TVB Stuttgart Christian Zeitz - auch mit 39 Jahren noch Gold wert

Gegen seine ehemaligen Weggefährten aus Kiel gab’s für Christian Zeitz mit dem TVB nichts zu holen. Foto: Sascha Klahn

Rems-Murr-Sport.
Er hätte es eigentlich ahnen müssen. Wo Christian Zeitz ist, ist etwas geboten. Das war schon immer so. Schließlich ist der Linkshänder kein Handballer von der Stange. Keiner, der sich in irgendwelche Schubladen stecken lässt. Als Instinkthandballer, Straßenhandballer und Unterschiedspieler ist er tituliert worden. Aber auch als ein Spieler, der sich zwischen Genie und Wahnsinn bewegt. „Bei Zeitzi ist es meistens so, dass er entweder uns umbringt oder den Gegner“, sagte Zeitz’ ehemaliger Trainer Alfred Gislason einst.

Am Donnerstag, im ersten Heimspiel für seinen neuen Club TVB Stuttgart, düpierte Zeitz beim 30:24-Sieg den Gegner aus Erlangen gleich reihenweise. Er zeigte, weshalb er auch mit 39 Jahren noch Gold wert sein kann für den TVB im Abstiegskampf: Fünf Tore erzielte Zeitz selbst, zwei bereitete er mustergültig vor und zog dazu noch einen Siebenmeter. Als die TVB-Spieler nach dem Match vor dem Fan-Block feierten, stapfte Zeitz brav hinterher und hob fast schüchtern die Arme zur La Ola. Er ist eben keiner, der gerne große Wellen macht.

Wobei: Ein bisschen aus dem Gleichgewicht kommt der gebürtige Heidelberger hin und wieder doch. Das Medienecho war gewaltig, nachdem die Stuttgarter vor zehn Tagen die Verpflichtung des Linkshänders bekanntgegeben hatten. „Das war schon der Wahnsinn“, sagt Zeitz. „Mein Handy habe ich erst mal zur Seite legen müssen.“

Die älteren Semester kennen ihn sehr wohl

Es schien fast so, als hätten alle auf dieses Comeback gewartet. Auf einen Spieler, mit dessen Namen fast jeder etwas anfangen kann, der sich auch nur halbwegs für Sport interessiert. „Na ja“, sagt Zeitz und grinst. „Wenn ich einem Sechsjährigen erzähle, dass ich mal Weltmeister war, macht er große Augen. Der kennt mich nicht.“ Die älteren Semester kennen ihn sehr wohl.

Kein Spieler hat in seiner fast 20-jährigen Karriere so polarisiert wie Christian Zeitz. Seine Fans frohlocken, wenn die ansatzlosen, katapultartigen Hochgeschwindigkeitswürfe aus dem Handgelenk das Tornetz ausbeulen. Oder wenn „Zeitzi“ einen genialen Pass an den Kreis spielt.

Die Kritiker dagegen sind genervt, weil Zeitz auch gerne aufs Tor wirft, wenn die Erfolgsaussichten – vorsichtig ausgedrückt – nicht besonders gut sind. Dass sich weder Erfolg noch Misserfolg in Zeitz’ Mimik ablesen lassen, legen ihm viele als Arroganz aus – und tun ihm unrecht damit. Er ist nun einmal keiner, der jedes Tor ausgiebig feiert. Er ist eher ein stiller Genießer.

Als ehemaliger Erstligaspieler in der dritten Liga zu spielen sei nicht ganz einfach gewesen

Auch außerhalb des Spielfelds hält er sich lieber im Hintergrund. Zu Beginn seiner Karriere hat sich Zeitz oft noch weggeduckt, wenn Interview-Wünsche an ihn herangetragen wurden. Mittlerweile hat er sich daran gewöhnt. Er weiß, dass die Medien zum Geschäft gehören. Was nicht bedeutet, dass ihm alles gefällt, was über ihn berichtet wird. „Aber ich kann’s ja nicht verhindern“, sagt er.

So nimmt er zur Kenntnis, dass beispielsweise in den sozialen Medien eine Sammlung von Videoschnipseln herumgeistert, in der eine Handvoll Foulspiele aus Zeitz’ eineinhalb Jahren beim Drittligisten SG Nußloch zu sehen sind. „Natürlich ist es schade, dass es so etwas gibt“, sagt er. „Wenn ich alle Szenen zusammenschneiden würde, in denen ich gefoult worden bin, hätte ich viel zu tun. Aber was soll’s.“

Als ehemaliger Erstligaspieler in der dritten Liga zu spielen sei nicht ganz einfach gewesen. Er habe von Anfang an unter besonderer Beobachtung gestanden, bei den Schiedsrichtern und den Zuschauern. Seit Dezember hat Zeitz seine Ruhe. Der Verein hatte Probleme, die Gehälter zu bezahlen. Im Januar folgte der Insolvenzantrag, mittlerweile hat der Verein das Team aus dem Spielbetrieb zurückgezogen.

„Ich musste mittrainieren, durfte aber nicht mehr spielen"

Damit war für Zeitz zum zweiten Mal in Folge eine Saison vorzeitig und mehr oder weniger unrühmlich zu Ende gegangen. Die Geschehnisse im Februar 2018 hatten ihn noch mehr frustriert: Nach 13 überaus erfolgreichen Jahren mit neun deutschen Meisterschaften und drei Champions-League-Titeln mit dem THW Kiel trennten sich die Wege nach Vertragsstreitigkeiten. Zeitz wurde für die Rückrunde suspendiert, sein Trikot aus der Ahnengalerie entfernt. Schließlich kam’s zu einem Vergleich. „Das war keine so schöne Zeit und mental sehr schwierig für mich“, sagt er. „Ich musste mittrainieren, durfte aber nicht mehr spielen. Ich wurde nicht so toll behandelt.“

Nach dem Ende in Kiel habe er Abstand gewinnen wollen vom Profi-Handball, da habe das Angebot der SG Nußloch in dem Moment perfekt gepasst. Nur zehn Kilometer entfernt ist die Halle von seinem Heimatort Schwetzingen, die Eltern wohnen in der Nähe von Heidelberg. Zum Saisonende wäre der Zweijahres-Vertrag ausgelaufen. „Ich weiß nicht, ob ich verlängert hätte“, sagt er. „Aber das hat sich ja jetzt erledigt.“ Von der Handball-Bühne abtreten wollte er auf diese Weise – mit einer Suspendierung und einer Insolvenz – auf keinen Fall. So hat er sich anderweitig umgeschaut, auch im Ausland. „Irgendwo, wo’s schön warm ist“, sagt er und grinst. „Das ist gut für die alten Knochen.“

Ganz so morsch sind sie offensichtlich nicht, sonst hätte der TVB-Trainer und -Geschäftsführer Jürgen Schweikardt am Dienstag vor einer Woche nicht Zeitz’ Nummer gewählt. „Ich war total überrascht und glücklich, dass er an mich gedacht hat“, sagt Zeitz. Vormittags telefonierten die beiden, am Nachmittag stand Zeitz in der Halle. Sehr zur Verwunderung übrigens einiger Spieler. „Der Trainer hatte ihnen wohl nichts erzählt, manche haben schon ein bisschen komisch geguckt, als ich da plötzlich aufgetaucht bin“, so Zeitz. „Aber es tut schon gut, wenn man noch erkannt wird.“

"Wenn du die Chance noch einmal bekommst, musst du sie auch wahrnehmen“

Und immer noch wertgeschätzt nach eineinhalb Jahren im Handball-Niemandsland. Er habe sofort große Lust verspürt, beim TVB einzusteigen. „Ich musste allerdings klären, ob das für die Familie passt.“ Zeitz’ Frau ist berufstätig, der zehnjährige Sohn muss versorgt werden. „Meine Frau sagte, wenn du die Chance noch einmal bekommst, musst du sie auch wahrnehmen.“

In Kauf nimmt Zeitz die bisweilen stressigen Fahrten zwischen Schwetzingen und Stuttgart. Je nach Verkehrslage sitzt er zwischen 75 Minuten und zwei Stunden im Auto. Liegen die Trainingseinheiten nah beieinander, bleibt Zeitz im Hotel. Wie am Donnerstag nach dem Erlangen-Spiel, weil am Freitag die Vorbereitung auf das Derby am Sonntag gegen Göppingen begann.

Zehn Spiele sind’s noch für Zeitz im TVB-Trikot, am Saisonende werden sich die Wege wieder trennen. Eine Weiterverpflichtung ist kein Thema, weil der rechte Rückraum des TVB mit den beiden Neuzugängen Viggo Kristjansson (HSG Wetzlar) und Jerome Müller (Eulen Ludwigshafen) schon belegt ist. Außerdem soll der Kader weiter verjüngt werden.

Ein Jahr oder zwei Jahre will er noch auf dem Spielfeld stehen

Christian Zeitz muss sich also eine andere Herausforderung suchen. Ein Jahr oder zwei Jahre will er noch auf dem Spielfeld stehen. „Solange der Körper noch mitmacht.“ Anschließend will er ins Trainergeschäft einsteigen. Außerdem gilt’s, sich einen Traum zu erfüllen: Als Zeitz vor 13 Jahren im Zebra-Magazin des THW Kiel gefragt wurde, wo er sich in 20 Jahren sehe, antwortete er: „Mit meiner Familie auf einer Finca auf Ibiza. Dort besitze ich ein Strandlokal und genieße die Sonne.“

Der Traum lebt noch immer. Einen großen Haken indes gibt es. „Ich weiß nicht, was da momentan los ist“, sagt Zeitz und lacht. „Die Immobilienpreise sind explodiert.“

  • Bewertung
    1
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!