Rems-Murr-Sport Hat der Fußball ein Disziplinproblem?

Mario Gomez diskutiert beim 3:1-Heimsieg des VfB Stuttgart gegen den 1. FC Nürnberg im Dezember mit dem Schiedsrichter. Foto: ZVW/Benjamin Büttner (Archiv)

Rems-Murr.
Axel Kromer, Vorstand Sport des Deutschen Handballbundes, hat dem Fußball in einem Interview in unserer Zeitung Disziplinprobleme attestiert. Der Handball hingegen, sagte er, „lebt eine Welt vor, in der man Regeln respektiert, den Gegner achtet. Man bekämpft sich – und hilft sich hinterher wieder auf die Beine.“ Hat er recht?

Jeder kennt die Szene: Der Schiedsrichter pfeift, die Fußballer rennen auf ihn zu, gestikulieren, reden auf den Referee ein, akzeptieren seine Entscheidung nicht. Immer häufiger gibt es sogar körperliche Angriffe. Ganz anders im Handball: Pfeift der Schiri, muss der Ball sofort freigegeben werden. Diskussionen ziehen sofort eine Strafe nach sich.

Akzeptieren die Spieler vielleicht nur deshalb die Entscheidung des Schiedsrichters sofort oder respektieren sie schlicht, dass es jemanden geben muss, der auf die Einhaltung der Regeln achtet? Gibt es im Fußball mehr Disziplin- und Respektlosigkeit? Wir haben Fußballer gefragt.

Vlado Szichta, beim SC Korb Trainer und Mitglied der Abteilungsleitung

Hat der Fußball ein Disziplinproblem?

Ja, der Fußball in Deutschland hat ein Problem mit der Disziplin und dem Fair Play. Dass es aber auch anders geht, zeigen der englische und spanische Fußball.

Welche Rolle spielen dabei die Profis (Stichwort Vorbildfunktion)?

Es sind nicht nur die Spieler, sondern auch die Trainer, die als Vorbilder in Deutschland versagen. Auch die Fans und Ultras benehmen sich in Deutschland völlig daneben. In Deutschland wurde jeglicher Respekt gegenüber den Schiedsrichtern und deren Entscheidungen verloren.

Es gibt keinen Spieler in der Bundesliga, der im Spiel weniger Fehler macht als der Schiedsrichter, doch der wird beim kleinsten beleidigt. Mit welchem Recht eigentlich? All das ist in England und Spanien nicht zu beobachten.

Halten Sie es für nötig, dass der Fußball darauf innerhalb des Regelwerks reagiert?

Ich denke nicht, dass die Regeln geändert werden müssen, sie sollten in Deutschland nur wieder so ausgelegt werden, wie es sich für einen Männersport gehört. Gerne nach dem Motto „Mann oder Memme“. Dann würde sich der deutsche Fußball auch international mehr durchsetzen und erfolgreicher sein.

Die Verantwortlichen im Weltfußball sind sich zu schade, von anderen Sportarten (NBA, Handball, NFL) zu lernen, weil dies ein Eingeständnis der eigenen Schwäche wäre. Fifa und Uefa liegt der Kommerz mehr am Herzen als die Stärkung des Fair Play.

Simon Hieber, Abteilungsleiter (und bis vor kurzem noch Spieler) beim TSV Schwaikheim

Hat der Fußball ein Disziplinproblem?

Ja, weil es definitiv diese Vorfälle/Grenzüberschreitung gibt, vor allem gegenüber Schiedsrichter oder Gegenspieler. Aber auch nein, weil der Fußball nun mal ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, und da kommt das genauso vor. Es ist also kein Problem, das nur der Fußball hat. Zudem sollte man die Vorfälle stets ins Verhältnis zu den Spielen setzen, die reibungslos verlaufen.

Im Übrigen ist Handball auch kein Sport, bei dem es immer fair zugeht. Da gibt es genauso versteckte Fouls. Und vom Eishockey, in dem eine Keilerei in den Play-offs zum guten Ton gehört, ist der Fußball auch weit entfernt.

Welche Rolle spielen dabei die Profis (Stichwort Vorbildfunktion)?

Die Profis haben definitiv eine Vorbildfunktion. Trägt ein Topstar neue Schuhe, hat jeder „Dorf-Ronaldo“ die gleichen Treter. Schimpft der Star dann in sozialen Medien über den Schiedsrichter, ist Dorf-Ronaldo am nächsten Sonntag im gleichen Tonfall unterwegs.

Halten Sie es für nötig, dass der Fußball darauf innerhalb des Regelwerks reagiert?

Nein. Die Regeln sind ja da, und die Schiedsrichter und Verbände haben die Möglichkeit, entsprechend zu reagieren und zu sanktionieren. In England sind Schwalben und Schauspielerei seit jeher verpönt – seit Einführung des Videobeweises ist das in Deutschland auch deutlich besser geworden. Gefühlt hat es auch in den unteren Klassen nachgelassen.

Vor ein paar Jahren wurde der Handschlag vor dem Spiel eingeführt – warum nicht auch nach dem Spiel? Das ist in anderen Sportarten gang und gäbe (und war früher auch im Fußball Standard, Anm. d. Red.). Das gäbe ein rundes Bild.

Tomislav Vidackovic, Vorstandsmitglied und Trainer bei Zrinski Waiblingen

Hat der Fußball ein Disziplinproblem?

Fehlende Disziplin ist eher ein gesellschaftliches Problem. Die Kinder und Jugendlichen haben durch die Digitalisierung und die heutige Medienwelt ganz andere Entwicklungsmöglichkeiten, Interessen und Einblicke. Die klassischen Werte wie Respekt, Wertschätzung, Disziplin werden nicht mehr ausreichend vermittelt, da der Einfluss von außen zu groß ist und viele einfach das machen, was sie für richtig halten bzw. irgendwo schon gesehen haben.

Alle Sportarten haben heute Probleme mit der Disziplin der Spieler/Eltern, das betrifft die Teilnahme am Trainingsbetrieb, Pünktlichkeit oder Einhaltung der Anweisungen des Trainers. Dazu kommt der Ehrgeiz der Eltern, aus ihren Kindern Profis zu machen.

Im Verhalten gegenüber Schiedsrichtern/Trainern/Gegnern erlebe ich auf dem Sportplatz keine großen Veränderungen, außer dass dies medial mehr in den Vordergrund gerückt wird. Über Fehlverhalten und Disziplinlosigkeit wird viel mehr geredet als früher, aber dass sie wirklich viel häufiger auftreten, kann ich nicht bestätigen.

Welche Rolle spielen dabei die Profis (Stichwort Vorbildfunktion)?

Die Profis spielen (als Vorbilder) immer eine entscheidende Rolle, aber auch die Eltern, der große Bruder, der Trainer oder Lehrer. Heute kann man nahezu jeden Tag stundenlang Fußball schauen, man sieht deshalb auch viel mehr unsportliche oder undisziplinierte Aktionen als früher.

Halten Sie es für nötig, dass der Fußball darauf innerhalb des Regelwerks reagiert?

Nein, die Regeln sind klar beschrieben und ich bin der Meinung, dass Emotionen zum Fußballspiel gehören. Ich finde es auch gut, dass es den Spielraum gibt, mit dem Schiedsrichter auch über die eine oder andere Situation zu sprechen/zu diskutieren. Ich bin selbst schon seit 25 Jahren Schiedsrichter.

Allerdings spielen Gelbe Karten eine zu geringe Rolle. Viele Spieler meckern, verhalten sich oft wissentlich unsportlich durch Spielverzögerungen, absichtliches Handspiel oder taktische Fouls, da die Gelben Karten keine Sperre nach sich ziehen. Würde auch bei den Amateuren jede fünfte Gelbe Karte eine Sperre nach sich ziehen, würde sich mancher Spieler zurückhalten.

Im Übrigen gibt es auch im Handball Rote Karten wegen Unsportlichkeiten, auch dort wird mit dem Schiedsrichter diskutiert, u.a. von der Bank aus, und Emotionen sind (aktuell bei der EM) zum Teil noch mehr zu sehen, da es viel mehr Tore und kritische Situationen gibt.

Ralph Rolli, Bezirksspielleiter

Hat der Fußball ein Disziplinproblem?

Ja, hat er. Woran es liegt, ist schwer zu sagen, auf jeden Fall ist zu beobachten, dass der Ton rauer wird, die Verstöße heftiger. Wurde früher einfach nur gefoult, wird heutzutage nochmals nachgetreten, beschimpft, Theater gemacht.

Es ist mir auch schon aufgefallen, dass es bei anderen Sportarten fairer zugeht. Beim Handball wird geklatscht, wenn ein verletzter Spieler wieder aufsteht, egal von welcher Mannschaft, nach Schlusspfiff gibt es keine (oder kaum) Schmährufe.

Wo früher die Lust am Spielen vorrangig war, wird das Spiel heutzutage viel zu ernst genommen. Niederlagen werden nicht einfach hingenommen, die Hemmschwelle – auch zu Beleidigungen – ist erschreckend niedrig.

Welche Rolle spielen dabei die Profis (Stichwort Vorbildfunktion)?

Eine sehr große. Hat man „früher“ noch über die Witze und Paraden von Sepp Maier gelacht oder diese nachgemacht, die langen Haare und Pässe von Netzer bewundert, wird heutzutage versucht, sich kunstvoll am Boden zu wälzen oder sich mit Tricks/Fouls einen Vorteil zu schaffen. Es wird diskutiert anstatt gespielt, gemosert anstatt gekämpft.

Halten Sie es für nötig, dass der Fußball darauf innerhalb des Regelwerks reagiert?

Auf jeden Fall. Ich rede hier nicht von einem Foulspiel, einem Handspiel oder einer Notbremse – dies alles muss im Rahmen des Fußballregelwerkes bestraft werden. Ich rede von körperlichen Angriffen auf den Gegner oder auf den Schiedsrichter.

Dies muss so bestraft werden, dass es abschreckend wirkt. Warum nicht mal einen Spieler, der einen anderen Spieler/Schiedsrichter schlägt, über zwei Spielzeiten sperren, warum nicht mal einen Verein, dessen Anhänger (nachweislich) randalieren, mit einer hohen Geldstrafe versehen?

Es muss wehtun, abschreckend wirken. Was sind schon Sperrstrafen über sechs bis acht Wochen oder Geldstrafen von 100 bis 400 Euro? Sie entsprechen nicht mehr der Zeit, sie wirken der Gewalt auf den Fußballplätzen nicht entgegen.

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