Waiblingen/Berlin.

Die Kontakte zwischen der Neonazi-Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) und Baden-Württemberg waren möglicherweise intensiver als bisher angenommen. Es gebe entsprechende Hinweise, dass es neben Heilbronn auch Verbindungen nach Schwäbisch Hall und Ludwigsburg gegeben habe, sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete Hartfrid Wolff, der auch Mitglied des entsprechenden Untersuchungsausschusses ist, am Freitag laut dpa-Bericht. In Heilbronn war die Polizistin Michele Kiesewetter erschossen worden. Wolff wollte aber keine genaueren Angaben zu den NSU-Kontakten machen. Er bestätigte laut dpa Medienberichte, wonach im Rems-Murr-Kreis aus dem Umfeld beziehungsweise dem Unterstützerkreis der NSU Personen wohnen oder zumindest dort gewohnt haben sollen.

Auch gegenüber dieser Zeitung zeigte sich Hartfrid Wolff am Freitag zugeknöpft: „Wir müssen die Indizien erst prüfen und vor allem die ungeheuer zahlreichen Akten durchforsten, um konkreter werden zu können. Im Moment ist alles weiterhin nur sehr vage.“

Insider gehen davon aus, dass der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) zum Beispiel über das im September 2000 verbotene „Blood&Honour“-Netzwerk Verbindungen in den Südwesten pflegte. Auch im Rems-Murr-Kreis sind „Blood&Honour“-Aktivisten aktiv (gewesen). Nach Informationen dieser Zeitung existieren zudem Briefe des NSU-Terroristen Uwe Mundlos, in denen dieser Besuche in Baden-Württemberg erwähnt. Zum Beispiel beschreibt er, wie er ein geheimes Waffenlager in Ludwigsburg besichtigt haben will.

Ein bindendes Glied der rechtsradikalen Szene: die Musik und die Konzerte, zu denen Rechtsradikale von bundesweit her anreisen. Am 10. Juli 1993 spielten der Urvater der Rechtsrockszene Ian Stuart, kurz vor seinem Tod, und seine Gruppe Skrewdriver vor etwa 400 Zuhörern bei einem „musikalischen Grillfest“, veranstaltet von den „Kreuzrittern für Deutschland“. Wo? Auf dem Grillplatz Lämmle nahe der Wasserstubensiedlung in Waiblingen. Stuart hatte in den 80er Jahren Blood&Honour gegründet, ein Netzwerk zum Vertrieb von Tonträgern, zur organisatorischen Verknüpfung von Neonazi-Bands, zur Propagierung der extrem rechten Ideologie.

Warum kommt die Schlüsselfigur des Rechtsrocks ins Remstal? Die Antwort ist wohl im Umfeld der deutschen Stuart-Jünger von der Gruppe Noie Werte (offiziell 2010 aufgelöst) zu suchen. Nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums „Kraft für Deutschland“ 1990 haben sie mehrere Konzerte mit Skrewdriver gespielt, ein reger Kontakt zu Blood&Honour ist entstanden. Die Musiker der Noien Werte kommen aus dem Großraum Stuttgart; zu den Mitgliedern gehörte seit 1989 auch Oliver H., der heute in Althütte lebt, sich jedoch inzwischen öffentlich distanziert hat.

Die Bezüge blieben stabil über Stuarts Tod hinaus. 1994 hatten Oliver H. und der Noie-Werte-Sänger Steffen Hammer aus Reutlingen ein Platten-Label namens „G.B.F.-Records“ gegründet, zeitweise mit Vertriebs-Postfach in Winnenden. G.B.F. steht für German British Friendship. G.B.F. organisierte deutsche Konzerte britischer Bands aus dem Blood&Honour-Dunstkreis wie Skullhead oder Stigger, besorgte den Deutschland-Vertrieb ihrer Tonträger und vermittelte deutsche Combos auf die Insel.

Wofür die Band Noie Werte nicht zwangsläufig etwas kann, was aber zumindest ideologisch bezeichnend ist: Auf einem Vorläufer-Bekennervideo des Nationalsozialistischen Untergrunds aus dem Jahr 2001 sind bereits vier Morde an türkischstämmigen Männern aufgeführt sowie der Bombenanschlag in Köln. Zur Untermalung dienten die Lieder „Kraft für Deutschland“ und „Am Puls der Zeit“ der Noien Werte.

Übrigens: Steffen Hammer ist einer der Verteidiger der mutmaßlich rechtsradikalen Angeklagten im gerade laufenden zweiten Prozess um den Winterbacher Gartenhütten-Brandanschlag.