Rems-Murr-Sport Plüderhäuser fliegt mit Ballon 20 mal über die Alpen

Traumhafte Bedingungen, Sicht bis zu 300 Kilometer weit – mit dem Ballon über die Alpen. Foto: Privat

Rems-Murr-Sport.
Mit dem Ballon über die Alpen – im Winter? Wie verrückt ist das denn? Wo’s doch ohnehin schon kalt genug ist. Hans-Peter Seibold (66) aus Plüderhausen schreckt das nicht. 20-mal schon sei er über die Alpen geflogen, und diesmal sei’s besonders beeindruckend gewesen. Nicht wegen der Kälte. „Im Korb hat keiner Handschuhe gebraucht.“ Trotz zehn Grad minus.

Hans-Peter Seibold fliegt gerne. Seit 45 Jahren mache er das bereits. Begonnen hat Seibold als Drachenflieger. Er war in der deutschen Nationalmannschaft und wurde mit der sogar Dritter bei der Weltmeisterschaft 1982 in Japan. Später stieg er um auf den Gleitschirm, mit dem er immer noch unterwegs ist. Vor 26 Jahren schließlich begann er zusätzlich mit dem Ballonfahren und betreibt das mittlerweile im Ballon-Zentrum Remstal professionell.

„Du weißt nie, wo du landest“

Aber ist Ballonfahren nicht langweilig für jemanden, der die dynamischen Flüge mit Drachen und Schirm gewöhnt ist?

„Nein“, sagt Seibold. „Dabei gibt’s so viel zu sehen.“ Außerdem: „Du weißt nie, wo du landest.“ Beim Flug über die Alpen sind deshalb auch Schlafsäcke im Gepäck, falls eine Notlandung auf 3000 Metern Höhe eingebaut werden muss.

Um die Sicherheit sorgt sich der Plüderhäuser dennoch wenig. „Luftfahrzeuge sind die sichersten Verkehrsmittel. Und nur ein Prozent der Unfälle passiert mit dem Ballon.“ Schließlich sei der Ballon selbst der größtmögliche Sicherheitsfallschirm. In 26 Jahren als Ballonpilot habe er lediglich zwei leichte Verletzungen erlebt.

Fast zwei Tonnen fliegen in 4500 Metern Höhe

Gut geplant will eine Fahrt dennoch sein; vor allem wenn’s über die Alpen geht. Zwölf Flaschen Gas sind im Gepäck, auch zwei Flaschen mit medizinischem Sauerstoff. Der würde nötig, wenn der Ballon oberhalb von 4500 Metern fliegt. Spätestens ab 6000 Metern Höhe, so Seibold, sei Sauerstoff vorgeschrieben. Darunter sei er nur manchmal nötig. Vermeiden sollten Mitfahrer allerdings, sich im Korb zu schnell zu bücken. „Das gibt Kopfschmerzen.“

Diesmal kamen die beiden Sauerstoffflaschen nicht zum Einsatz. Sie trugen lediglich ein paar Kilogramm zum Gesamtgewicht von fast zwei Tonnen bei. Alleine der Korb, ausgelegt für 18 Personen, wiegt 600 Kilogramm. Dazu kamen zwölf Flaschen Gas zu je 50 Kilogramm und zehn Personen mit unterschiedlichem Gewicht.

Anstrengend ist es deshalb vor allem, den Korb in Startposition zu bringen. „Wir haben ihn diesmal mit Hilfe eines Autos vom Hänger gezogen“, sagt Seibold. Schweißtreibend war’s dennoch. Auf dem Startgelände, dem Flugplatz von St. Johann, lagen 20 Zentimeter Schnee.

Eine Fahrt über die Alpen ist nicht immer möglich.

Eine Fahrt über die Alpen ist nicht immer möglich. Genau genommen nur vier-, fünfmal im Jahr. Dazu müssen alle Bedingungen stimmen: Wetter, Windgeschwindigkeit, Windrichtung von Nord nach Süd. Ist das der Fall, muss die Route berechnet und mit der Flugsicherung – in diesem Fall mit Österreich und Italien – abgeklärt werden.

Seibold und Co waren mit drei Ballons unterwegs und hatten außerordentlich gute Sicht. „Ich bin noch nie so tief über die Alpen gefahren. So genau habe ich sie noch nie gesehen.“ Direkt nach dem Start ging’s über die Streif, die Weltcupabfahrt von Kitzbühel, über Zell am See, Mittersill, Gerlos-Pass, Mayerhofen, ins Ahrntal, vorbei am Kronplatz ins Grödnertal zur nächsten Weltcupabfahrt, der Saslong.

Bei der Seiser Alm, sagt Seibold, habe er sich überlegt zu landen, sich aber zur Weiterfahrt Richtung Val di Fiemme entschlossen. Das hieß: aufsteigen mit dem Ballon, Tempo aufnehmen, die Richtung verändern. Denn je weiter oben der Ballon fliegt, desto schneller geht’s voran (diesmal waren es nur 50 Stundenkilometer) und desto weiter nach rechts treibt einen der Wind. Höhe und Wind – damit sind die Steuerungsmöglichkeiten beim Ballonfahren auch schon aufgezählt.

Landeplätze finden sich nicht überall

Die gilt es sicher einzusetzen, weshalb der Pilot sehr konzentriert immer wieder Gas geben müsse. Denn Landeplätze finden sich nicht überall – im Gebirge oder auch mitten in Obst- und Weinanbaugebieten ohnehin.

Seibold fand einen Landeplatz nach fünfeinhalb Stunden in der Luft, einen optimalen obendrein. „Direkt neben einer Wirtschaft.“ Bestens – auch weil die Rückholer, die Korb und Ballon wieder aufsammeln, erst zwei Stunden später eintrafen.

Die Gefahr, bei einer Landung von einem wütenden Bauern empfangen zu werden, gebe es in Italien nicht. „Nur in Deutschland“, sagt Seibold. In Italien dagegen erlebe er die verrücktesten Dinge. „Einmal ist ein Bauer gekommen, hat den Korb mit dem Kranen aufgeladen, uns alle zu sich eingeladen und ein Drei-Gänge-Menü aufgefahren.“

Trotz minus zehn Grad also ein berauschendes Erlebnis. Aber: Wer über fünf Stunden in der Luft ist, der muss doch auch mal ... „Dafür haben wir Plastikbeutel dabei“, sagt Seibold. Deren Einsatz aber sei gar nicht nötig geworden. Vielleicht war’s doch zu kalt?

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