Rems-Murr-Sport Wie Fußballer die Saisonvorbereitung erleben

Vorbereitungstraining bedeutet: Wenig Ballkontakt, viel laufen. Foto: Ralph Steinemann

Am Wochenende nehmen auch die letzten noch fehlenden Fußball-Ligen im Kreis den Spielbetrieb wieder auf. Dann haben die Spieler das Schlimmste hinter sich: das Vorbereitungstraining. Maximilian Grau vom SSV Steinach-Reichenbach beschreibt seine Leiden „in der härtesten Zeit eines Fußballerlebens“.

Das erste Mal nach sechswöchiger Pause drehe ich wieder die ersten Runden auf dem Fußballplatz. Die eiskalte Luft brennt in meiner Lunge. Der Kunstrasenplatz fühlt sich an wie eine harte Steinplatte. Obwohl ich drei Schichten Kleidung trage, ist mir eiskalt. Langsam realisiere ich, dass die Zeit des Chillens zu Ende ist.

Seit der Fußball-Weihnachtsfeier hatte ich gegen keinen Ball mehr getreten und die Zeit ausschließlich mit gemütlicheren Dingen verbracht wie Plätzchen zu essen, Filme zu schauen oder Silvester zu feiern. So gemütlich, ohne Stress und Zeitgefühl, dass ich sogar vergessen hatte, dass meine Fußballschuhe ja kaputtgegangen waren. So musste ich am Tag vor der ersten Einheit noch in aller Eile neue Schuhe kaufen. Dass die nicht perfekt passen und zu Blasen führen werden - ich hätte es wissen müssen.

„Frohes neues Jahr!“ Patti begrüßt mich so zum ersten Training. Wir Spieler haben uns lange nicht gesehen. Dafür werde ich die nächsten Wochen fast jeden Tag mit ihnen verbringen.

„Das ist mein Ende“

Als unsere Trainer Jan (Demmler) und Jochen (Schöllig) uns den Trainingsplan für das erste Training mitteilen, schrecke ich auf: „Am Ende des Trainings hängen wir ein paar Zusatzläufe an, wenn die Zeit noch reicht!“ Ich schaue in die entsetzten Gesichter meiner Mitspieler und sehe in jedem einzelnen: Hoffentlich tut sie das nicht, die Zeit. „Das ist mein Ende“, flüstert Tim mir ins Ohr, „das packe ich nicht!“ Ich nicke und setze mich in Bewegung zum Warmmachen: Wie eine Entenfamilie laufen wir in einer Reihe um den Platz. Mutter der Familie ist unser Kapitän Basti, der an vorderster Position das Tempo vorgibt. Schade nur, dass Basti nicht gerade der langsamste Läufer ist. So kommt es, dass ich schon beim Warmmachen Schnappatmung bekomme. Die kalte Winterluft verschlimmert das Ganze noch.

Dem Warmmachprogramm folgt eine Spielform. „Zwei Mannschaften auf zwei Tore? Jawohl, endlich kicken!“, denke ich. Denn sobald der Ball im Spiel ist, kommt der Spaß. Doch weit gefehlt. Anstatt in zwei Mannschaften werden wir in drei eingeteilt. Während zwei Teams spielen dürfen, muss die dritte Mannschaft laufen. Allerdings keine normalen Läufe, sondern sogenannte „Pyramidenläufe“, die um ein Vielfaches anstrengender sind. Die gestalten wir dann aber doch so moderat, dass wir genügend Kraft für die anschließende Spielform sparen. Wir sind ja immerhin beim Fußball und nicht in der Leichtathletik.

Der Unterarmstütz – verharmlosend und hinterhältig

Der Trick funktioniert aber nicht immer. Zumindest nicht bei einer weiteren Foltermethode unserer Trainer: „Unterarmstütz“ nennt sich die Kraftübung verharmlosend. Dabei ist sie hinterhältig. In der heutigen Einheit müssen wir sogar gleich zwei Durchgänge durchhalten. Mit jeder Sekunde dieser Übung des Schreckens nimmt das Zittern an meinem Körper zu. Ich spüre, wie meine Kraft schwindet. „Mein Bauchmuskel reißt gleich“, jammert André neben mir. „Meiner ist schon durch“, denke ich. Kurz bevor ich das Gefühl habe, zusammenzubrechen, gibt der Trainer das Signal, dass wir absetzen dürfen. Erstaunlich, zu welchen Glücksgefühlen man fähig ist, nur weil sich Muskeln entspannen!

Vorbereitung heißt auch, dass aus den üblichen zwei Trainingstagen mindestens drei werden. Speziell an dieser Vorbereitung ist nun, dass auch noch ein Training in der Halle hinzukommt. Wie außergewöhnlich das ist, merke ich, als Mergim mich fragt: „Kennst du die Adresse der Halle?“

Das erste Hallentraining habe ich verpasst - ich war im Skiurlaub, Skifahren hat ja auch mit Sport zu tun. Jetzt freue ich mich auf das zweite Vorbereitungs-Wochenende ganz besonders: Hallentraining bedeutet nämlich 120 Minuten pausenloses Fußballspielen. Allerdings gibt’s beim Fußball auch einen Teil, der mir gar nicht gefallen will: Verlieren. Meine Mannschaft ist chancenlos. Wir wissen aber ganz genau, warum: „Halle ist zu anstrengend“, motzt Tim, „ungewohnter Bodenbelag“, ergänzt Felix und ich erinnere daran, dass wir bei unseren Abschlüssen „nur Aluminium-Pech“ gehabt haben.

Warum tue ich mir das nur an?

Jetzt sind fünf harte Wochen vorbei. Ich fühle mich erschöpft, aber irgendwie auch deutlich fitter. Die Quälerei hat wohl doch was gebracht. Trotzdem frage ich mich: Warum nur tue ich mir das zweimal im Jahr an?

Die Antwort ist im Grunde ganz einfach: Der Spaß am Fußballspielen und das Zusammensein mit den Mannschaftskumpels ist durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Und wenn dann auch noch die Ergebnisse in den Punktspielen stimmen, ist sogar der Unterarmstütz schnell vergessen.


SSV Steinach

Der SSV Steinach-Reichenbach führt die Tabelle der Kreisliga A I mit fünf Punkten Vorsprung an. Am Sonntag erwartet er den Zweitplatzierten, den TSV Schwaikheim II.

Maximilian Grau (22) spielte bis zur D-Jugend beim SSV, wechselte dann zur TSG Backnang (unter anderem B-Jugend-Oberliga). Seit 2015 ist er zurück beim SSV. Der Mittelfeldspieler hat in dieser Saison verletzungsbedingt nur elf der 16 Ligaspiele bestritten und dabei einen Treffer erzielt.

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