Rems-Murr-Rundschau Noie Werte, Landser, Vandalen

Ein CD-Beiheft gibt Hinweise auf die Kontakte einer Rechtsrock-Band mit Rems-Murr-Wurzeln

Waiblingen/Stuttgart. Neue Erkenntnisse über die Rechtsrock-Band Noie Werte, die auch Wurzeln im Rems-Murr-Kreis hat: Laut einem CD-Beiheft der Band bestanden persönliche Beziehungen zu berüchtigten Neonazi-Gruppen.

Die Noien Werte sind jüngst ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten, weil die Zwickauer Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund 2001 die Noie-Werte-Lieder „Am Puls der Zeit“ und „Kraft für Deutschland“ zur Unterlegung des ersten ihrer Bekennervideos verwendete (wir berichteten). In dem unveröffentlichten Filmchen verherrlicht der NSU die Ermordung von Enver Simsek am 9. September 2000 in Nürnberg.

Zu den 1987 gegründeten und 2010 aufgelösten Noien Werten gehörte bis 2008 Oliver H. aus Althütte. Ihren CD-Vertrieb organisierte die Combo eine Zeit lang via Postfach in Winnenden. Michael Wendland, ehemals Landeschef der NPD Baden-Württemberg, spielte ebenfalls mal in der Gruppe.

Hinweise darauf, dass die Noien Werte konkret von gewaltkriminellen Plänen oder Aktionen des NSU oder anderer Neonazi-Zirkel gewusst haben könnten, gibt es momentan nicht, dies sei ausdrücklich betont. Fingerzeige darauf, dass die Band mehr als fragwürdige Kontakte pflegte, hat sie allerdings selber geliefert – im Beiheft ihrer 2000 erschienenen CD „Am Puls der Zeit“. Eine Seite darin ist mit den Worten „Wir grüßen“ überschrieben. In dieser Grußliste tauchen unter anderem Jean und die Vandalen, die Gruppe Landser und Stigger auf.

Die Vandalen, bekannt auch als „Ariogermanische Kampfgemeinschaft“, waren eine der ältesten Neonazigruppen Berlins, gegründet 1982. Eine ihrer Schlüsselfiguren: Jean Rene B. Die Vandalen galten als gut vernetzt mit anderen rechtsextremen Gruppen wie den 2000 verbotenen Blood & Honour, den Hammerskins und auch der NPD und sollen in der ganzen Republik sogenannte Wehrsportlager organisiert haben. Im Jahr 2002 traf sich zur Feier des 20-jährigen Vandalen-Bestehens Neonazi-Prominenz aus ganz Europa und sogar aus den USA – Balkankriegs-Söldner, hohe NPD-Funktionäre, führende Köpfe verschiedener „Freier Kameradschaften“.

Die Band Landser gründete sich 1992 aus dem Vandalen-Dunstkreis heraus und genießt bis heute, obwohl sie sich längst aufgelöst hat, in einschlägigen Kreisen Kultstatus wegen ihrer offen gewaltverherrlichenden Hass-Lieder. Im Februar 1999 versuchte im brandenburgischen Guben ein algerischer Asylsuchender, gehetzt von einer Neonazi-Meute, durch eine geschlossene Glastür zu fliehen und verblutete an seinen Verletzungen. Im Auto der Jäger lief das Afrika-Lied von Landser: „Afrika für Affen, Europa für Weiße, steckt die Affen in ein Klo und spült sie weg wie Scheiße.“

Stigger: bürgerlicher Name Steve Calladine, Vertrauter des 1993 bei einem Autounfall gestorbenen britischen Rechtsrock-Vordenkers und „Blood & Honour“-Gründers Ian Stuart. 1994 spielte er gemeinsam mit den Noien Werten unter dem Projekt-Namen G.B.F. (German British Friendship) eine Platte ein. Stigger werden auch enge Kontakte zu Combat 18 nachgesagt, dem bewaffneten Arm von Blood & Honour (der Zahlencode 18 steht für den ersten und achten Buchstaben des Alphabets: A. H. wie Adolf Hitler). Combat 18 wird in England verantwortlich gemacht für mehrere Mord-Anschläge. Und dieser Tage hat der Nachrichten-Sender n-tv über Verbindungen der Zwickauer Zelle zu Blood & Honour berichtet: Brisant sei, dass „die Rechtsterroristen bei ihren Anschlägen genau nach einer Blaupause gearbeitet haben sollen, wie sie im Umfeld von Combat 18 Mitte bis Ende der 90er Jahre als Propagandamaterial verbreitet worden sei. Darin werde empfohlen, Anschläge auf Migranten zu verüben, dabei nur in kleinen Zellen von maximal zwei bis vier Mitgliedern aktiv zu werden und niemals Bekennerschreiben zu hinterlassen.“

Distanzierungen

Neues gibt es auch über die Anwaltskanzlei H 3: Der Rastatter Anwalt Klaus Harsch (CDU) hat sich offenbar von zwei seiner Kompagnons getrennt. Grund: Die in den Medien aufgearbeiteten rechtsextremen Verbindungen der Kollegen seien ihm „so nicht bekannt“ gewesen. Die Rede ist von Steffen Hammer, ehemals Sänger der Noien Werte, und Alexander H. – er engagierte sich Anfang der 90er Jahre bei den „Kreuzrittern für Deutschland“ (die 1993 in Waiblingen ein Konzert mit Ian Stuart veranstalteten) und machte selber Musik bei Ultima Ratio, deren Platten wiederum bei der Firma G.B.F.-Records herauskamen, betrieben von Hammer und Oliver H.

Während Hammer und Alexander H. sich bislang nicht zu alldem geäußert haben, hat Oliver H. aus Althütte dieser Tage eine bemerkenswerte Pressemitteilung verschickt (wir berichteten): Für ihn sei „absolut klar, dass Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt gegenüber Mitmenschen keinen Platz in meinem Leben finden und ich mich von jenen deutlich distanziere, die dies nicht können“. Er wolle „mit solchen Leuten“ nichts „zu tun haben“. Ferner betont Oliver H., der freigestellter Betriebsrat bei Daimler in Untertürkheim ist: Er habe „durch die große Unterstützung meiner ausländischen Kollegen bei Daimler gelernt, wie wichtig es in meinem Leben war, erkennen zu dürfen, dass wir nur gemeinsam eine Zukunft haben“.

Das sind verblüffend deutliche Worte der Abwendung von jener Haltung, die früher die Noien Werte vertraten: 1998 warf die Band ihren damaligen Schlagzeuger raus und begründete das in einem Interview mit der Neonazi-Publikation „Hamburger Sturm“ so: Der Drummer habe eine „Beziehung zu einer Frau, welche nicht aus unserem Kulturkreis stammt“, unterhalten.

 

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