Rems-Murr-Sport Probleme im Ehrenamt: Wie ein Sportverein Lösungen sucht

Symbolbild. Foto: pixabay.com (CC0 Public Domain)

„Irgendwann ist mir das alles über den Kopf gewachsen.“ Ingo Knopp hatte zwar schon mehrere Funktionen innerhalb der Handballabteilung der HSG Winterbach/Weiler inne, der Chefposten aber brachte ihn an seine Grenzen. Das war vor drei Jahren. Die HSG hat darauf Konsequenzen gezogen und einiges geändert. Mit neuer Struktur und zahlreicherem Personal lässt es sich nun leichter arbeiten, auch wenn die Probleme, denen sich eine Abteilung gegenübersieht, immer noch dieselben sind.

Problem 1: Zu viel Arbeit für zu wenige Arbeiter

„Mein Hauptproblem“, sagt Ingo Knopp, „war, dass ich keinen vergleichbaren Ansprechpartner von Weilermer Seite gehabt habe. Deshalb ist alles an mir hängengeblieben.“ Sein Ziel sei es ursprünglich gewesen, „ein gutes Team aufzubauen. Doch das Team bestand nur aus mir und Bernhard Pröschild.“ Der ist zwar – wie so viele Ehrenamtler – ein Schaffer und kümmert sich nicht nur um die Jugend, dennoch blieb weiterhin zu viel an Abteilungsleiter Knopp hängen. „Am Anfang habe ich das noch weggesteckt, aber nach fünf, sechs Jahren war der Akku leer. Ich merke das jetzt immer noch.“

Hat er sich im Stich gelassen gefühlt? Knopp: „Nein, die anderen haben einfach nicht so mitgezogen, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Ihm ging es lediglich wie so vielen, die mit Enthusiasmus an die Aufgabe herangegangen sind, aber von der Fülle der Arbeit, vor allem der Kleinigkeiten, überrascht wurden.

Problem 2: Zu hohe Anforderungen von allen Seiten

Das hohe Arbeitspensum liegt zu einem großen Teil an den immer umfangreicher werdenden Anforderungen. Das größte Problem für Ehrenamtler? Da sind sich die Winterbach/Weilermer Handballfunktionäre einig: „Bürokratie und Gesetzgebung.“ Hygienevorschriften, Datenschutzgrundverordnung, Steuerrecht, Digitalisierung, Jugendschutz, neue Anforderungen der Verbände ...

Knopp: „Die Verbände waren für mich ein rotes Tuch. Die arbeiten Vollzeit, wir ehrenamtlich. Wofür die uns aber mit Strafen belegen – das ist der Wahnsinn.“

Neuestes Beispiel dafür, wie ein Verband ein eingespieltes System in Unordnung bringt: Bisher besetzten zwei Leute den Zeitnehmertisch, die sich in die Materie eingearbeitet haben. Jetzt müssen die beiden einen Kurs belegen oder Schiedsrichter sein. Und älter als 60 dürfen sie ebenfalls nicht sein. Ingo Knopp zu solchen Entscheidungen: „Der gesunde Menschenverstand ist da manchmal außer Kraft gesetzt.“

Dietmar Jung, mittlerweile mit im Boot der Abteilungsleitung, sieht das genauso. „Ehrenamt trifft auf Hauptberufliche, das macht dir das Leben schwer.“ Das gelte auch für die Zusammenarbeit mit der Gemeinde.

Problem 3: Zu hohes Anspruchsdenken

Was die Funktionäre zudem belastet, ist ein hohes Anspruchsdenken vor allem bei den Eltern, nicht weniger aber auch bei den Jugendlichen. Ingo Knopp: „Wenn ich in die Halle gekommen bin, sind gleich welche auf mich zugestürmt: Da gibt’s ein Problem, hier passt etwas nicht ... Ich bin nicht mehr gerne in die Halle gegangen, weil ich nur noch mit Problemen zu tun hatte.“

Zudem würden die Eltern immer fordernder, das soziale Miteinander sei verlorengegangen. „Da sind viel Egoisten unterwegs“, sagt Knopp. Und das spiegle sich in den Kindern wider. „Damit haben wir sehr zu kämpfen“, sagt Roland Leukert, ebenfalls ein Neuer im Team der Abteilungsleitung. „Der Verein ist heute – zusammen mit der Schule – auch Reparaturbetrieb in der Erziehung. Die Kinder bringen einen sehr hohen Anforderungsstandard mit. Da wird vieles als selbstverständlich vorausgesetzt.“

Und das schlechte Vorbild der Fußballer färbe allmählich auch auf den Handballnachwuchs ab.

Die Lösung: Mehr Personen für präziser zugeschnittene Aufgaben

Für Knopp war vor drei Jahren die Grenze erreicht. Die HSG Winterbach/Weiler hatte das Glück, dass sich Dietmar Jung, früher schon für die SV Remshalden im Einsatz, bei der HSG als Trainer einbrachte. Jung veranstaltete als Erstes eine „Marktplatzveranstaltung“.

Den Winterbachern und Weilermern sollte gezeigt werden, was die Abteilung leistet, aber gleichzeitig auch, was sie noch braucht. An vier Stationen wurden Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, digitale Welt und Bewirtung thematisiert. An Flipcharts konnten die – immerhin über 100 - Besucher aufschreiben, was ihnen wichtig ist. Das Resultat waren, so Jung, interessante Ideen und auch neue Mitarbeiter.

Die HSG ist nun breiter aufgestellt. „Führung verändert sich in der Berufswelt und muss sich auch im Ehrenamt verändern“, sagt Jung. Es gibt nun vier Abteilungsleiter mit eingegrenzten Arbeitsbereichen, dazu ein mit mindestens acht Personen umfangreicherer Ausschuss. Hinzu kommen „Arbeitsgemeinschaften“, die zum Teil völlig eigenständig Projekte (beispielsweise Feste) organisieren.

Das macht es für jeden einzelnen Funktionär der HSG leichter als früher, auch wenn die Probleme immer noch dieselben sind. Ingo Knopp aber kann nun eines noch viel intensiver genießen: „Wenn ich die strahlenden Augen der Kinder nach dem Training sehe, dann weiß ich: Genau deswegen machst du das alles.“


Die neue Struktur

Die HSG Winterbach/Weiler hat vier Abteilungsleiter: vom VfL Winterbach Dietmar Jung, zuständig für die Männer, und Ingo Knopp, zuständig für Lizenzen, Verträge und Stundenmeldungen; vom TV Weiler Simone Schweyher, zuständig für die Jugend, und Roland Leukert, zuständig für die Frauen.

Der Ausschuss umfasst neun Personen, inklusive Jugendleiter Bernhard Pröschild und Jugendkoordinator Christoph Strobel. Vorgesehen sind zudem vier Jugendsprecher. Außerdem werden projektbezogen weitere Personen eingeladen.

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