Rems-Murr-Sport Doping-Tester als Clown bezeichnet?

Beim Bundesligakampf in Schorndorf kochten die Emotionen hoch. Genervt von Pfiffen und Buhrufen aus dem Publikum, verweigerte Martin Obst zunächst ASV-Trainer Sedat Sevsay den Handschlag. Mattenleiter Bastian Wohlfahrt (links) zwang den Ringer dann doch noch zur sportlichen Geste.   Foto: Ralph Steinemann

Das Verhältnis zwischen dem ASV Schorndorf und dem RSV Rotation Greiz ist seit der Bundesligasaison 2019 zerrüttet. Nach der verlorenen Hinrundenbegegnung in Thüringen legte der ASV im Protokoll Einspruch gegen den Kampf von Martin Obst ein. Der Vorwurf: verweigerter Dopingtest. Zu diesem Zeitpunkt ermittelte die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) schon monatelang gegen den Greizer Freistil-Vizeeuropameister.

Für Obst geht es um Ruf und Karriere

Endlich, über ein Jahr nach dem Vorfall, hat ein Schiedsgericht das – allerdings noch nicht rechtskräftige – Urteil gefällt: zwei Jahre Sperre. Nicht wegen Dopings, der Ringer ist noch nie positiv getestet worden, sondern wegen einer verweigerten Probe. Für Obst, Jahrgang 1986, geht es um Ruf und Karriere. Er und sein Anwalt fechten das Urteil beim Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne an. Wegen des laufenden Verfahrens wollen weder der Ringer noch sein Greizer Verein eine Stellungnahme abgeben. Der Club steht aber offenbar voll hinter dem Athleten: Der Vertrag mit Obst ist jüngst verlängert worden.

Das erstinstanzliche Urteil und dessen Begründung zum Fall „Martin O.“ sind auf der NADA-Homepage abrufbar. Der knochentrockene Bürokratenduktus mit Wortwiederholungen noch und nöcher ergibt in Verbindung mit den angeblich vom Ringer ausgestoßenen Gift- und Galle-Sätzen ein groteskes Amalgam. Gemahnend an die sich wütend im Kreis drehenden Tiraden in den Romanen Thomas Bernhards.

Das Geschehen aus Sicht der NADA

Laut „Schiedsklägerin“, der NADA, sei am fraglichen Tag im Januar 2019 Folgendes geschehen: Zwischen 6.15 und 7.08 Uhr läutet ein Kontrolleur wiederholt beim „Schiedsbeklagten“, Martin Obst, auch Anrufe bleiben erfolglos. Als der Sportler die Tür dann öffnet und ihn der Kontrolleur „über die zu erfolgende Dopingkontrolle informiert“, äußert er sich angeblich wie folgt: „Wer sind Sie denn, da kann ja jeder kommen. So einen Ausweis kann sich jeder besorgen.“

Mit seinem Hund geht er schnell die Treppe hinab und verlässt das Haus, der Kontrolleur folgt ihm „in einem größer werdenden Abstand“. Auch dessen Hinweis, eine Weigerung könne einen Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen darstellen, bringt nichts. Um 7.15 Uhr wird der Versuch abgebrochen.

Am Nachmittag findet ein erneuter Anlauf statt. Ein zweiter Kontrolleur ruft den Ringer um 16.32 Uhr an. Die Entgegnung laut Protokoll: „So, du unbekannte Nummer, dann schieß mal los.“ Der Kontrolleur stellt sich vor. Die Replik: „Wollt ihr mich verarschen, heute früh hat mich schon so eine Pappnase von euch genervt, hört auf, mich zu nerven.“ Der Dopingkontrolleur – nun ein paar Sätze im Wortlaut – „nahm das als Weigerung der avisierten Dopingkontrolle wahr und teilte dies dem Schiedsbeklagten mit. Die Schiedsklägerin trägt vor, der Schiedsbeklagte habe hierauf wie folgt reagiert: ,Lasst mich in Ruhe, du kannst herkommen und dir ein paar Backpfeifen abholen.‘“ Auf Nachfrage des Kontrolleurs, ob Obst hiermit die Kontrolle verweigere, habe der Ringer gesagt: „Du kannst [...] dir die Pisse abholen.“

In der Folge kommt es doch noch zur Dopingprobe. Empfangen wird der Kontrolleur laut Protokoll mit den Worten: „Was soll denn das, heute früh war schon so ein Clown von euch bei mir. Habt ihr Langeweile?“ So weit die Version der NADA.

Und nun jene von Martin Obst. Er weist den Vorwurf, Beschimpfungen und Bedrohungen ausgestoßen zu haben, zurück. Er habe aber unter erheblichem Zeitdruck gestanden und das dem Kontrolleur „in nicht mehr freundlicher Tonlage“ gesagt. Dann sei er zu einem „zwingend wahrzunehmenden“ Geschäftstermin mit seinem Vater und einem Arbeitskollegen gegangen. Den Anruf des zweiten Kontrolleurs am Nachmittag bestätigt Obst. Er habe ihm, ohne aggressiv zu werden, mitgeteilt, er empfinde eine Dopingkontrolle während seiner Arbeitszeit als störend und nervend. Doch schließlich wurde der Test gemacht.

Gericht: Der Ringer ist einem Irrtum aufgesessen

Zu spät, sagt das Schiedsgericht und wertet Obsts Verhalten beim ersten Kontrollversuch als verweigerte Probe. Und zwar nur das Verhalten. Da die Dopingkontrolleure ihr Protokoll erst knapp drei Monate nach dem Vorfall anfertigten, sind die darin vermerkten Aussagen von Martin Obst nach Ansicht des Gerichts sehr mit Vorsicht zu genießen. Deshalb werden sie dem Ringer im Urteil auch nicht zur Last gelegt. Und einen bewusst begangenen Dopingverstoß, der zu einer noch längeren Sperre geführt hätte, sieht das Gericht ebenfalls nicht. Vielmehr sei Obst dem Irrtum aufgesessen, wegen seiner „dienstrechtlichen Verpflichtungen“ berechtigt zu sein, diesen ersten Dopingtest zu unterlassen.

Zugunsten des Ringers wird angeführt, dass die Probe „wenige Stunden später“ doch noch zustande kam, er noch nie positiv getestet worden ist und er sich in einer ersten Stellungnahme für sein Verhalten entschuldigt hat. Weil es sich um keinen positiven Dopingtest handelt, bleiben Obsts Ergebnisse aus dem vergangenen Jahr bestehen. Er ist damit weiterhin Deutscher Meister. Doch zwei Jahre Sperre wären für den nicht mehr ganz jungen Athleten ein schwerer Schlag. Nun hofft er, dass der internationale Sportgerichtshof das erstinstanzliche Urteil rückgängig macht.

Der Schorndorfer Trainer Sedat Sevsay, dem Martin Obst beim Bundesliga-Rückkampf vor den Fans des ASV zunächst den Handschlag verweigerte und damit auch auf Pfiffe und Buh-Rufe von den Rängen reagierte, würde sich wünschen, die Sache wäre bald ausgestanden. „Ich hoffe, dass Ruhe einkehrt und wir uns wieder aufs Sportliche konzentrieren können.“

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