Rems-Murr-Rundschau Fragen an den Vater

Ludwig Schlaich, sein Sohn Peter und die Grauzonen der Geschichte

Die Lichtgestalt

Die Bedeutung Ludwig Schlaichs

Ludwig Schlaich war eine Lichtgestalt der Behindertenhilfe. Der 1899 geborene Theologe wurde 1930 Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Stetten und dort zum Pionier eines bahnbrechend menschenfreundlichen Umgangs mit Behinderten: Sie nicht einfach nur verwahren, sondern fördern, ihre Entwicklungspotenziale ausloten, die Wohngruppen zu Lebens- und Lernorten machen, zu Heimat und Familie, auch Schwerstbehinderten die „Würde der Gotteskindschaft“ zuerkennen – um seine Ideen zu verwirklichen, trieb Schlaich die Qualifikation der Mitarbeiter voran. Er entwickelte das Berufsbild des Heilerziehungspflegers. Bis zu seinem Ruhestand 1965 wirkte er vorbildlich und prägend in der Anstalt Stetten und weit über sie hinaus.

Und seine Rolle im Nationalsozialismus? Bereits im Jahr 1946 bezeugte Schlaich, was geschehen war, er berichtete über die „Euthanasie“-Morde in seiner Schrift „Lebensunwert?“ Zitat: „Wir waren uns sofort darin einig, dass wir mit allen Mitteln Widerstand leisten müssten, um die uns anvertrauten Kranken zu retten.“ Schlaich schrieb von zermürbenden Verhandlungen mit Nazi-Funktionären, verzweifelten Protesten und „rührenden Beweisen der Liebe und Dankbarkeit“ zwischen Behinderten und dem für sie eintretenden Anstaltspersonal.

„Mit allen Mitteln Widerstand“: Nicht nur als Gründervater der modernen Behindertenhilfe war Schlaich wirkmächtig; auch als Geschichtsschreiber in eigener Sache. Aber er tat noch mehr, und was ihn dazu trieb – Ordnungsliebe, Gerechtigkeitssinn, Gewissenskämpfe? –, darüber lässt sich nur spekulieren: Sorglich bewahrte er Notate, Redemanuskripte, Unterlagen auf, die eine moralisch weniger eindeutige Geschichte erzählen.

Geschichts-Beben

Ein Buch und seine Folgen

Im Mai 1994 trat der Theologe und Stettener Diakonie-Mitarbeiter Martin Kalusche mit einer Bitte an den Vorstand heran: Er wolle eine Doktorarbeit über die Geschichte der Anstalt im Nationalsozialismus schreiben. Er traf auf „große Offenheit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit“: im ganzen Haus; beim aktuellen Leiter Klaus-Dieter Kottnik; und auch bei dessen Amtsvorgänger Peter Schlaich, dem Sohn Ludwigs.

Kalusche wurde „ohne Zögern auf unbestimmte Zeit“ für seine Forschungsarbeit freigestellt und bekam Zugang zu allen Archiven. Als er begann, war er, „wie alle anderen, überzeugt davon, dass das von Ludwig Schlaich nach 1945 geprägte Bild sich mehr oder weniger bestätigen würde“.

Es kam anders, nicht zuletzt dank der Dokumente, die der 1977 verstorbene Ludwig Schlaich selbst hinterlassen hatte.

Es zeigte sich: Ja, Schlaich wandte sich gegen die Tötungstransporte, er verhandelte und rang hinter den Kulissen.

Es offenbarte sich aber auch: Schlaich erklärte bereits 1933, ein Christ sei es „seinem Volke schuldig“, dass er „die Rasse nicht verdirbt durch Rassenmischung“, zwei Jahre vor den Nürnberger Rassengesetzen plädierte er für ein „Verbot der Heirat mit Fremdrassigen“. Und er befürwortete die Zwangssterilisation von Behinderten, die in Stetten dann vielfach vollzogen wurde.

Die Diakonie versuchte nicht, die verstörenden Fakten, die Kalusche zu dem Buch „Das Schloss an der Grenze“ verarbeitete, unter den Tisch zu kehren. Sie stellte sich im vollen Lichte der Öffentlichkeit ihrem historischen Erbe, räumte dem Forscher im Jahr 1997 vier Vortragsabende im repräsentativen „Sommersaal“ ein. Es war ein mutiger, ein vorbildlicher Schritt; eine Sternstunde der Geschichtsaufarbeitung.

Die Reihe löste ein Beben aus. Vor allem die Generation, die Schlaich noch persönlich gekannt und im Arbeitsalltag miterlebt hatte, wie leidenschaftlich er für die Belange Behinderter eintrat, empfand die Vorträge und das folgende Medienecho als Demontage einer Vorbild-, ja Vaterfigur. Für manche brach eine Welt zusammen.

Martin Kalusche ist heute Leiter der Altenpflegeeinrichtung „Hospital zum Heiligen Geist“ in Hamburg. Er sagt: „Für mich war es sehr bitter und verletzend, dass sich der damalige Vorstandsvorsitzende der Diakonie Stetten, Pfarrer Klaus-Dieter Kottnik, im Laufe dieser Diskussion völlig vom ,Schloss an der Grenze’ und mir distanzierte. Das führte zum öffentlichen Bruch – zwischen uns persönlich, aber auch zwischen mir und der von Kottnik bis 2006 geführten Diakonie Stetten, der ich mich heute noch sehr verbunden fühle.“

Ja, sagt Kottnik, die Vorträge haben „sehr starke Wunden aufgerissen“. Aber „einen Bruch von meiner Seite kann ich nicht sehen. Ich finde dieses Wort nicht angemessen“. Das Buch „in seiner historischen Aufarbeitung war wichtig und hervorragend“. Aber „ich teile nicht alle Wertungen. Kooperation, das ist mir ein zu starker Begriff“. Schlaich „war nicht der Widerstandskämpfer, wie wir gedacht hatten“. Aber „auch kein Kollaborateur“.

Wer all dies hört, ahnt: Die Einrichtung muss unter der Last der quälenden historischen Fragen, die da eine derart strahlkräftige Identifikationsfigur plötzlich so dicht umstellten, emotional fast zusammengebrochen sein. Bei manchen mag der Schmerz bis heute pochen.

Kompromisse

Im moralischen Schraubstock

Deutsche Größe, deutsches Volk: „Mein Vater“, sagt Peter Schlaich, Jahrgang 1931, war „ein treuer Sohn des Kaiserreichs“. Fähnrich im Ersten Weltkrieg. Verwundet an der Westfront. Empört über den Versailler Vertrag. „Mein Vater war national gesinnt. Aber nicht nationalsozialistisch.“

Als Schlaich 1930 in Stetten anfing, war er der Primus inter Pares im Leitungsgremium – und umgeben von Nazis der ersten Stunde. Schulleiter Rupp: „ein ernsthaft lieber Mensch, fromm bis in die Knochen“. Und Kreisredner der Waiblinger NSDAP. Der Arzt Dr. Gmelin: „ein überaus in der Wolle gefärbter Christ“. Und Parteigenosse. Verwaltungschef Ebinger: hochengagiert bei der landeskirchlichen Gemeinschaft Rommelshausen. Und Gründungsmitglied der Stettener NSDAP-Ortsgruppe.

Die Anstalt war Ludwig Schlaichs Leben, seine Mission. Und „er war ein Gscheitle: Er war halt eindeutig der Meinung, dass er für die Anstalt besser ist als irgendein anderer“. Er stand dem Theologenkreis um Paul Schempp und Hermann Diem nahe, die in der Oppositionsbewegung „Bekennende Kirche“ gegen die Gleichschaltung der Kirche eintraten – und spürte, dass die Nazis damit liebäugelten, einen der ihren an die Spitze der Anstalt zu rücken. Um das abzuwenden, glaubt Peter Schlaich, ging sein Vater in prekärer Lage Kompromisse ein. „Er sah keine andere Möglichkeit.“

Sich anpassen, um unabhängig zu bleiben: Das ist ein gedanklicher Schraubstock, der den Hineingespannten in eine fast schizophrene Stellung zwingt. Schlaich wollte Nazi-Funktionären nicht das Wort geben – und hielt selber Vorträge bei Abenden der Nazi-Gewerkschaft „Deutsche Arbeiter-Front“. Schlaich wollte den Nazis die Anstalt nicht ganz überlassen – und stimmte einer Satzungsänderung zu, die dem Staat großen Einfluss einräumte, zum Beispiel bei wichtigen Personalentscheidungen.

Wäre er voll auf Konfrontation gegangen, hätte man ihn dann nicht bald entmachtet, wäre dann nicht alles noch schlimmer geworden für die Behinderten? Bis zu welchem Punkt lassen sich Kompromisse als eine Art weicher Widerstand vertreten? Und wo schlägt, was als kluge Taktik gemeint sein mag, um in heilloses Lavieren, in De-facto-Kooperation? Es gibt darauf keine einfachen Antworten. Genauso wenig wie auf die Gegenfrage: Wenn frühzeitig mehr Kirchenmänner mit Einfluss und Ansehen laut protestiert hätten – wäre damit etwas zu bewegen, zu verhindern gewesen?

Als die grauen Busse kamen, hat Schlaich um viele seiner Schutzbefohlenen gekämpft, er hat Behinderte vor dem Abtransport bewahrt – und die Plätze wurden mit anderen aufgefüllt, die dafür gar nicht vorgesehen waren und nun „blindlings aus dem Bett gezogen“ wurden. „Mein Vater hat sich das selber nie verziehen: dass er nicht, wie er eigentlich wollte, an die Tür des Busses gestanden ist und sich als Nummer eins für den Transport eintragen hat lassen.“

Schattenzonen

Einige beklemmende Fakten

Peter Schlaich spricht als Anwalt seines Vaters, er macht daraus kein Hehl. Aber er wird darüber nicht blind für die moralischen Schattenzonen in dieser Geschichte. Das verdient Respekt.

Und es ehrt ihn ungeheuer, dass er den Standpunkt des Vaters zur „Eugenik“ nicht weichzeichnet.

Die Zwangssterilisierung Behinderter war „schon 1920 ein Fachthema. Das hat mir mein Vater später immer wieder gesagt: Wir haben das lang vor Hitler in unseren Fachdiskussionen ständig erörtert“. Sterilisierungen – „das wurde allgemein als notwendig angesehen. Das hat deshalb auch mein Vater gern gemacht“, als die Nationalsozialisten die gesetzlichen Grundlagen dafür schufen.

Die weniger schwer Behinderten, die „Schwierigen“, die nach heutigen Maßstäben vielleicht eher bloß Verhaltensauffälligen, die in ihren Heimatdörfern sowieso Verschrienen – bei denen „war man froh, dass man keine Sorgen mehr haben muss, wenn sie ins Wochenende gehen“.

„Mein Vater hatte die ganz tiefe Überzeugung, dass auch Schwerstbehinderte eine Menschenwürde haben, das war für ihn überhaupt keine Frage“ – und er hielt die Zwangssterilisierungen für „sachlich begründet“. Er spürte da „keinen Gewissenskonflikt“.

Weiß Peter Schlaich, wie schwer verdaulich das aus heutiger Sicht klingt?

Er weiß es.

Ab 1938 meldeten sich verstärkt jüdische Eltern in Stetten, die auswandern wollten und für ihre behinderten Kinder verzweifelt nach Quartier in nichtjüdischen, in sicheren Einrichtungen suchten. Der Anstaltsleiter verfasste sehr formale Ablehnungsschreiben, bürokratisch karg, „Heil Hitler! Ludwig Schlaich“. Es gab Häuser, sagt Peter Schlaich, die „anders reagierten“ und „liebevolle Briefe“ schrieben; auch Ablehnungen, in der Regel – aber solche, die spüren ließen, dass hier „das jüdische Schicksal wahrgenommen“ wurde.

„Das hat mich schon bewegt.“ Vielleicht wollte der Vater „nicht noch mehr Angriffsflächen bieten“. Oder wirkte da auch ein „antijüdischer“ Reflex?

„Wenn ich die Jahresberichte meines Vaters aus den Jahren 1933 bis 1939 lese, da kriege ich auch Bauchweh“ – wie der Anstaltsleiter da vom „großen Kampfe unseres Volkes“ schrieb und von der „Selbstverständlichkeit“, dass „wir jede Gelegenheit benutzen, um unter unseren Mitarbeitern und Pfleglingen die Treue zu Führer und Volk zu pflegen und das Verständnis für die Ziele des Nationalsozialismus zu vertiefen“.

Hat er „mit den Wölfen geheult“, weil er dachte, das sei ratsam zum Wohle der Anstalt? „War das nur Gebafel, um nicht weiter anzuecken? Oder war er eben doch ein bisschen brauner, als er später wahrhaben wollte? . . . Ich weiß es nicht.“

Es ist, wie Martin Kalusche in seinem Buch schreibt: „Was ist taktisch gebotene Anpassung, was ist Opportunismus, was innerste Überzeugung, was Verblendung? Die Grenzen sind fließend, die Quellen erlauben kaum letzte Urteile.“ Die Fragen bleiben.

Irgendwann, das Gespräch dauert schon fast zwei Stunden, sagt Peter Schlaich: „Er hat sich natürlich schon durchgemogelt. Gegen die Nazis. An ihnen vorbei. Und mit ihnen zusammen.“

 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!