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Rems-Murr-Rundschau Ein Gesicht des zivilen Widerstands

Eine von zehntausenden Gegnern von Stuttgart 21: Die Schorndorferin Eva Maria Gideon. Bild: Schneider Foto: ZVW

Stuttgart-21-Gegnerin Eva Maria Gideon über ihre Motivation, sich mit der Staatsmacht anzulegen

Schorndorf. Eva Maria Gideon ist keine Straftäterin aus dem Lehrbuch. Doch schon bald könnte sie vorbestraft sein. Ihr „ziviler Ungehorsam“ im Rahmen von Demonstrationen gegen das Bauprojekt Stuttgart 21 beschert der 53-jährigen Schorndorfer Aktivistin nun ein Strafverfahren wegen Nötigung. Wie konnte es so weit kommen?

„Politisch zu denken und mich politisch zu betätigen ist für mich etwas ganz Selbstverständliches“, sagt Eva Maria Gideon. Sie nehme einfach aktiv an unserer Gesellschaft teil, interessiere sich für das, was mit und um sie herum geschehe. 2001 ist sie dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac beigetreten. „Attac hat mir dabei geholfen, einen Überblick über die politischen Zusammenhänge zu erhalten: Leben wir wirklich noch in einer echten Demokratie? Wer bestimmt, wie wir leben, überall auf der Welt? Wie weit reichen die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft, welche Rolle spielen die Medien?“, so die 53-jährige Schorndorferin. Im Gründe wüssten die meisten Bürger ohnehin, dass in unserem Staat gewaltig etwas nicht stimme.

Enttäuscht ist sie, dass Attac-Mitglied Heiner Geißler gegen die Ziele von Attac verstoßen habe. „Ich würde ihm nahe legen, aus Attac auszutreten“, sagt die 53-Jährige und betont: „Das war nie als Schlichtung gedacht - es war ein Faktencheck. Es gab nichts zu schlichten. Entweder S 21 oder die Alternative K 21. Und darüber sollten, nach Offenlegung aller Fakten, diejenigen entscheiden, die das Projekt zu bezahlen und auszubaden haben: die Menschen.“ Geißler sei in seinem „Schlichterspruch“ auffallend widersprüchlich und inkonsequent gewesen. Er habe das undemokratische Vorgehen der Projektbefürworter zwar massiv kritisiert, es schließlich aber dann doch legitimiert, indem er sich für einen Weiterbau ausgesprochen habe.

Eva Maria Gideon kritisiert die Berichterstattung der Zeitungen

Seit 2006 beschäftigt sich Eva Maria Gideon mit Stuttgart 21. „Besonders aufgefallen ist mir damals zuerst die fast durchweg positve Berichterstattung der zwei großen Stuttgarter Zeitungen.“ Je mehr sie sich jedoch mit den zahlreichen Details von Stuttgart 21 beschäftigte, desto größer wurde ihre Ablehnung. Zunächst hauptsächlich wegen der Folgen für den Regionalverkehr. „Was mich auch gleich misstrauisch gemacht hat: Wenn das ein so tolles Bahnprojekt ist, warum sind dann die Umweltverbände und so viele Bahnfachleute dagegen?“ Besonders empört hat sie das Verhalten des Stuttgarter Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster. Am 4. Oktober 2007 war sie selbst anwesend, als im Stuttgarter Gemeinderat offiziell der Beginn des Bürgerbegehrens zu Stuttgart 21 bekanntgegeben wurde. Gleich am folgenden Tag habe Schuster in aller Eile bindende Verträge unterschrieben und das Verhandlungsmandat Stuttgarts an das Land Baden-Württemberg abgetreten. Damit habe er aktiv alles darangesetzt, einem Bürgerentscheid die rechtliche Grundlage zu entziehen.

Das gesamte Projekt sei an der Bevölkerung vorbei beschlossen und zu einem auffallend frühen Zeitpunkt vertraglich „festbetoniert“ worden. Die Menschen seien zu keinem Zeitpunkt gefragt worden. Zudem gebe es geheime Verträge, und auch negative Gutachten seien unter Verschluss gehalten worden. Wichtige Teile des Projektes seien noch lange nicht genehmigt, gebaut werde aber schon. Das Projekt stecke voller Ausnahmegenehmigungen, selbst bei sicherheitsrelevanten Aspekten. Auch die massiven Einwände des Bundesrechnungshofes seien wie auch die Unterschriften Zehntausender einfach ignoriert worden. „Ich habe nicht das Gefühl, dass wir noch in einer tatsächlichen Demokratie leben. Ich glaube, hier werden die Interessen mächtiger Akteure bedient, sonst wäre Stuttgart 21 schon längst gestoppt worden“, so die Aktivistin.

„Ich bin weder links noch rechts. Ich halte nichts von Ideologien. Ich kritisiere die Linken, die Rechten, die Gestreiften und die Karierten. Ich möchte einfach frei denken“, unterstreicht Eva Maria Gideon, die als Pfarrerstochter stets zur körperlichen und verbalen Gewaltfreiheit erzogen wurde.

Trotz der christlichen Erziehung und der Verneinung jeglicher Gewalt wich sie zwischen August und Januar mehrere Mal am Stuttgarter Bahnhof nicht den Baufahrzeugen. Deshalb wird sie sich vermutlich in den nächsten Monaten wegen Nötigung vor einem Gericht verantworten müssen. „Das wird noch eine Weile dauern. Vor dem Verfahren habe ich keine Angst. Das gehört zum zivilen Ungehorsam, diese möglichen Folgen auf sich zu nehmen, um damit den Ernst des Anliegens zum Ausdruck zu bringen.“ Eva Maria Gideon wird sich nach dem sogenannten dritten Brokdorf-Beschluss verantworten müssen (siehe Infobox).

Wenn alle „normalen“ Formen des Protestes schlicht übergangen würden, halte sie zivilen Ungehorsam für legitim und notwendig, meint Gideon. „Wir wollen den Rechtsstaat einfordern, und wenn nichts anderes hilft, nehme ich dafür auch Strafen in Kauf.“ Die sich stapelnden Anzeigen schüchtern Eva Maria Gideon keineswegs ein, sie will auch künftig von ihrem Menschenrecht auf Widerstand Gebrauch machen. Erst recht nach dem Schlichterspruch, der für sie ohnehin keiner war.

 

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