Rems-Murr-Rundschau Produktion vor Ort nie infrage gestellt

Der Textilunternehmer Paul H. Kübler ist im Alter von 91 Jahren gestorben

Waiblingen/Plüderhausen (wtg). Paul H. Kübler ist tot. Der Textilunternehmer aus Plüderhausen ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Vor vier Jahren hatte sich der Seniorchef der Kübler Bekleidungswerke aus der Geschäftsführung zurückgezogen. Trotz Krisen und gegen den Branchentrend hat er immer an einer Produktion in Deutschland festgehalten.

Im Jahr 2003 musste Paul H. Kübler 50 Näherinnen entlassen. Zum ersten Mal in der Firmengeschichte. Zwei Jahre habe er die Entscheidung vor sich hergeschoben, sagte der damals 83-jährige Seniorchef und räumte ein, dass ihn die Entlassungen gesundheitlich belasteten. Aber in der damaligen Konjunkturkrise war die Nachfrage nach Berufskleidung stark zurückgegangen und die Hoffnung auf eine Erholung geschwunden. Auf eine Produktion vor Ort wollte Kübler nie verzichten, obwohl die Bekleidungswerke bereits seit den 1970er Jahren im Ausland fertigen ließen. Die „Trumpfkarte Schnelligkeit“ steche. Wenn die Lager erschöpft seien, könnte aus den deutschen Werken noch schnell und flexibel nachgeliefert werden.

„Wir müssen das Know-how hier haben“, lautete das Credo von Paul Kübler. Ohne heimische sei eine Auslandsfertigung illusorisch. Textilfabrikation am Standort Deutschland? Nur noch einige wenige Exoten in der Branche leisteten sich in der Vergangenheit diesen Luxus. Aber seit 2010 geht der Trend zurück nach Deutschland. Auf die stark gestiegenen Konfektionskosten im asiatischen Raum und auf die Lieferengpässe - allein in China seien 60 000 Textilfirmen geschlossen worden - hat Kübler eigenen Angaben zufolge sofort reagiert und verlagerte einen Teil der Produktionskapazitäten nach Europa zurück. „Die Früchte dieser intensiven Bemühungen“, so Geschäftsführer Roland Simon, wolle das Unternehmen im Geschäftsjahr 2011 ernten. Simon geht davon aus, dass dieses Jahr für die Textilbranche und vor allem für die Hersteller von Berufsbekleidung ein besonderes sein wird. Entscheidend sei 2011 die Verfügbarkeit von Ware, der Preis spiele eine untergeordnete Rolle.

Bereits im letzten Jahr seien die Baumwollpreise aufgrund von weltweiten Ernteausfällen, der höheren Binnennachfrage im asiatischen Raum und Spekulationen sprunghaft angestiegen, heißt es in einer Kübler-Presseinformation: allein seit August 2010 um über 75 Prozent. Die synthetischen Gewebe haben im Windschatten nachgezogen. Wie sich die Kosten für Rohstoffe und die Konfektion in Asien weiterentwickeln werden, sei derzeit nicht kalkulierbar, erklärt Branchenkenner Bernd Meyer, der als Geschäftsführer von Kübler unter anderem für das Supply Chain Management verantwortlich ist. Er geht allerdings davon aus, „dass die Zeit von Billigprodukten vorbei ist“. Für einen Hersteller wie Kübler, der sich stets zu Qualitätsbekleidung bekannt und die untersten Preissegmente nie bedient hat, könne das nur von Vorteil sein.

Die Kübler-Gruppe peilt 2011 ein Wachstum von zehn Prozent an. 2010 hatte die Paul H. Kübler Bekleidungswerk GmbH & Co. KG ihren Umsatz um sechs Prozent auf 30,3 Millionen Euro gesteigert (Gruppe: 38,4 Mio. Euro). „Die Erholung der Gesamtwirtschaft 2010 habe sich erst mit etwas Verzögerung auf die Nachfrage nach Berufsbekleidung ausgewirkt“, so Geschäftsführer Simon. Die Kübler-Gruppe, zu der außer Kübler auch der Berufskleidungsspezialist Kempel gehört, zählt mit insgesamt 440 Beschäftigten eigenen Angaben zufolge zu den drei größten Herstellern von Arbeits- und Schutzbekleidung in Deutschland. In Plüderhausen werden 240 Personen beschäftigt, davon rund 120 in der Fertigung. Eigene Produktionsstätten hat das Unternehmen in Plüderhausen und Ungarn.

„Lieber ein kleiner Herr als ein großer Knecht“

1956 hatte Paul H. Kübler als gelernter Textilkaufmann mit seiner Frau Liesel und fünf Näherinnen in Schorndorf begonnen, Arbeitsanzüge, blaue Latzhosen und Berufsmäntel herzustellen. „Lieber ein kleiner Herr als ein großer Knecht“, meinte Kübler anlässlich seines 80. Geburtstages, was ihn damals bewogen habe, sich selbstständig zu machen. Seine erste Erfindung, den Clipo-Verschluss an Latzhosen, ließ er sich schützen. Die Latzhose wurde schließlich das erfolgreichste Produkt in der frühen Geschichte von Kübler. Bereits in den 70er Jahren brachte er das Unternehmen durch eine Produktionspartnerschaft in Ungarn auf internationalen Kurs. 1985 kam es zur ersten Kooperation in China. Seit 1992 fertigt Kübler in Ungarn im eigenen Werk. Unter seiner Ägide ist die Paul H. Kübler Bekleidungswerk GmbH & Co. KG zu einem der marktführenden Hersteller von Berufsbekleidung in Deutschland und Ungarn aufgestiegen.

Während andere Berufsbekleidungshersteller ihre deutschen Produktionsstandorte im Laufe der 80er und 90er Jahre komplett aufgaben, hielt Kübler an der Fertigung in Plüderhausen fest. Die Fachkräfte im eigenen Haus waren für ihn die Garanten, um kurzfristig Programmergänzungen und anspruchsvolle Sonderanfertigungen zu realisieren.

Vor vier Jahren schied Paul Kübler aus der Geschäftsleitung aus. Seither wird die Kübler-Gruppe von Sohn Thomas Kübler, Roland Simon und Bernd Meyer geführt.

In der Nacht zum Donnerstag ist Paul Kübler mit fast 92 Jahren in seinem Wohnort Schorndorf gestorben.

 

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