Rems-Murr-Rundschau Glückwunsch, Hans Peter Stihl!

Er hat Unternehmens- und Tarifgeschichte geschrieben/ Heute wird der Waiblinger Ehrenbürger 80 Jahre altWaiblingen geht mit Ernennungen zum Ehrenbürger recht sparsam um. In nahezu 130 Jahren zeichnete die Stadt lediglich elf Persönlichkeiten mit diesem Titel aus. Eine dieser Persönlichkeiten ist - seit 1997 - Hans Peter Stihl, der heute seinen 80. Geburtstag feiert.

Er hat Unternehmens- und Tarifgeschichte geschrieben/ Heute wird der Waiblinger Ehrenbürger 80 Jahre alt

Waiblingen geht mit Ernennungen zum Ehrenbürger recht sparsam um. In nahezu 130 Jahren zeichnete die Stadt lediglich elf Persönlichkeiten mit diesem Titel aus. Eine dieser Persönlichkeiten ist - seit 1997 - Hans Peter Stihl, der heute seinen 80. Geburtstag feiert.

Für den erfolgreichen Unternehmer, der sich zudem als Vorsitzender des Verbandes der Metallindustrie in Baden-Württemberg (VMI) und als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) sowie der IHK Region Stuttgart einen Namen gemacht hat, ist dies eine von vielen Auszeichnungen. Angesichts seiner Verbundenheit mit der Stadt, in der er seit mehr als einem halben Jahrhundert aktiv tätig ist, hat sie für ihn aber eine besondere Bedeutung.

Die Unternehmerkarriere des am 18. April 1932 in Stuttgart-Bad Cannstatt geborenen Hans Peter Stihl beginnt 1960. In diesem Jahr tritt er als Assistent der Geschäftsführung in das väterliche Unternehmen ein, die 1926 gegründete Maschinenfabrik Andreas Stihl. Um es vorwegzunehmen: Mit seinem technischen Verständnis und sozialem Empfinden, seiner ausgleichenden Art sowie seinem Engagement im Betrieb und in Ehrenämtern, hätte er auch anderswo Karriere gemacht.

Vor dem Einstieg beim Vater Andreas Stihl studiert er von 1952 bis 1957 an der Technischen Hochschule in Stuttgart Maschinenbau. Seine Diplomarbeit schreibt er über den „Umbau eines Motorsägenmotors auf Benzineinspritzung“. Er bekommt dafür eine Note, „die eine Eins vor dem Komma hat“. Die Arbeit ist nicht nur Theorie. Der Motor wird nach Hans Peter Stihls Plänen gebaut. Aber er geht nicht in Serie, denn die Zeit ist noch nicht reif für eine Benzineinspritzung bei Motorsägenmotoren.

Nach dem Studium will er sich zunächst Sporen in anderen Firmen verdienen. Vor allem möchte er noch dazulernen. So geht er für ein Jahr „zum Bosch“. Dort arbeitet er als Konstrukteur im Bereich Schlepperhydraulik. Ende 1959 entschließt er sich, zu einer Beratungsfirma zu wechseln. Es ist die VBB Vereinigte Betriebsberater in Karlsruhe-Durlach. Sie hat im väterlichen Unternehmen ein modernes Stücklisten- und Änderungswesen eingeführt. Für sie arbeitet er in verschiedenen Bereichen und Positionen.

Im Auftrage der VBB besucht er Unternehmen wie die Zweiradhersteller Herkules und Zündapp, die Uhrenfabrik Blessing oder den Landmaschinenhersteller Fahr in Gottmadingen. Diese Firmen haben ähnliche Probleme wie die Maschinenfabrik Stihl: Die Fertigungs- und Betriebsabläufe müssen dringend modernisiert werden.

„Wenn Du nicht kommst, verkaufe ich den Laden“

Dann drängt der Vater den Sohn, in sein Unternehmen zu kommen. Er droht, „wenn Du jetzt nicht kommst, dann verkaufe ich den Laden“. Hans Peter Stihl wäre „gerne noch einige Jahre in der Unternehmensberatung geblieben“. Aber er betont auch, „es war für mich immer klar, dass ich später einmal in den väterlichen Betrieb gehen werde. Das war selbstverständlich. Ohne jeden Zweifel“.

Nun wird er 1960 in Waiblingen Assistent der Geschäftsführung. Aber es gibt für ihn kein Büro. Im Unternehmen herrscht Raummangel. Seine Schwester Eva, die im Jahr zuvor beim Vater anfing, bietet ihm an, ihr Büro, „eine schmale Behausung“, mit ihm zu teilen. Die als vorübergehend betrachtete Bürogemeinschaft wird zur Dauerlösung, trotz zahlreicher Umzüge. Und sie besteht heute noch.

Rückblickend wertet Hans Peter Stihl die seinerzeitige Notlösung „als Sternstunde für das Unternehmen.“ Es entstand, so sagt er, „eine Symbiose mit großem Seltenheitswert“. In dem gemeinsamen Büro entwickelte sich, so betonen die Geschwister, „ein großes Vertrauensverhältnis, ohne das unsere gemeinsame Firmenleitung sicher nicht so erfolgreich gewesen wäre“. Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl können sich „bis auf den heutigen Tag“ auf Zuruf - also direkt - verständigen. Für Stihl ist dies „ein gutes Beispiel für kurze Entscheidungswege in einem mittelständischen schwäbischen Unternehmen.“

Die ersten Monate im väterlichen Unternehmen sind nicht einfach. „Meine erste umfangreichere Tätigkeit war, die Ordnung im Archiv wieder herzustellen. Ich habe dann wochenlang Ordner hin und her bewegt“, erinnert sich Hans Peter Stihl. Dann aber wachsen die Aufgaben. Ende Juni 1960 bekommt er Gesamtprokura. Etwas später übernimmt er die Leitung der Abteilung Fertigung und Konstruktion.

Es ist eine spannende Zeit. Eine 1959 auf den Markt gebrachte getriebelose Motorsäge bringt einen enormen Aufschwung. Der Umsatz steigt ab 1960 pro Jahr zweistellig. Eigentlich wird die gesamte Kapazität für die Sägenherstellung benötigt. Aber noch werden auch leichte Ackerschlepper und Dieselmotoren gefertigt. An ihnen hängt das Herz des Vaters, der sie konstruiert hat. Doch sie produzieren Verluste. Mit großer Geduld und dem Argument, man müsse sich auf Sägen konzentrieren, gelingt es dem Sohn, den Vater dazu zu bewegen, dass 1963 die Schlepperfertigung und danach der Dieselmotorenbau eingestellt werden.

1966 wird Hans Peter Stihl Mitglied der Geschäftsführung. Er übernimmt die Bereiche Entwicklung, Materialwirtschaft und Produktion. Zudem beginnt er damit, sich im Ausland umzusehen, weil er der Meinung ist, „dass wir auf Dauer allein mit einer Produktion in Deutschland nicht bestehen können“. Außerdem wird damit begonnen, den Vertrieb, der sich bislang im In- und Ausland auf selbstständige Unternehmer stützt, nach und nach in die eigene Hand zu nehmen. Dies soll die Schlagkraft erhöhen und Kosten sparen.

Aus gesundheitlichen Gründen zieht sich der Vater mehr und mehr zurück. 1971 wird der Sohn neben ihm persönlich haftender Gesellschafter des Unternehmens, an dem mittlerweile er und seine Geschwister Eva, Gerhild und Rüdiger beteiligt sind. In diesem Jahr erreicht die Firma Stihl ein vor allem von Hans Peter seit Jahren mit Ehrgeiz verfolgtes Ziel: Sie wird Weltmarktführer bei Motorsägen.

Die zweite Generation übernimmt das Kommando

Als der Vater 1973 im Alter von 76 Jahren stirbt, beschließen die Kinder, die Firma fortzuführen, die seinen Namen trägt. Hans Peter ist nun alleiniger persönlicher Gesellschafter des Unternehmens, das zu dieser Zeit 2500 Mitarbeiter beschäftigt und 220 Millionen DM pro Jahr umsetzt.

Nun beginnt der Aufbau einer Fertigung auf wichtigen Auslandsmärkten. Man will die führende Stellung auf dem Weltmarkt halten. Die Produktion an Standorten mit deutlich geringeren Lohnkosten und/oder längeren Arbeitszeiten als in Deutschland soll ermöglichen, im oft harten Preiskampf besser zu bestehen. Zudem möchte man eine Möglichkeit schaffen, mit den Auslandswerken, die sehr starken Schwankungen zwischen DM- und Dollarkurs etwas auszugleichen.

Innerhalb kurzer Zeit entstehen ein Montagewerk in Brasilien (1973), eine Sägekettenfertigung in der Schweiz (1974) sowie ein Montagewerk in den USA (ebenfalls 1974). Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva, die nun Finanzchefin ist, sind bei den Auslandsinvestitionen außerordentlich vorsichtig. „Klein und hässlich“, wird, wie es Eva Mayr-Stihl beschreibt, gestartet. Zunächst in gemieteten Räumen. Erst wenn alles gut läuft, wird selbst gebaut. Dies ist nach kurzer Zeit der Fall.

Im Inland wird vor allem an der intensiven Weiterentwicklung der Produkte und der Modernisierung der Fertigungsanlagen, der Herstellungsverfahren und der Gesamtorganisation gearbeitet. Immer neue Produkte kommen auf den Markt. Stihl setzt dabei nicht nur auf immer größere Leistung, sondern vor allem auch auf Sicherheit, Bedienfreundlichkeit und Umweltschutz. Dafür gibt es Auszeichnungen. Auch für das Marketing (1983) und die vorbildlich organisierte Logistik (1985). Zudem wird 1991 das Programm durch Übernahme des Gartengeräteherstellers Viking mit einer Zweitmarke erweitert.

Engagement im Arbeitgeberverband

Das Unternehmen wächst und hält auch seine Spitzenstellung auf dem Weltmarkt. Daneben entwickelt sich Hans Peter Stihls „hohes Engagement im Dienste der Allgemeinheit“, wie es später der langjährige Bosch-Chef Prof. Dr. Hermann Scholl nennt. Dieses Engagement beginnt bescheiden 1970 im Vorstand der AOK Waiblingen. Drei Jahre später wird Stihl in die Vollversammlung der IHK Stuttgart gewählt, die damals noch IHK Mittlerer Neckar heißt. Und er wird Mitglied des Vorstands des Verbandes der Metallindustrie Baden-Württemberg e.V. (VMI).

Dr. Hanns Martin Schleyer, Vorstandsmitglied der Daimler-Benz AG und amtierender VMI-Vorsitzender, soll Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) werden. Er sucht für den VMI einen Nachfolger, einen Eigentümerunternehmer. Er spricht Hans Peter Stihl an. Dieser zeigt zwar Interesse, sieht sich aber angesichts der Expansionsphase im eigenen Unternehmen, insbesondere wegen der Auslandsprojekte, nicht in der Lage, jetzt VMI-Vorsitzender zu werden.

Die Absicht, sich im Arbeitgeberverband zu engagieren, hat einen Hintergrund. Seit langem ärgert sich Stihl über die Mitbestimmungsdiskussion. Es geht nicht um Auseinandersetzungen mit den Betriebsräten. Mit diesen kommt er bestens zurecht. Nicht zuletzt, weil das Unternehmen schon seit den Zeiten des Vaters sehr sozial eingestellt ist.

Es geht um die Gewerkschaften. Diese versuchen ihren Einfluss in den Betrieben über die Erweiterung der Mitbestimmung immer mehr zu vergrößern. Treibende Kraft ist vor allem Otto Brenner, der bis 1972 die IG Metall führt. Brenner strebt nach eigenen Worten die „demokratische Umgestaltung der ganzen Wirtschaft“ an. Deren Ziel ist nach früheren Aussagen der Gewerkschaften, „die schrittweise Beseitigung der Herrschaft, die sich auf dem Kapitalbesitz aufbaut, und die Umwandlung der leitenden Organe der Wirtschaft aus Organen der kapitalistischen Interessen in solche der Allgemeinheit.“ Das hieße nichts anderes als Sozialismus.

Mitte der 70er Jahre verschärfen sich in Stihls Augen die Probleme. Unter der sozialliberalen Koalition setzen die Gewerkschaften ein neues Mitbestimmungsgesetz durch. Die Erweiterung der Mitbestimmung trifft zwar nur Kapitalgesellschaften mit mehr als 2000 Beschäftigten. Aber die Gewerkschaften wollen noch mehr. Insbesondere nachdem das Bundesverfassungsgericht eine Klage der Arbeitgeber gegen das neue Mitbestimmungsgesetz ablehnt. Stihl fürchtet, dass eine weitere Ausweitung der Mitbestimmung auch Unternehmen wie das seine treffen könnte.

Seine Bereitschaft wächst, stärker im Arbeitgeberverband der Metallindustrie aktiv zu werden. 1980 wird er Vorsitzender des VMI. Das heißt, er ist nun Verhandlungsführer in den Tarifrunden in Nord-Württemberg-Nordbaden, einem „Pilotbezirk“ der Metallindustrie, in dem die Tarifauseinandersetzungen immer wieder zu Streik und mitunter zu Aussperrung führen.

Eine Tarifrunde, die Geschichte schreibt

Die schwierigste Runde hat Hans Peter Stihl 1984 zu bestehen. Die IG Metall fordert den Einstieg in die 35-Stunden-Woche. Es kommt zum Arbeitskampf, mit Streik und Aussperrung. Er dauert sieben Wochen. Zwar liegt das Schwergewicht bei der Automobilindustrie und deren Zulieferer. Bestreikt wird aber auch die Firma Stihl. Sozusagen zur Strafe für Hans Peter Stihls Rolle als Verhandlungsführer der Arbeitgeber. Als Stihl sich dann zur Aussperrung gezwungen sieht, beeinträchtigt dies für einige Zeit das bis dahin gute Verhältnis zum Betriebsrat.

Der Arbeitskampf endet nach einer „Besonderen Schlichtung“ mit dem sogenannten Leberkompromiss. Die Arbeitszeit wird von 40 auf 38,5 Stunden verkürzt. Die Arbeitgeber dürfen allerdings, was Stihl immer forderte, flexiblere und differenzierte Arbeitszeiten einführen. Es gehört zu Hans Peter Stihls großen Enttäuschungen, dass die IG Metall dann jedoch die „Flexibilisierung“ blockiert, der sie im Rahmen des Kompromisses zugestimmt hatte.

Stihl erzwingt die flexiblere Arbeitszeitgestaltung im eigenen Unternehmen vor der „Einigungsstelle“. Im Gegensatz zu ihm verzichten seine Arbeitgeberkollegen angesichts des Widerstands der Gewerkschaft auf die Einführung flexiblerer Arbeitszeiten. Erst nach Jahren setzt sich bei Gewerkschaft und Arbeitgebern die Erkenntnis durch, dass die Flexibilisierung beiden Seiten nutzt. Nach etwa einem Jahrzehnt wird dann dieser Teil des Leberkompromisses in den Unternehmen umgesetzt.

Zu den unerfreulichen Erfahrungen der Zeit als VMI-Vorsitzender gehören auch die Auseinandersetzungen mit dem Gesamtverband der Metallindustriellen Arbeitgeberverbände (Gesamtmetall). Stihl, der als VMI-Vorsitzender auch Vizepräsident dieses Spitzenverbandes ist, sieht sich nach den Tarifrunden, die er erfolgreich zum Abschluss bringt, immer wieder harscher Kritik ausgesetzt.

Dies war zwar oft auch bei seinen Vorgängern der Fall, die wie er in schwierigen Tarifrunden „die Kohlen aus dem Feuer“ holen mussten, dafür aber statt Lob nur Tadel ernteten. Neu ist aber, dass Stihl nicht nur intern, sondern auch öffentlich kritisiert wird. Dies mag damit zusammenhängen, dass er immer eine sehr deutliche Sprache spricht, auch gegenüber Gesamtmetall.

Insgesamt bewertet Stihl die Zeit an der Spitze des VMI jedoch positiv. Sie endet 1988. Die häufige Präsenz im Fernsehen während der Tarifrunden hat nicht nur ihn, sondern auch die Marke Stihl bekanntgemacht. Auf die Frage, ob sich die acht Jahre als Vorsitzender für ihn gelohnt hätten, antwortet er lächelnd: „Gewonnen habe ich an Sitzfleisch und an Verhandlungsgeschick“.

Es ist natürlich viel mehr, was er mitnimmt. Unter anderem ist er nun im Umgang mit den Medien, vor allem Funk und Fernsehen geübt. Und er sieht sich darin bestätigt, dass man immer wieder der Unterstützung anderer bedarf. Im VMI war es die Mitgliedschaft, die angesichts der Gesamtmetall-Kritik sich geschlossen hinter ihn stellte.

Aber er weiß, dass man zudem Netzwerke schaffen muss, über die eigene Organisation hinaus. Beispielsweise zu Politikern und zur Presse. Dabei steht ihm nun Dr. Rudolf Hofsähs zur Seite, der seit 1984 die Öffentlichkeitsarbeit bei Stihl leitet. Der frühere Ministerialdirektor im Bundespresseamt ist selbst bestens vernetzt. Und er gibt Stihl, wie dieser selbst sagt, „wertvolle Ratschläge, die ich von niemandem anders sonst akzeptiert hätte“. Beide setzen sowohl in der Zusammenarbeit miteinander als auch nach außen auf Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Werte, die zu betonen Hans Peter Stihl nicht müde wird.

Die Stimme der deutschen Wirtschaft

Dem Ehrenamt beim VMI folgen 1988 die Präsidentschaft beim Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT) sowie die Präsidentschaft bei der IHK Mittlerer Neckar und der Vorsitz in der Arbeitsgemeinschaft der baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern. Der Waiblinger Unternehmer übernimmt diese Ämter nach Rücksprache und mit Zustimmung seiner Geschwister. Wesentlich ist vor allem die Bereitschaft seiner Schwester, ihm so weit wie möglich den Rücken freizuhalten. Stihl will aber für die Kammerorganisation überwiegend von Waiblingen aus arbeiten, um im eigenen Unternehmen präsent und aktiv zu bleiben.

Bis 2001 steht er an der Spitze der Kammerorganisation. Der Waiblinger Unternehmer wird dabei zu einer wichtigen Stimme der deutschen Wirtschaft. Er betreibt offensiv Öffentlichkeitsarbeit, wobei er stets Gehör findet, weil er sich nicht nur sachkundig, sondern zudem sehr deutlich äußert. Selbst dann, wenn ihm völlig klar ist, dass er damit Politikern, anderen Spitzenverbänden oder der eigenen Organisation „auf die Zehen tritt“. Als er sich beispielsweise in einem Namensartikel in einer Zeitung kurz vor der Entscheidung der „Hauptstadtfrage“ im Bundestag dafür ausspricht, dass Berlin die neue Hauptstadt werden soll, trifft dies beim DIHT, der in Bonn sitzt, auf großes Missfallen.

Aber mit dem Missfallen anderer kann Stihl gut leben, wenn es darum geht, Grundsätze zu verteidigen, die ihm wichtig sind. Er bekennt sich bereits beim Amtsantritt beim DIHT als „glühender Verfechter“ der Sozialen Marktwirtschaft. Und er sichert der Kammerorganisation zu, er werde sich zu Wort melden: „Ich werde die Meinung der Kammern im politischen Bereich artikulieren und ihre Interessen vertreten, im Inland und im Ausland.“ Dies macht er während seiner gesamten Amtszeit. Unermüdlich äußert er sich zu aktuellen Fragen, kämpft gegen Missstände und präsentiert Vorschläge, wie Probleme zu lösen sind.

Der intensive Einsatz beschert Erfolge. Aber nicht alles gelingt. Stihl ist für die Wiedervereinigung aber gegen den Umtausch von Ost- und D-Mark im Verhältnis 1 : 1, sieht dann aber ein, dass aus politischen Gründen wohl kein anderer Weg bleibt. Wenig Erfolg haben seine und die Einwände des DIHT gegen die Bestrebungen in der Regierung Kohl, einen großen Teil der Wiedervereinigungskosten den Sozialkassen aufzubürden. Er betrachtet dies als folgenschweren Fehler, unter dem die Rentenversicherung und die Krankenkassen heuten noch leiden.

Erfolgreich sind die IHK, der DIHT und ihr Präsident aber beim Aufbau einer Kammerorganisation nach westdeutschem Vorbild in den neuen Bundesländern. Über die neuen IHK wird insbesondere die Neugründung von Unternehmen in der früheren DDR nachhaltig gefördert.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks werden Repräsentanzen, Delegiertenbüros und Auslandshandelskammern in den Reformstaaten gegründet. Stihl, der für sein eigenes Unternehmen alljährlich Reisen in die eigenen Werke und zu wichtigen Kunden in aller Welt unternimmt, verbindet diese Reisen als DIHT-Präsident mit Besuchen bei den Auslandshandelskammern und zur Förderung des Kontakts zwischen den Kammern und den jeweiligen Regierungen. Zudem setzt er sich für den Ausbau der Kammereinrichtungen im Ausland ein. Ihre Zahl erhöht sich während seiner Amtszeit von 53 auf 88.

Im Inland gibt es eine stetige Auseinandersetzung mit der Bundesregierung. Sie erreicht im Sommer 1992 einen Höhepunkt. Stihl erteilt in einem Gespräch mit Bonner Wirtschaftsjournalisten auf direkte Fragen der christlich-liberalen Koalition Schulnoten: Er bewertet die Regierung dreimal mit einem „Mangelhaft“. Bundeskanzler Helmut Kohl ist verärgert. Stihl wird von den Politikern der Koalition massiv öffentlich angegriffen. Die Presse hat ein Thema, das sie während der Urlaubszeit beschäftigt. Und im DIHT gilt der Präsident nun als „König des Sommerlochs“.

Im Mittelpunkt der sich wiederholenden Diskussionen mit den Regierungen - auch der späteren rot-grünen Koalition - stehen die Subventionen, für deren Abbau Stihl eintritt. Er fordert die Begrenzung des Staatseinflusses, weniger Bürokratie, eine Reform der Steuer- und Sozialsysteme und die Privatisierung staatlicher Aufgaben.

Ziel aller Aktivitäten ist die Stärkung des Standortes Deutschland. Im Rahmen des stärkeren Zusammenwachsens der europäischen Staaten und angesichts der Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft geht es für Stihl und die Kammerorganisation darum, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen nicht schwächen zu lassen, sondern zu verbessern. Nicht zuletzt zur Erhaltung der Arbeitsplätze im Inland.

Eine ganz besondere Aktion kommt auf den DIHT im Zusammenhang mit dem Thema Entschädigung der Zwangsarbeiter zu. Die von Großunternehmen gegründete „Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft“ will gemeinsam mit der Bundesregierung eine Entschädigungssumme von zehn Milliarden DM aufbringen. Dies kann nur gelingen, wenn sich eine Vielzahl von Firmen beteiligt.

Stihl fürchtet, dass ein Scheitern der Stiftungsinitiative den deutschen Unternehmen im Ausland schadet, insbesondere in den USA. Die Firma Stihl ist der Initiative beigetreten. Dann initiiert der DIHT-Präsident eine großangelegte Aufrufaktion der Industrie- und Handelskammern an ihre Mitglieder mit mehr als 200 000 Briefen. Dies stößt innerhalb der Kammerorganisation zwar nicht überall auf Begeisterung, sondern teilweise auf Ablehnung. Aber letztendlich gelingt es, die Stiftungsinitiative wirksam zu unterstützten, die dann den Namen „Erinnern, Verantwortung, Zukunft“ trägt.

Aktiv für die Region Stuttgart

Neben der Arbeit an der Spitze des DIHT gibt es für Stihl wichtige Aufgaben in Baden-Württemberg, wo er Präsident der IHK-Region Mittlerer Neckar ist. Hier heißen die großen Projekte unter anderem: Schaffung einer Region Stuttgart, Ausbau des Flughafens, Bau einer neuen Messe auf den Fildern, Neuordnung des Rundfunks im Südwesten und Stuttgart 21, also die Anbindung der Landeshauptstadt an den internationalen Bahnverkehr, die West-Ost-Magistrale Paris-Wien.

Dem Stuttgarter IHK-Präsidenten geht es um die Stärkung des Standortes Stuttgart. Eine starke Landeshauptstadt nützt dem gesamten Land, ein starkes Baden-Württemberg der Bundesrepublik und eine starke Bundesrepublik der Europäischen Gemeinschaft. Davon ist er fest überzeugt.

Stihl und die IHK stoßen aber mit ihren Initiativen immer wieder auf Widerstände. Gegen die Schaffung einer Region Stuttgart sind viele der Umlandgemeinden. Dennoch wird dank der Landesregierung ein Regionalverband geschaffen, zu dessen Unterstützung die IHK Stuttgart noch einen Verein, das Forum Region Stuttgart, gründet. Dessen Vorstand des Forums gehört Stihl heute noch an. Zudem ist er Namensträger des vom Forum alljährlich vergebenen Hans-Peter-Stihl-Preises.

In Sachen Region Stuttgart, Flughafenausbau und neue Messe sind die Landesregierung und die IHK auf einer Linie. Aber es gibt andere Gebiete, auf denen Stihl mit Ministerpräsident Erwin Teufel uneins ist. Bei der Rundfunkneuordnung drängt die IHK auf einen Landessender mit Sitz in Stuttgart. Erreicht wird schließlich, dass nach der Fusion des Südwestfunks in Baden-Baden mit dem Süddeutschen Rundfunk zumindest die Intendanz in der Landeshauptstadt bleibt.

Heftige Auseinandersetzungen gibt es im Zusammenhang mit dem Bankplatz Stuttgart. Stihl fordert eine starke Regionalbank. Der Ministerpräsident will eine „bärenstarke Landesbank“. Teufel setzt sich durch. Leider erweist sich die Landesbank, die heute LBBW heißt, nicht als „bärenstark“. Sie entsteht aus der Fusion der Südwestdeutschen Landesbank mit der Landesgirokasse und der Landeskreditbank. Später kommen die Baden-Württembergische Bank, die Landesbank Rheinland-Pfalz und die Sachsen LB hinzu. Aber die Finanzkrise 2007 und die Sachsen LB bringen die LBBW tief in die roten Zahlen. Als Folge benötigt die LBBW eine Kapitalspritze von 5 Mrd. Euro.

Aber es gibt nicht nur Probleme mit der Landesregierung. Spannungen bestehen auch innerhalb der baden-württembergischen Kammerorganisation. Einige IHK im Badischen betrachten die Bemühungen Stihls, den Standort Stuttgart zu stärken, mit großem Misstrauen. Es gibt - auch über andere Themen - immer wieder Ärger, der letztlich dazu führt, dass der Stuttgarter IHK-Präsident seinen Vorsitz in der Arbeitsgemeinschaft der baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern niederlegt und die IHK-Region Stuttgart vorübergehend aus der Arbeitsgemeinschaft, die dann Baden-Württembergischer IHK-Tag heißt, ausscheidet. Später kommt allerdings wieder zusammen, „was zusammengehört“.

Der Streit mit den „Kammerjägern“

Sowohl in Stuttgart als auch im DIHT muss sich Stihl mit der Diskussion über die Zwangsmitgliedschaft bei den IHK auseinandersetzen. Er hat das Thema von seinem Vorgänger Otto Wolff von Amerongen geerbt. Sozusagen seit Jahr und Tag beklagen sich vor allem kleinere Firmen darüber, Mitglied einer IHK sein und dafür Geld bezahlen zu müssen. Zwar ist dies seit 1956 im IHK-Gesetz geregelt. Anfang der 90er Jahre will der Bund das Gesetz ändern. Nun organisieren sich bundesweit und ebenso in Baden-Württemberg Kammergegner, die sich auch „Kammerjäger“ nennen. Sie finden vor allem bei einigen Politikern der SPD und der Grünen Unterstützung bei der Forderung, die Zwangsmitgliedschaft und die Pflichtbeiträge zu beseitigen.

Der Präsident und der Hauptgeschäftsführer des DIHT, Dr. Franz Schoser, bekunden immer wieder: „Die wirtschaftliche Selbstverwaltung ist zeitgemäßer als je zuvor“. Sie verweisen auf die vielen Aufgaben, die von den Kammern übernommen werden. Beispielsweise bei der Überwachung und der Abschlussprüfung der betrieblichen Ausbildung. Oder bei der Beurkundung von Außenwirtschaftsdokumenten und der Bestellung von Gutachtern. Da dies nur ein kleiner Teil dessen ist, was die IHK tun, müssten ohne sie neue Behörden geschaffen werden. Die Folge wäre noch mehr Bürokratie. Mit der Übernahme weiterer Aufgaben aber könnten die IHK umgekehrt sogar zum Bürokratieabbau beitragen.

Stihl nimmt die Kammergegner ernst. Er fordert die Kammern auf, die von ihnen angebotenen Leistungen den Mitgliedern und der Öffentlichkeit immer wieder dazustellen. Zudem sollen sie die Pflichtbeiträge an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit orientieren. Die Novellierung des IHK-Gesetzes bringt dann mehr Beitragsgerechtigkeit. Einige Mitglieder zahlen mehr, andere weniger. Die Einnahmen der Kammern erhöhen sich dabei nicht.

Zwar zieht sich die Diskussion noch einige Jahre hin, angeheizt immer wieder auch von Politikern. Doch dann beruhigt sich die Lage. Dazu trägt neben der Beitragsreform die von Stihl von den Kammern geforderte verbesserte Kommunikation mit den Mitgliedern bei.

Rückzug auf Raten

Die Präsidentschaften in der Kammerorganisation enden im Februar 2001. Stihl wird Ehrenpräsident der IHK-Region Stuttgart und ebenso in der Spitzenorganisation, die nun nicht mehr DIHT, sondern DIHK heißt. Der Verzicht auf eine weitere Wiederwahl steht im Zusammenhang mit einer Neuordnung, die im eigenen Unternehmen ansteht. Stihl geht auf die 70 zu und denkt an die Zukunft.

In den 90er Jahren hat sich bereits viel geändert. Zunächst wird 1995 die Firmengruppe unter dem Dach einer Holding zusammengefasst. Seit 1998 gibt es eine zweite persönlich haftende Gesellschafterin, die Stihl AG. Sie ist wie die Holding voll im Besitz der Familie. Den Vorstandsvorsitz hat Hans Peter Stihl. Nun planen die im Unternehmen tätigen Familienmitglieder, Hans Peter Stihl, Eva Mayr-Stihl und Dr. Rüdiger Stihl ihren Rückzug aus der operativen Führung. Am 1. Juli 2002 übernimmt ein familienfremdes Management als Vorstand die Führung der Stihl-Gruppe.

Die vier Kinder des Gründers, neben den drei Genannten ist es Gerhild Schetter geborene Stihl, behalten aber über den Beirat, der zusätzliche Kompetenzen erhält und die strategischen Entscheidungen trifft, die Kontrolle über das Unternehmen. Mehr und mehr werden auch die Enkel des Gründers am Unternehmen beteiligt.

Indirekt sind am Unternehmen bereits seit 1985 auch Mitarbeiter beteiligt. Zu diesem Zeitpunkt wird neben der bereits seit 1972 bestehenden Erfolgsbeteiligung die Möglichkeit angeboten, zu attraktiven Bedingungen Genussrechte zu zeichnen, die gut verzinst werden. Zudem gibt es seit 1997 für die Inlandsbelegschaft eine Beschäftigungs- und Standortsicherung, die derzeit bis Ende 2015 gilt.

Die Bereitschaft bleibt, Ehrenämter zu übernehmen, auch wenn sie mit Arbeit verbunden sind. Beispielsweise wird Stihl 2002 Honorarkonsul der Republik Singapur und 2004 Honorargeneralkonsul für Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Aber alles zu nennen, was der Jubilar in seinen 80 Lebensjahren gemacht hat und wo er aktiv war oder noch ist, würde zu weit führen. Gleiches gilt für die vielen Ehrungen, die er empfangen hat.

Er ist, wie schon erwähnt, Ehrenbürger der Stadt Waiblingen, ferner der Stadt Tengen sowie der Verbandsgemeinde Prüm-Weinsheim und der brasilianischen Stadt Sao Leopoldo. In diesen Orten sind Werke des Unternehmens. Er ist Träger zahlreicher Orden. So der drei Stufen des Bundesverdienstkreuzes, einschließlich des Großen Verdienstkreuzes mit Stern. Außerdem verlieh ihm Baden-Württemberg die Verdienstmedaille und die Große Staufermedaille in Gold, Rheinland-Pfalz den Verdienstorden, Österreich das Große Goldene Ehrenzeichen, Estland den Orden Marienland zweiter Klasse.

Gemeinsam mit seiner Schwester Eva Mayr-Stihl wird er 2009 mit dem Preis Soziale Marktwirtschaft der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet. Die Geschwister würden, so wird betont, ein „herausragendes Beispiel für ebenso innovative wie traditionsbewusste Familienunternehmer geben, die auf nachhaltigen Unternehmenserfolg setzen, das unternehmerische Wohl mit der Verantwortung für die Arbeitnehmer verbinden“.

Hans Peter Stihl ist ein ungewöhnlicher Mann. Dies belegen die Ehrungen, die er empfangen hat, ebenso wie seine Aktivität, die noch heute weit größer ist als die vieler Jüngerer: Unverändert reist er alljährlich zu den Werken und Kunden seines Unternehmens in aller Welt. Dies ist sicher erheblich anstrengender als vergnüglich. Und hin und wieder bewegt er gerne eines seiner beiden schweren und schnellen Motorräder. Wobei er, wie seine Begleiter berichteten, dies noch immer recht flott macht.

Aber zu diesem Hobby, das er neben der Jagd, dem Filmen und dem Sammeln von Märklin-Modellen hat, bleibt ihm bislang wenig Zeit. Vielleicht ändert sich dies zur Jahresmitte. Dann zieht er sich weiter aus dem Unternehmen zurück, dessen Umsatz unter seiner Führung auf etwa 2,5 Milliarden Euro stieg und das jetzt weltweit rund 12 000 Mitarbeiter beschäftigt. Denn dann gibt er den Vorsitz im Aufsichtsrat und in dem für die Firmengruppe noch wichtigeren Beirat an seinen Sohn Dr. Nikolas Stihl ab.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!