Rems-Murr-Sport Racketlon: Härter als alle anderen Sportarten

Vier verschiedene Schläger, vier Sportarten und doch nur ein Wettkampf. Racketlon, sagt Joachim Gersdorf, ist härter als alle anderen Sportarten. Foto: Privat

Dienstags Squash, donnerstags Tischtennis, freitags Badminton, an den anderen Tagen Tennis und am Wochenende alles auf einmal. Das klingt verrückt, beschreibt aber den Alltag von Joachim Gersdorf. Der Tennislehrer aus Schorndorf ist nämlich im Seniorenbereich einer der weltbesten Racketlon-Spieler.

Nun weiß kaum einer, was Racketlon ist, und Gersdorf selbst ging das bis zum November 2009 genauso. Weil er aber ein neugieriger Mensch ist („Mich interessiert einfach alles, schon morgens um fünf zappe ich im Internet“), fuhr er nach Fürth zur Racketlon-Weltmeisterschaft. Sofort habe er gedacht: „Das ist etwas für mich.“ Zwei Monate später begann er damit.

Vier Schläger, vier Sportarten

Wobei – man kann nicht einfach mal so mit Racketlon beginnen. Racketlon ist nicht eine Sportart, sie umfasst gleich vier verschiedene Sportarten: Tischtennis, Tennis, Badminton und Squash. Und die sind, so Gersdorf, „völlig unterschiedlich, was Technik, Taktik und körperliche Beanspruchung betrifft“. Allen gemein ist lediglich, dass sie mit einem Schläger (Racket) gespielt werden.

Mit Tennis groß geworden

Zwei der Sportarten beherrschte Gersdorf bereits bestens. Mit Tennis ist er groß geworden. Der Schorndorfer ist nicht nur A-Lizenz-Trainer (hat früher sogar mal Laura Siegemund betreut), sondern auch Oberschiedsrichter. Squash spielt er ebenfalls schon seit 30 Jahren, ist B-Lizenz-Trainer. Aber Tischtennis und Badminton waren für ihn völliges Neuland. „Mein erstes Tischtennistraining war eine Katastrophe. Ich habe nichts getroffen“, sagt er.

Gersdorf bestreitet Verbandsspiele in acht Mannschaften

Aber wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er das auch durch. Er ließ sich von SG-Tischtennistrainer Remhard Hasanovic erklären, worauf er beim Gegner und vor allem dessen Schlägerbelag achten muss, und in der SG-Badminton-Abteilung machte er erste – frustrierende – Erfahrungen mit sportlichem Federball. Mittlerweile fällt es ihm leicht, von einer Sportart auf die andere umzustellen. Dabei hilft ihm, dass er in acht Mannschaften Verbandsspiele bestreitet (unter anderem Tennis-Regionalliga bei der TSG Backnang, Squash ebenfalls in Backnang, Tischtennis in Schorndorf und mit dem TSV Schlechtbach ist er gerade erst in die Badminton-Landesliga aufgestiegen.

15 Stunden auf dem Platz

Technik und Taktik jedoch sind das eine, hinzu kommt die körperliche Belastung. „Racketlon“, sagt Gersdorf, „das ist wie drei oder vier Triathlons an einem Tag.“ Das heißt: Bei einem Turnier von Freitag bis Sonntag „hast du acht bis zehn Matches gespielt und bist rund 15 Stunden auf dem Platz gestanden“. Manchmal beginne er morgens um 9 Uhr und spiele um 18 Uhr immer noch.

Ein Spiel bedeutet dabei: Start mit Tischtennis, zwei Minuten warmspielen, ein Satz bis 21 Punkte (zwei Punkte Vorsprung müssen es sein, sonst gibt es Verlängerung). Zwei Minuten Zeit für den Wechsel zum Badminton, zwei Minuten warmspielen, Spiel bis 21. Zwei Minuten Zeit zum Wechsel, zwei zum Warmspielen, Squash bis 21 Punkte, Wechsel zum Tennis, warmspielen und Match bis 21 Siegpunkte.

Zwei Stunden Spiel und ein einziger Fehler kann entscheidend sein

Gersdorf: „So ein Spiel kann über zwei Stunden dauern.“ Der Sieger trifft danach auf den nächsten Gegner. Das besonders Harte am Racketlon, so Gersdorf, sei: „Du musst jeden Punkt 100 Prozent spielen, denn jeder einzelne zählt.“ Erst am Ende wird zusammengerechnet. „Du kannst in drei Sportarten gewinnen und am Ende doch verlieren.“ Weil der eine unbedachte Fehler beim ansonsten klaren Badmintonsieg den entscheidenden Punkt gekostet hat.

Und warum tut man sich das an? Jede Woche vier Sportarten trainieren, dazu Besuche im Fitnessstudio (zweimal in der Woche morgens um sechs), Verbandsrunden, Turniere im In- und Ausland (Helsinki, Porto, Toronto). Muss man dazu nicht ein wenig verrückt sein? Bei der Frage strahlt der Schorndorfer übers ganze Gesicht. „Genau.“ Ihm gehe es zudem nicht in erster Linie um Titel. Wenn in seiner Altersklasse 55+ die Konkurrenz zu schwach ist, trete er lieber bei den Jüngeren an. „Ich will den Kitzel des Matches.“

Freie Wochenenden? Gibt es nicht

Gersdorf liebt das Risiko. Schon mit 26 beendete er deshalb seine Karriere als Koch (unter anderem war er „dritter Küchenchef in einem großen Luxushotel in Zermatt“) und setzte alles auf die Karte Tennistrainer. Der Erfolg gibt ihm recht. Beruf und Hobby haben zwar dazu geführt, dass er das gesamte Jahr über ausgelastet ist, es in den vergangenen Jahren jeweils nur zu einer Woche Urlaub im Jahr gereicht hat und freie Wochenenden ein Begriff aus einem hinterindischen Dialekt zu sein scheinen.

Aber auch zu einer führenden Rolle in der Racketlon-Weltrangliste.


Joachim Gersdorf

  • Geboren 1960 in Karlsruhe, lebt in Schorndorf, hat einen Sohn und eine Tochter.
  • Gelernter Koch, arbeitete acht Jahre als Berufskoch unter anderem einige Jahre in Fünf-Sterne-Hotels in Zermatt.
  • Mit 26 Jahren Tennis- und später Squashtrainer, Start bei TC BW Bühl und TC RW Muggensturm. Von 1997 bis 2011 auch beim TC Schorndorf (allerdings mit unschönem Ende), aktuell bei der TG Plochingen. Außerdem ist er Oberschiedsrichter in Tennis und Squash.
  • Hat als Jugendlicher Handball und Basketball bis zur Oberliga gespielt. Nebenbei auch Hockey, Volleyball und Fußball. „Ich habe mit dem Ball eigentlich alles gemacht.“
  • Erfolge. Die Liste seiner Erfolge bei Senioren-Meisterschaften ist lang. Gersdorf ist in der Altersklasse 55+ unter anderem Weltmeister im Racketlon Einzel, Doppel und Team 2016 (gleichzeitig auch Weltranglistenerster) und Vizeeuropameister in Einzel und Doppel 2017. Im Tennis gewann er die internationale deutsche Meisterschaft (Grad 2) 2015 und 16 sowie Doppel 2017. Hinzu kommen diverse Siege bei internationalen Turnieren.
  • Finanzen. Das Material bekommt er überwiegend von Sponsoren gestellt, die Startgebühren von den Vereinen. Die Reisekosten hält er gering, weil er sehr früh (ein Dreivierteljahr im Voraus) plant. Beispiel: 10 Tage Toronto, vier Tage Turnier, sechs Tage Urlaub, Hin- und Rückflug 520 Euro, Spielerhotel 330 Euro. Alles in allem: 1200 Euro. Bei Inlandsturnieren schläft er oft im Auto.
  • Bewertung
    3