Rems-Murr-Sport Obstacle Course Racing: Der Parcours kennt keine Gnade

Martin Schäfer aus Schwaikheim auf der Strecke. Raus aus dem Fluss, noch warten jede Menge Hindernisse. Foto: Karen Fischer

Das Trikot klebt am Körper, Schlamm tropft vom Kinn, die Muskeln brennen – und es ist kalt. Der Parcours aber kennt keine Gnade. Das Stahlgerüst ist zwei Meter hoch, fünf Meter lang. An sechs Querstangen, zwei davon schwingen vor und zurück, gilt es, sich weiterzuhangeln. Hindernis Nummer 18 von 24. Nur wer alle bewältigt, darf die Ziellinie überschreiten. Und nur die Allerbesten haben eine Chance auf eine Weltmeisterschaftsmedaille – zum Beispiel Martin Schäfer aus Schwaikheim.

Wer sich über Rampen ins kalte Wasser katapultiert, durch Matsch kriecht, 30 Kilogramm schwere Sandsäcke trägt, glitschige steile Rampen überwindet, sich unter Stacheldraht durchzwängt und mit – von aufgerissenen Händen gehaltenen – Haken an einer Stange in luftiger Höhe voranwuchtet – der muss einen an der Klatsche haben. Oder?

Martin Schäfer macht diesen Eindruck nicht. Normalerweise bastelt der 32-Jährige in Leutenbach an Industrierobotern und programmiert sie. Zwölf- bis 15-mal im Jahr aber braucht er die Herausforderung Obstacle Course Racing (Hindernislauf): Vier, fünf oder auch deutlich mehr Kilometer laufen und dabei 20, 30, 40 Hindernisse überwinden, die jedes für sich allein einen Durchschnittssportler an seine Grenze bringen. Doch wer sich Videos solcher Wettkämpfe anschaut, sieht am Ende nicht nur dreckige und erschöpfte Athleten, sondern vor allem glückliche – ob sie nun 18 oder 58 Jahre alt sind.

Kennengelernt hat Martin Schäfer diese ganz spezielle Glückserfahrung erst 2015. Der Bruder seiner Freundin Karen hatte ihn zu einem Rennen in Mannheim überredet. „Gemütlich durchgelaufen“ sei er damals. Doch bald schon trat er bei einem Qualifikationsrennen zur Europameisterschaft an und wurde Zweiter. Spätestens jetzt ließ sich das Rad nicht mehr zurückdrehen.

Wenn sogar harte Männer weinen

Der Schwaikheimer schaffte es in die Elite-Klasse, wurde bei der Europameisterschaft in Polen Siebter, Achter in Dänemark. Kein Podiumsplatz und doch eine herausragende Leistung, denn zur Konkurrenz zählten auch Profis. Zudem kamen in Dänemark nur etwa zehn von über 100 Startern im Ziel an. Anders als bei normalen Wettbewerben müssen die Teilnehmer bei EM und WM alle Hindernisse – die jeder Veranstalter nach eigenem Geschmack kreieren kann – bewältigen, können sich nicht nach drei, vier vergeblichen Versuchen mit einer Strafe (30 Burpees, also Liegestütze, Strecksprung, Liegestütze ...) durchmogeln.

Zwar gibt es keine Begrenzung bei der Zahl der Versuche – auch Schäfer ist „an einem Hindernis schon mal 40 Minuten lang hängengeblieben“ –, doch wer die Aufgabe nicht bewältigt, bekommt sein Startband durchgeschnitten und muss aussteigen. Schäfer: „Da habe ich schon die härtesten Männer weinen sehen.“

Hart müssen Männer wie Frauen sein beim Hindernislauf, vor allem gegen sich selbst. Krämpfe sind normal. Schäfer: „Das läufst du denn eben raus.“ Und wenn einen der Krampf mitten im Hindernis befällt, „muss man sich durchquälen“. Da sei mentale Stärke gefragt. Muskelkraft, zumindest Muskelmasse hingegen werde überschätzt. Die sei beim Laufen eher hinderlich. Außerdem brauche es beim Klettern, Hangeln oder Schwingen Geschicklichkeit und vor allem Griffkraft in den Händen. „Die Zähigkeit ist wichtig“, sagt Schäfer, der bei 1,83 Metern Körpergröße nur 74 Kilogramm wiegt. Er habe früher viele unterschiedliche Sportarten betrieben: Fußball, Tennis, Klettern, Turnen. „Das hat mich ganz gut vorbereitet.“ Vor allem sei er schon immer eines gewesen: ehrgeizig. „Ich habe immer bis zum Schluss gekämpft.“

Die Wohnung gleicht einer Trainingshalle

Ohne Training allerdings nutzt der größte Ehrgeiz nichts. Der Schwaikheimer trainiert acht- bis zehnmal in der Woche, nicht mitgerechnet, was er in der eigenen Wohnung nebenbei noch macht. Die gleicht in Teilen einer Trainingshalle. An der Decke im Flur sind Boulder-Klettergriffe angebracht, im Wohnzimmer steht eine Stange, daneben baumeln TRX-Bänder zum Ganzkörpertraining. Im Garten hat sich Schäfer selbst einen Kletterparcours gebaut und vom Hausdach herunter hängt ein Tau, an dem Schäfer sich ab und an auf den Weg zum Balkon der Eltern macht.

Im Oktober des vergangenen Jahres ist ihm in England sein bisher größter Erfolg gelungen: Vizeweltmeister über die Kurzstrecke (rund vier Kilometer, 24 Hindernisse) in der Altersklasse 30 bis 39. Auf der Langstrecke (15 Kilometer, 76 Hindernisse) wurde er Vierter unter 176 Startern.

Die nächste Herausforderung wartet schon: Weltmeisterschaft in den USA. „Wir haben uns schon angemeldet“, sagt Martin Schäfer. Auch Freundin Karen und deren Bruder kommen offenbar vom Hindernislauf nicht los.


Obstacle Course Racing

Die Hindernisläufe sind aus der militärischen Ausbildung heraus entstanden. Der erste organisierte Lauf soll 1987 stattgefunden haben. OCR erinnert an die aus dem TV bekannten Ninja-Warrior-Wettkämpfe – nur eben im Freien mit Laufeinheiten zwischen den Hindernissen.

„Das ist kein Sport Mann gegen Mann“, sagt Martin Schäfer, „sondern Mann gegen Parcours.“ Und weil jeder wisse, wie hart die Rennen sind, habe jeder großen Respekt vor dem Gegner. „Ich hab’s schon erlebt, dass mich jemand überholt, auf die Schulter klopft und mich anfeuert.“ Der Zusammenhalt sei stark, zeigt sich besonders im Teamwettbewerb. Dabei schaffen die Dreierteams manche Hindernisse nur, wenn sie sich gegenseitig helfen.

In Deutschland ist Obstacle Course Racing noch wenig bekannt. In Belgien, Dänemark und den Niederlanden, so Schäfer, gebe es sogar öffentliche Trainingsgelände. Die Hindernisse kennen die Athleten vorher nicht. Bei völlig neuen Kreationen gebe es allerdings die Möglichkeit, an einem Modell außerhalb des Kurses zu testen.

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