Rems-Murr-Sport Hanna Klein: Nummer elf der Welt ist einfach nur glücklich

Hanna Klein hat alle überrascht. Die Läuferin der SG Schorndorf hat es bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft entgegen allen Erwartungen ins Finale über 1500 Meter geschafft. Doch auch sie selbst erlebte eine Überraschung: Nach dem Rennen stand ihr plötzlich Freund Marcel Fehr, den sie in Schorndorf vermutete, gegenüber.

Videogrüße von Hanna Klein aus London an ihre Fans.

„Das war superschön“, sagt sie am Tag danach. „Auch ein Highlight“, von denen sie in diesen Tagen viele erlebte. Das Größte? „Es war eigentlich alles super. Aber die Stimmung im Stadion war toll, und der Moment, als ich gemerkt habe, ich stehe im Finale, der war atemberaubend.“

Schon die Qualifikation fürs Halbfinale war ein Riesenerfolg gewesen, das Finale mit den weltbesten Läuferinnen nicht mehr zu überbieten. „Plötzlich kann ich die gar nicht, wie sonst, im Fernsehen angucken. Aber“, gesteht sie ein, „so war’s schon ein bisschen besser.“

Aus dem Dorf ins WM-Finale der Millionenmetropole

„Wenn mir vorher jemand gesagt hätte, Hanna steht im Finale“, sagt ihr Trainer Uwe Schneider, „ich hätte alles dagegengesetzt.“ Ziel war gewesen, nicht Kanonenfutter zu sein. Man müsse das realistisch sehen: „Wir kommen aus dem Dorf mit der blauen Bahn – und dann ein WM-Finale ...“

Vor dem hatte der Stadionsprecher die Teilnehmer vorgestellt. „Da heißt es dann die Europameisterin, die Weltmeisterin, die zweifache Olympiasiegerin, die Weltrekordlerin“ und schließlich: „Hanna Klein aus Deutschland“.

Ohne klangvollen Titel, dafür mit Demut. Schneider: „Sie kennt ihre Fähigkeiten und die hat sie in allen drei Läufen ausgereizt.“

Eine völlig neue Welt

Für die 24-Jährige waren diese Titelkämpfe eine völlig neue Welt: drei Rennen auf Weltklasseniveau innerhalb von nur vier Tagen, der Presserummel, Laufen vor 66 000 lautstarken Zuschauern. Schneider: „Da wurden sogar mir draußen die Knie weich.“

Hanna Klein hat das gut weggesteckt. Für ihre realistische Einschätzung wurde sie belohnt. Die, so Schneider, habe sie ins Finale gebracht. Gemeinsam mit ihrem – und Schneiders – taktischem Geschick sowie so viel Ehrgeiz, wie bei einer Weltmeisterschaft schon sein muss. Schneider: „Schon im Vorlauf rauszufliegen wäre – für uns zumindest intern – eine Blamage gewesen.“ Trotz des erlesenen Feldes.

Wie man mit zehn Pfund Millionär hätte werden können

Im Finale war es einziges Ziel gewesen, nicht Letzte zu werden. Auch das ist gelungen. Hanna Klein ließ, wie schon im Halbfinale, Titelverteidigerin Genzebe Dibaba hinter sich. Was einen Zuschauer zur Bemerkung bewegte: „Man hätte wetten sollen, dass sie Dibaba zweimal schlägt. Da wäre man mit zehn Pfund Einsatz Millionär geworden.“

Obwohl Hanna Klein im Endlauf nie weit hinter den Führenden zurücklag und für die letzten 300 Meter nur 45 Sekunden brauchte, die Spitze, sagt Schneider, das ist doch noch „ein ganz anderes Kaliber. Wir haben rangeschnuppert, aber die vorne sind außer Reichweite.“ Allerdings sei dies auch eine WM gewesen, bei der von den Topläuferinnen keine einzige gefehlt hat. Am Start war, so Schneider, „das Who is Who des 1500-Meter-Laufs.“

Auch der DLV ist zufrieden

Mit dem elften Platz sind denn letztlich alle zufrieden. Auch der Deutsche Leichtathletikverband, der ansonsten bisher wenig Grund zur Freude hat.

Hanna Klein braucht noch ein paar Tage, um all das zu verarbeiten. Vorerst ist sie „einfach nur glücklich, das erlebt haben zu dürfen“. Und dankbar für die letzte Überraschung der WM. Schneider: „Sie kommt aus der Mixed-Zone und Marcel steht vor ihr.“ Laut geschrien vor Freude habe sie.

Und die 66 000 drum herum wahrscheinlich nun nicht mehr wahrgenommen.


Stolz und Novo-Virus

Hanna Klein (24) ist bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London als völlige Außenseiterin über 1500 Meter im Vorlauf mit 4:09.32 Minuten Sechste geworden, im Halbfinale Fünfte in 4:04,45 min und im Finale der weltbesten Läuferinnen Elfte in 4:06,22 min. Ihre persönliche Bestzeit liegt bei 4:04.15 Minuten.

Trainer Uwe Schneider hat sie in London immer nur kurz gesehen, da er keine Akkreditierung fürs Stadion hatte und in einem anderen Hotel untergebracht war.

Weil ihre Eltern zu Besuch kamen, wollte Hanna Klein ursprünglich noch ein paar Tage in London bleiben, fliegt aber am 9. August zurück, da im Hotel der Novo-Virus grassiert.

Auch im Heimatverein, der SG Schorndorf, sind alle glücklich. Abteilungsleiter Ralf Brügel: „Ich bin mit dem Wort stolz normalerweise vorsichtig, aber in diesem Fall ...“

In der Vereinsgaststätte Platzhirsch hatten sich am Dienstagabend 80 bis 100 Leute zum Public Viewing versammelt. Brügel: „Die Stimmung war gut. Wir hatten vielleicht fünf Prozent Hoffnung, dass ein kleines Wunder geschieht. Aber alle haben sich eigentlich mehr gefreut, als dass sie angespannt gewesen wären.“ Er selbst, sagt Brügel, sei vor dem Vorlauf viel aufgeregter gewesen.

Foto: Habermann / ZVW

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