Rems-Murr-Rundschau „Angst vor Schwulen und Lesben ist heilbar“

Klischees über schwule Männer hat Chris schon oft gehört. Bild: Pavlovi Foto: ZVW

Die Psychologin und Traumatherapeutin Pia Voss-Höge ist lesbisch und verheiratet / Sie berät viele homosexuelle Patienten

Remshalden (aks). Die Diplom-Psychologin Pia Voss-Höge ist seit neun Jahren verheiratet und lebt mit ihrer Frau und ihren beiden Kindern zusammen. „Da wir uns sehr offensiv und früh geoutet haben, haben wir keine Akzeptanzprobleme“, erzählt Voss-Höge. Rechtliche und finanzielle Nachteile aber lange Zeit doch. Ein Gespräch über Toleranz, Gleichberechtigung, Familienbilder und die Herausforderungen des Coming Out.

Frau Voss-Höge, im Internet steht, Sie behandeln explizit homosexuelle Frauen und Männer? Kann da nicht das Missverständnis entstehen, Homosexualität sei eine psychische Krankheit, für die eine Therapie nötig ist?

Nein, natürlich nicht. Aber es gibt schlichtweg Therapeuten, die sich mit Homosexualität nicht auskennen und sich nicht in die Lebensumstände hineinversetzen können. Deswegen bin ich in der bundesweiten Kartei des Lesben- und Schwulenverbandes erfasst. Wenn ich mit einem Krankheitsbild konfrontiert werde, für das ich nicht spezialisiert bin, dann wäre es mir egal, ob mein Patient homosexuell ist. Dann würden wir gemeinsam einen passenden Therapeuten suchen.

Warum brauchen wir Ihrer Erfahrung nach eigentlich noch einen Tag gegen Homophobie?

Es gibt noch sehr viel Intoleranz, besonders auf dem Land, wo die Erfahrung und Begegnung mit homosexuellen Menschen fehlt. Alles, was fremd ist, macht erst einmal Angst. Aber diese Angst, die Homophobie ist heilbar, wenn man bereit ist, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen. Das ist ein Prozess, der Zeit und Geduld erfordert. Erst vor kurzem kam die Mutter eines schwulen Sohns zu mir und bat mich, ihn zu „heilen“. Wir haben lange geredet und mittlerweile kann sie die Homosexualität akzeptieren. Wir bewegen uns ja auch erst schrittweise auf eine rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen zu. Meine Frau und ich haben dieses Jahr beispielsweise die erste gemeinsame Steuererklärung abgegeben und hoffen, dass wir dann auch dem neuen Gesetz entsprechend steuerrechtlich erstmals Ehepaaren gleichgesetzt werden. Außerdem haben wir manchmal Probleme, die gleichen Familienvergünstigungen geltend zu machen wie verheiratete Ehepaare, obwohl wir seit 2002 eine eingetragene Lebensgemeinschaft sind und Kinder haben. Der Tag gegen Homophobie ist auch wichtig, um zu erinnern und Stillstand und Gleichgültigkeit in Toleranzfragen zu verhindern.

Was sagen Sie Menschen, die Ihnen gegenüber mit biblischen Argumenten kommen? Homosexualität sei eine Sünde und so weiter?

Es gibt sieben Bibelstellen, die sich mit der Homosexualität beschäftigten, und gute Argumente, warum diese sich nicht auf die heutige Gesellschaft übertragen lassen. Sonst müsste man konsequenterweise die Bibel auch in anderen Aussagen wörtlich nehmen und demzufolge zum Beispiel offen für Sklaverei eintreten. Auf die Idee kommt zum Glück niemand, aber genauso wenig sollte Homosexualität als „Greuel“ (Buch Mose 3, Leviticus 18-22) angesehen werden. Wenn Menschen Homosexualität überhaupt nicht tolerieren können, dann wäre mein Wunsch an sie, den Lebensstil, und dazu gehört die Sexualität, zu akzeptieren. Es geht um die Grundrechte, niemanden wegen seiner sexuellen Neigung zu diskriminieren und jedem die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit zu gewährleisten.

Warum reagieren viele Menschen dennoch so aggressiv?

Viele Menschen bewerten Homosexuelle als abartig und stecken sie manchmal sogar in eine Schublade mit pathologischen sexuellen Neigungen wie Pädophilie. Dabei ist jede Sexualität, die auf dem gegenseitigen Einverständnis zweier erwachsener Menschen beruht, legal, gesund und muss akzeptiert werden. Viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass es doppelt so viele sado-masochistisch veranlagte Menschen gibt wie homosexuelle. Daran, dass der verheiratete Nachbar ab und an ins Bordell zur Domina geht, stört sich niemand, weil es in der Gesellschaft nicht wahrnehmbar ist.

Der 20-jährige Christian hat die Erfahrung gemacht, dass besonders Männer aufgrund ihrer Homosexualität angegangen werden und unter Homophobie leiden – teilen Sie diese Erfahrung?

Ja, die Gewalt gegenüber Männern scheint ausgeprägter zu sein. Auch haben sie offenbar zumindest in der Pubertät ein größeres Problem mit dem Coming Out. Bei schwulen Jungen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren ist die Selbstmordrate signifikant höher als bei heterosexuellen Teenagern oder bei lesbischen Mädchen. Obwohl Homophobie natürlich auch gegenüber Frauen ein großes Problem ist. Allerdings fällt die Homosexualität offenbar erst einmal nicht so auf, weil sich viele Mädchen oder Frauen umarmen. Zudem fühlen viele Männer offenbar weniger Abneigung oder Hass gegen Lesben als gegen Schwule. Vielleicht verstoßen händchenhaltende Männer gegen ihr Rollenverständnis, während viele küssende Frauen sogar erotisch finden oder glauben, die hätten nur noch nicht den „richtigen Mann“ gefunden. Was natürlich völliger Blödsinn ist. Es gibt Theorien, die aussagen, dass Homophobie ihre Ursachen in der Ablehnung eigener Persönlichkeitsmerkmale hat. Es ist ja nicht so, dass man entweder hetero-, bi- oder homosexuell ist. Sexualwissenschaftler haben herausgefunden, dass es da fließende Übergänge der persönlichen Neigungen gibt. Viele Männer und Frauen fühlen sich teilweise vom gleichen Geschlecht angezogen, würden dies aber nicht offen zugeben. Offen gezeigte Homosexualität lehnen sie demzufolge umso mehr ab, je mehr sie die eigenen homosexuellen Wünsche verleugnen.

Wie merkt man, dass man homosexuell ist, und wie schwierig ist das Coming Out? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Das Coming Out ist immer eine schwierige Angelegenheit, aber die meisten, darunter auch ich, fühlten sich danach besser. Es gibt Selbsthilfegruppen, für Lesben, Schwule, aber auch für Eltern. Ich war 33 Jahre alt und sehr religiös, als ich mich outete. Mein Vater, der in anderen Dingen sehr tolerant war, hatte zunächst große Probleme damit, dass ich lesbisch bin und mit einer Frau zusammenlebe. Teilweise kam es fast zu einem Kontaktabbruch. Das hat mich sehr belastet. Mittlerweile kommen wir wieder gut miteinander aus. Demgegenüber hatten wir aber auch gute Erfahrungen mit dem Outing: Ich und meine Frau hatten beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen und auch den Kindern nichts zu verheimlichen. Das hätte ja sowieso nicht funktioniert. Wir hatten Glück und viele Leute auf unserer Seite, die auch bei Klatsch und Tratsch eingeschritten sind. Unsere Kinder hatten bis auf zwei Zwischenfälle, die schnell gelöst waren, keine Probleme. Mittlerweile spielt meine Homosexualität für mich keine größere oder kleinere Rolle als bei heterosexuellen Paaren auch.

 

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