Rems-Murr-Sport „Das ist eine neue Perspektive für mich“

 Foto: ZVW

Handball: Jan Vetrovec (30) übernimmt beim VfL Waiblingen den Job des Spielertrainers

Unverhofft kommt oft: Jan Vetrovec (30) hat vom beruflich eingespannten Harald Beilschmied den Trainerjob beim Handball-BW-Oberligisten VfL Waiblingen übernommen. Überdies soll der Tscheche auch weiterhin auf dem Feld seinen Teil zum Ligaverbleib beitragen. „Für mich ist das eine neue Perspektive“, sagt Vetrovec. „Super, dass ich das Vertrauen bekommen habe.“

Ende des Monats wird Jan Vetrovec seine letzte Prüfung zur B-Lizenz ablegen. Dass er aber so schnell zu einem Trainerjob kommen würde, war nicht vorherzusehen. Über die Jahreswende hatte Harald Beilschmied beim VfL seinen Rücktritt aus beruflichen Gründen verkündet (wir haben berichtet), die Spieler das BW-Oberligisten sprachen sich für ihren Mitspieler als Nachfolger aus. „Das freut mich natürlich“, sagt Vetrovec. „Es war aber auch meine Bedingung, dass das Team einverstanden ist.“

Vetrovec möchte Beilschmieds Konzept grundsätzlich weiterführen. „Es ist klar, dass ich ein paar Kleinigkeiten ändern werde. Außerdem hoffe ich, dass ich der Mannschaft auch bald wieder als Spieler weiterhelfen kann.“ Zurzeit kämpft der 30-Jährige noch mit den Nachwirkungen eines Muskelfaserrisses. Es ist nicht die erste Verletzung, die den studierten Sportlehrer zurückgeworfen hat in seiner Karriere.

Jan Vetrovec ist den Weg gegangen wie die meisten seiner ehemaligen Mannschaftskollegen in der tschechischen Nationalmannschaft: Er suchte sein Glück in Deutschland – mit einem kleinen Unterschied jedoch. Er schloss zuerst sein Sportlehrer-Studium in Pilsen ab. Über einen Spielerberater kam im Sommer 2006 der Kontakt zum damaligen Zweitligisten SG Leutershausen zustande. Mit 25 Jahren unterschrieb Vetrovec einen Profivertrag. „Den hatten dort alle“, sagt er und schmunzelt. „Und das war wohl auch das Problem.“ Nach sechs Wochen war Schluss, Leutershausen war insolvent.

Heute kann Vetrovec darüber lächeln, damals war’s alles andere als lustig für den Neuankömmling. „Es war eine Katastrophe. Da stand ich nun, konnte die Sprache nicht und hatte keinen Verein.“ Bald zeigte der Zweitliga-Aufsteiger TV Bittenfeld Interesse, Vetrovec war glücklich. Dass er keinen Profivertrag bekam, störte ihn nicht. „Ich wollte unbedingt in Deutschland spielen und erst einmal die Sprache lernen.“

Ganz so leicht ist ihm der Einstieg allerdings nicht gefallen. „Der ganze Stress mit Leutershausen, die anfänglichen Sprachprobleme, es hat ein paar Monate gedauert.“ In der Rückrunde kam er langsam in Fahrt. Wenn er vom Spiel des TVB gegen Tusem Essen vor 6000 Zuschauern in der Porsche-Arena spricht, leuchten seine Augen. Nach einem 4:13-Rückstand kämpften die Bittenfelder den Ex-Erstligisten mit 28:27 nieder. Vetrovec bekam sehr gute Kritiken. „Das war mein größtes Erlebnis überhaupt“, sagt Vetrovec.

Der Rest der Saison war eher durchwachsen. Der TVB kämpfte gegen den Abstieg, schaffte den Ligaverbleib erst am letzten Spieltag.

Mit neuem Schwung wollte Vetrovec seine zweite Saison bei den Bittenfeldern angehen. Da passierte das Malheur: In der Vorbereitung verletzte er sich schwer, ausgerechnet an der linken Schulter. Nach fünfmonatiger Pause folgte im ersten Training der Schock: Vetrovec kugelte sich erneut die Schulter aus und kam um eine Operation nicht herum.

Mühsam kämpfte er sich wieder heran, durfte lange Zeit nicht einmal Lauftraining absolvieren. Vetrovec‘ Fitnesszustand war dies natürlich nicht eben zuträglich. Und wer fast ein Jahr lang nicht Handball gespielt hat, der hat es auch bei Vertragsverhandlungen nicht leicht. Der TVB verlängerte nicht, die Wege trennten sich.

Über Philipp Schöbinger, Bruder des Bittenfelders Florian Schöbinger, kam der Kontakt zu den Stuttgarter Kickers zustande. Der Baden-Württemberg-Oberligist war auf der Suche nach einem Linkshänder, Vetrovec unterschrieb für zwei Jahre. „Ich dachte, die vierte Liga ist nach einer so langen Pause der perfekte Einstieg.“ So richtig in die Gänge kam der Tscheche aber nicht, die lange Pause machte ihm zu schaffen. „Und ich hatte die Verletzung noch im Kopf.“ Im Laufe der Saison legte er die Hemmungen immer mehr ab.

Im zweiten Jahr bei den Kickers wurde es noch enger für Vetrovec. Die Stuttgarter, die mit aller Macht in die Regionalliga aufsteigen wollten, holten mit Matthias Briem und Markus Rossmeier zwei starke Linkshänder für die rechte Seite. Das steigerte die Chancen des Tschechen nicht gerade.

Als die Kickers erneut den angestrebten Aufstieg verpasst hatten, legten sie personell noch mal nach: Vom TV Bittenfeld holten sie zur aktuellen Saison mit Sebastian Seitner einen der besten Linkshänder der 2. Liga Süd. Da war klar, dass für Vetrovec kein Platz mehr war.

Also musste er sich erneut auf die Suche nach einem neuen Verein machen. Natürlich hätte er auch in seine Heimat nach Pilsen zurückgehen können, das wollte er aber nicht.    Seine Frau hat in der Region eine Arbeitsstelle. Die beiden wohnen in Hohenacker und möchten gerne hierbleiben. Vetrovec sucht nach wie vor nach einem Arbeitsplatz. So einfach sei das aber nicht. „Meine tschechische Ausbildung wird hier nicht anerkannt.“

Nach dem Ende bei den Kickers sah sich Vetrovec in der Region um, prüfte verschiedene Angebote und entschied sich schließlich für den Baden-Württemberg-Oberligisten VfL Waiblingen. „Sportlich hatte der VfL für mich die beste Perspektive.“ Er machte die gesamte Vorbereitung mit. Trainer Harald Beilschmied freute sich auf den Neuen – und der enttäuschte nicht. Der VfL erwischte – mit einem gesunden Vetrovec – einen glänzenden Saisonstart. Mittlerweile sind die Waiblinger nach einer Niederlagenserie bedrohlich nahe an die Abstiegsränge gerutscht. Mit ein Grund war der Ausfall von Vetrovec: Ein Muskelfaserriss zwingt ihn seit mehreren Wochen zu einer Pause. Derweil konzentrierte sich Vetrovec auf seine zweite Aufgabe, die er beim VfL im November übernommen hat: Er trainiert die B- und A-Jugend (Steinemann-Bild). „Es macht großen Spaß mit den Jungs“, sagt er. „Respekt musste ich mir nicht erarbeiten. Den haben sie, weil sie wissen, dass ich Handball spielen kann.“

Nun kann Vertrovec zeigen, dass er beides sein kann: ein guter Trainer und ein guter Spieler. Er freut sich riesig auf die neuen Aufgaben. Und die dürften ihn über die eine oder andere Enttäuschung in seiner Karriere hinwegtrösten. „Natürlich habe ich früher darüber nachgedacht, wo ich heute spielen würde, hätte ich nicht so viel Pech gehabt“, sagt der fünffache Nationalspieler. „Das ist aber vorbei“, sagt Vetrovec. „Das bringt jetzt nichts mehr.“

Vorbei sind auch die Zeiten, in denen er bei zu viel Frust für zwei oder drei Tage seine Tasche packte und sich ins dreieinhalb Stunden entfernte Pilsen aufmachte. Derzeit ist daran sowieso nicht zu denken. „Wir müssen viel arbeiten und dringend Punkte holen.“

Mit dem Trainer und Spieler Jan Vetrovec.

 

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