Rems-Murr-Rundschau Als „Flüchtling“ heimisch

Karl Walter Ziegler war viele Jahrzehnte Gemeinderat in Plüderhausen, Kreisrat und Mitglied des Regionalparlaments. Schon als 15-Jähriger war der CDU beigetreten. Foto: ZVW

Karl Walter Ziegler, Kreisvorsitzender des BDV, über die „Stuttgarter Erklärung“ von 1950

Plüderhausen/Waiblingen. Karl Walter Ziegler war 20, als die Vertriebenenverbände die „Stuttgarter Erklärung“ unterzeichneten. Wo er an jenem 5. August 1950 war, daran kann sich Ziegler heute nicht mehr erinnern. Der proklamierte Verzicht auf Rache und Vergeltung war für die Millionen von Heimatvertriebenen die Chance, ihren Blick nach vorn zu richten und hier Fuß zu fassen.

„Heimisch schon“, sagt der 80-jährige Karl Walter Ziegler auf die Frage, ob Plüderhausen, das Remstal, seine neue Heimat geworden sei. „Aber die Heimat ist es nicht. Die ist Brünn, die ist Mähren.“ Ziegler, Kreisvorsitzender des Bundes der Vertriebenen und Bundesvorsitzender des Heimatverbandes der Brünner, erinnert sich noch gut, wie er sich Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre als Vertriebener im Remstal gefühlt hat, als „Flüchtling“, wie der Schwabe die Menschen aus dem Osten nannte.

Sie waren nicht willkommen, die völlig mittellosen, verfemten und vertriebenen Leute aus Schlesien oder Pommern, aus Ostpreußen oder wie die Zieglers aus dem Sudetenland. Viele der Neuankömmlinge waren 1950 noch arbeitslos oder übten einen Beruf unter ihrer Qualifikation aus, sie fühlten sich fremd und ausgestoßen, sie lebten in Baracken und Flüchtlingslager – oder teilten sich eine Wohnung mit den Einheimischen. Vor diesem Hintergrund müsse man die „Stuttgarter Erklärung“ sehen, sagt Ziegler, aus der damaligen Zeit begreifen. „Ich weiß nicht, ob die Vertriebenen jemals in Gefahr waren, dem Radikalismus zu verfallen“, sagt Ziegler. Die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus wie mit dem Kommunismus haben sie womöglich vor ihm geschützt. In dieser Zeit sei es jedenfalls etwas Ungewöhnliches gewesen, eine Vision, der Rache und Vergeltung abzuschwören und einzutreten für den Wiederaufbau Deutschlands und für ein geeintes Europas.

„Die Sehnsucht nach der Heimat war da“

Denn noch hatten die Menschen im Jahr 1950 ihre Hoffnung nicht aufgegeben, eines baldigen Tages in ihre Heimat zurückzukehren. „Die Sehnsucht nach der Heimat war da“, sagt Ziegler. „Man war ja nicht willkommen.“ Die Integration von 14 Millionen Vertriebenen in die Gesellschaft gilt im Rückblick als eine der größten Leistungen der Bundesrepublik. Ein Blick nach Israel und Palästina zeigt, wie Flüchtlinge noch nach Jahrzehnten als politische Manövriermasse dienen und instrumentalisiert werden können. Die Stuttgarter Erklärung kann auch heute noch als eine Mahnung gegen Vertreibung, heute ethnische Säuberung genannt, verstanden werden.

Ziegler, Kreisvorsitzender des Bundes der Vertriebenen, stellt bei der Enkelgeneration ein neues Interesse an der Vertreibung und der alten Heimat fest. Ihre Kinder wollten die Großeltern mit ihrem Schicksal nicht behelligen, hatten die es schon schwer genug, heimisch zu werden. Die Geschichte dürfe aber nicht vergessen und verfälscht werden, sieht Ziegler bereits Anzeichen, dass die Geschichte der Vertriebenen aus dem Osten umgedeutet wird, dass Brno statt Brünn, Pecs statt Fünfkirchen und Bratislava statt Pressburg gesagt und geschrieben werde. Bei „Osten“ fängt es ja bereits an, schließlich sei Böhmen und Mähren, heute Tschechien und Slowakei, seit jeher im Herzen Mitteleuropas und keineswegs „Osten“. Die Erinnerungen wach zu halten, darin sieht er die Aufgabe der Vertriebenenverbände heute. Auch wenn die in Brünn, Pressburg oder Fünfkirchen geborenen Mitglieder immer weniger werden, die einst in den Landsmannschaften Gemeinschaft und Geborgenheit fanden.

 

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