Rems-Murr-Sport Klein und Fehr verlassen die SG Schorndorf

Auch die starken Staffeln sind bei der SG Schorndorf Geschichte (von links): Hanna Klein wechselt nach Tübingen, Gina Daubenfeld nach Bietigheim, Anna Karina Becker beendet ihre Karriere und Nicolai Christ, Ludwig Sämann sowie Marcel Fehr folgen ihrem Coach nach Holzhausen. Foto: Uwe Schneider

Rems-Murr-Sport.
Die SG Schorndorf wird künftig deutlich mehr ein Breitensportverein sein. Mit Hanna Klein und Marcel Fehr verliert sie ihre zwei größten sportlichen Aushängeschilder. Insgesamt 22 zum Teil sehr erfolgreiche Läuferinnen und Läufer kehren dem Verein zum Jahresende den Rücken. Die meisten folgen ihrem Coach Uwe Schneider, der sich mit dem SG-Führungspersonal überworfen hat.

Wohin die Reise geht, ist keine Überraschung. Die Team-Europameisterin, zweifache Deutsche Meisterin, WM- und EM-Teilnehmerin Klein wechselt zu Post SV Tübingen, dem Verein ihrer neuen Trainerin Isabelle Baumann. Das Gros der SG-Läufer, darunter der Team-Europameister und zweifache DM-Dritte Fehr, heuern zusammen mit dem bisherigen Schorndorfer Trainerteam – Schneider, dessen Sohn Sebastian sowie Bianca Börsken – beim TGV Holzhausen (LG Filstal) an.

Die Katze war aus dem Sack

Den Wechsel der Coaches hatte die Leichtathletik-Abteilung der SG Schorndorf schon im September, also schon vor Beginn der Wechselfrist, per Pressemitteilung verkündet. Uwe Schneider war deshalb – wieder einmal – sauer und bestätigte die Info nicht. Doch die Katze war aus dem Sack. Inzwischen ist die Wechselfrist abgelaufen – und Schneider spricht wieder: „Ich bin Ur-Schorndorfer, und mir tut’s leid, dass es so auseinandergeht mit der SG. Aber wenn es für die Leistungssportler dort keine Basis gibt, muss man wechseln.“

Das angeblich mangelnde Engagement des Führungspersonals des Hauptvereins für den Leistungssport war ein Hauptkritikpunkt Schneiders. Ein anderer lautete, die Einmischung in die Belange der Leichtathletik, etwa im Bereich Sponsoring, seien zu groß gewesen. Im Gegenzug warf die Vereinsführung Schneider vor, er interessiere sich fast nur für seinen Bereich und zu wenig für den Hauptverein.

Für die Schorndorfer Leichtathletik-Abteilung bedeuten die Wechsel einen großen Aderlass

Warum nun ist Schneiders Wahl auf den TGV Holzhausen und damit die LG Filstal gefallen? „Weil das am nächsten an Schorndorf dran liegt, das sind nur zehn, zwölf Kilometer. Im Stadion haben wir die gleichen Trainingsmittel zur Verfügung. Es gibt eine Topbahn mit mittlerem Härtegrad.“ Und in Holzhausen „ist Leistungssport kein Fremdwort“. Als Beispiele nennt Schneider den Stabhochsprung-Coach Richard Spiegelburg, einst mehrfacher Deutscher Meister und WM-Teilnehmer, sowie Mehrkampftrainer Roland Mäußnest. Eine frühere langjährige Kontrahentin von Kugelstoßerin Alina Kenzel vom VfL Waiblingen startete ebenfalls für die LG Filstal: Lena Urbaniak. „Das Einzige, was fehlte“, sagt Schneider, „war ein Laufteam auf der Mittel- und Langstrecke. Ich nehme da also niemandem die Arbeit weg.“

Uwe Schneider ist ein erfolgreicher Trainer, seine Laufgruppe folgerichtig groß. Für die Schorndorfer Leichtathletik-Abteilung bedeuten die Wechsel deshalb einen großen Aderlass. Hanna Klein sagt zu ihrer Entscheidung, nach Tübingen zu gehen: „Ich denke, dass es jetzt eine runde Sache ist. Ich wollte in den Verein, in dem ich auch meine Trainerin habe.“ In Tübingen gebe es viele starke Läuferinnen, „da kann man auch mal eine Mannschaft in Angriff nehmen“. Schneider sagt, sein Verhältnis zu Klein sei weiterhin „super“. Deshalb werde sie nach Absprache mit Trainerin Isabelle Baumann immer mal wieder in Holzhausen mittrainieren.

Marcel Fehr hat lange mit seinem Wechsel gezögert

Im März 2020 werden der Coach und das inzwischen in Welzheim wohnende Läufer-Paar Klein und Fehr außerdem erneut gemeinsam ins Trainingslager nach Kenia gehen. Der große Traum ist die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio. Die intensive Vorbereitung nennt Marcel Fehr auch als Hauptgrund, seinem Trainer Uwe Schneider zum neuen Verein zu folgen.

„Ich war mir lange nicht sicher, ob ich das machen will. 2015 sind wir nach Schorndorf gewechselt, es war nicht der Plan, so bald wieder wegzugehen.“ Es sei durchaus eine Option gewesen, künftig zwar in Holzhausen zu trainieren, aber weiterhin für die SG zu starten.

Nun beginnt bei der SG eine neue Zeit

Doch dann erklärte die komplette Trainingsgruppe inklusive Fehrs Staffelkollegen ihren Wechsel. Fehr entschied sich endgültig nach Gesprächen mit der Vereinsführung: „Ich und Teile der SG sind nicht auf einen Nenner gekommen, wie es weitergehen sollte. Die Hauptorientierung in Schorndorf liegt auf dem Breitensport. Ich habe das nie kritisiert, die Förderung ist ein gewichtiges Thema. Ich denke aber, dass der Leistungssport auch eine Wirkung auf den Breitensport hat.“

In der Tat verliert die SG Schorndorf mit Hanna Klein und Marcel Fehr nun die beiden wichtigsten Botschafter. „Natürlich ist das schade, auch dass die ganze Laufgruppe geht“, sagt Geschäftsführer Benjamin Wahl. Zu den Gesprächen mit Fehr erklärt er: „Wir haben unsere Vorstellung präsentiert, doch sie war anders, als er sich das vorgestellt hat.“ Nun beginnt bei der SG eine neue Zeit. Mit Jürgen Kennert, zuvor Jugendtrainer beim VfL Winterbach, wurde rasch ein neuer Coach gefunden, der nun die Nachwuchsläufer betreut. „Da bauen wir jetzt drauf auf“, sagt Wahl.


Ein herber Verlust

Wie sang einst Roger Whittaker: „Abschied ist ein scharfes Schwert, das oft so tief ins Herz dir fährt.“ Doch manchmal ist er die einzige Lösung. Der unselige Streit zwischen Lauftrainer Uwe Schneider und der Führung des Großvereins SG Schorndorf, insbesondere mit dem Vorsitzenden Matthias Römer und Geschäftsführer Benjamin Wahl, war nicht mehr zu schlichten. Schneider brennt für den Leistungssport, sein Engagement ist ein Segen für jeden Verein. Doch fatalerweise hat der Trainer den Hang, über Gebühr aufzubrausen, wenn er sich und seine Athleten angegriffen fühlt. Und Breitensport, von Schneider belächelt, ist nun mal die Basis für einen gesunden Verein. Es ist deshalb richtig, dass der SG-Vorstand darauf besonderen Wert legt. Allerdings, darauf verweist Marcel Fehr zu Recht, sind erfolgreiche Leistungssportler eben auch eine Werbung für Vereine. Dass Fehr und Hanna Klein gehen, ist angesichts ihrer intensiven Vorbereitung auf die Olympischen Spiele eine weise Entscheidung, aber für die SG Schorndorf ein herber Verlust. Von den 20 weiteren Läufern, die den Club verlassen, ganz zu schweigen.

Gehen ebenfalls: Christ, Daubenfeld, Miletics

Von der SG Schorndorf nach Holzhausen wechselt auch der Deutsche 1500-Meter-Jugendmeister von 2015 Nicolai Christ, der in diesem Jahr bei den Aktiven völlig überraschend Sechster bei der DM über 800 Meter geworden ist. Eigentlich wollte er seine Karriere beenden, doch so ganz kann er vom Laufsport wohl doch nicht lassen.

Das Gleiche gilt für Ludwig Sämann. Er wohnt zwar inzwischen in Berlin, möchte aber laut Coach Uwe Schneider weiterhin die Möglichkeit haben, mit der starken Männer-Staffel des Laufteams anzutreten. Ebenfalls noch nicht ganz aufhören will offensichtlich Alexander Köber – auch er sowie Björn Deiss wechseln zum TGV Holzhausen bzw. zur LG Filstal.

Damit sind die Staffeln komplett, die heuer über 3 x 1000 Meter Baden-Württembergischer Meister und über 4 x 400 Meter Dritter bei den Süddeutschen Meisterschaften wurden.

Gina Daubenfeld, die in Illingen wohnt, zieht es zum in der Nähe beheimateten TSV Bietigheim (LG Neckarelz). „Sie kommt aber alle drei, vier Wochen zu uns ins Training“, so Schneider.

Des Weiteren vom 1. Januar 2020 an für den TGV Holzhausen und die LG Filstal starten werden Max Berner, Nicolas und Robin Börsken, Tamara Eichenbrenner, Sophie Haarer, Markus Mayer, Nina und Tina Miletic, Anna-Lena Weber, Jannik Windelband, Lea Steinbach, Michael Fleischer, Lukas Weber, Ronald Stettner sowie Lisette Ester.

Zum letzten Mal ins Trikot der SG Schorndorf schlüpfen werden Hanna Klein und Marcel Fehr am Dienstag, 31. Dezember. Die beiden starten beim Bietigheimer Silvesterlauf.

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