen. Sie bastelten an ihrer Privatmythologie, gaben einander Spitznamen, einer hieß „Mad Dog“, ein anderer „Big Man“, ein dritter „La Bamba“, Springsteen wurde „The Boss“, van Zandt „Miami Steve“, Lyon „Southside Johnny“.

Vom nahen New York aus betrachtet war New Jersey so was wie Krähwinkel-Country – aber gerade hier, nur hier in der Provinz mit Küstenstädtchen wie dem 16 000-Einwohner-Kaff Asbury Park am Atlantik, den angestoßenen Live-Clubs und schon leicht schimmeligen Strandpromenaden konnte ein derartiger Verbrüderungsgeist gedeihen: Nichts los? Machen wir was los!

1976 erschien die erste Platte von Southside Johnny & The Asbury Jukes. Die Typen auf den Promobildern trugen Schlaghosen, bescheuerte Mützen, absurde Sonnenbrillen – lässige Hinterwäldler, die den New Yorker Schick von vor zehn Jahren auftrugen. Man sah ihnen an: Wenn die sich unterhalten, ist jeder Satz ein Insider-Witz, wenn die sich was erzählen, genügt zur Verständigung ein Hochziehen der Braue, denn die haben alle diesen Fundus aus gemeinsamen Erlebnissen und musikalischen Leidenschaften. Die Musik war eine hinreißende Melange aus erdigem Soul und majestätischem Wall of Sound, nostalgisch, romantisch und melodieselig; die Hörner akzentuierten nicht, sie schwelgten. Die meisten Songs schrieb ihnen van Zandt, der mittlerweile als Gitarrist beim Boss angeheuert hatte, oder gleich Springsteen selber – schon die Titel sagten alles, was die Nächte mit dieser Band ausmachte: „I don’t want to go home“, „The fever“, „When you dance“.

Ihre Live-Auftritte waren sagenumwoben. Die Bläser wiegten sich im Takt, während der Frontman barmte und balzte, die Welt versprach und das Blaue vom Himmel runterschwindelte, bis ihm das schweißnasse Haar am Kopf klebte wie einem Langhaardackel nach dem Remsbad. Dazu gesellten sich ausgewählte Cover; unsterblich war ihre Version von Sam Cookes „Havin a Party“, ein Monument des Überschwangs: gemeinsames A-cappella-Singen am Anfang. Eine treibende Strophe. Ein schwärmerischer Refrain, „we’re havin’ a party, everybody’s swinging, dancing to the music on the radio“. Soli. Dann alles noch mal von vorn. Und noch mal, nur diesmal einen Ganzton hochgerückt, als wolle das komplette Lied Richtung Nachthimmel abheben. Und schließlich – fertig? Von wegen: Sie hängten eine Bläser-Coda dran, bevor endlich der Schlussakkord dröhnte. Stille. Atemholen – und, mitten in den Applaus hinein: ein langer Schlagzeugwirbel. Noch mal loslegen. Noch eine Bläsercoda.

Springsteen wurde zum Rock’n’Roll-Weltstaatsmann – Southside Johnny wurde Ende der 70er von seiner Plattenfirma fallengelassen. Er machte weiter, nahm eine Auszeit, kehrte zurück, es gab Jahre, da schien er verschwunden, Jahre, da überraschte er mit einer neuen Platte, zuletzt 2015, „Soultime“. Ein Superstar ist nie aus ihm geworden, er ist immer ein Nischenheld geblieben. Mag sein, dass er bisweilen damit gehadert hat – für uns ist es ein großes Glück: Bruuuce wird nie nach Winterbach kommen, Southside Johnny schon.

Info

Die Kulturinitiative Rock präsentiert: Southside Johnny & The Asbury Jukes, Samstag, 7. Mai, 20 Uhr, Lehenbachhalle Winterbach. Vorverkauf: www.kulturinitiative-rock.de.

Jubiläumsprogramm

Am 31. August 1978 spielte Bruce Springsteen im Richfield Colisseum in Cleveland – und Southside Johnny im Agora nebenan. Nachdem Springsteen sein dreistündiges Konzert absolviert hatte, war er offenbar noch nicht erschöpft genug: Er ging rüber ins Agora, wo Southside Johnny sich gerade dem Ende seiner Show näherte, enterte die Bühne und sang und tanzte sich gemeinsam mit dem Kumpel und dessen Band durch mehrere Lieder. Von dem denkwürdigen Ereignis gibt es auf Youtube hinreißende Videos (in die Suchmaske einfach die Namen der Künstler eingeben).

Das Programm zu 25 Jahren Kulti Winterbach hat es eh in sich. Namen sind dabei, die beim Blues- und Rockfreund allemal eine Saite anschlagen.

Hier die Liste: 13. Februar, Lehenbachhalle: Lee Ritenour

20. Februar, Strandbar 51: Hamburg Blues Band feat. Maggie Bell

4. März, Strandbar 51: Mitch Ryder & Band

12. März, Lehenbachhalle: Mother’s Finest

23. April, Lehenbachhalle: Hans Söllner, Solo

7. Mai, Lehenbachhalle: Southside Johnny & The Asbury Jukes

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