Remsbahn zwischen Gmünd und Schorndorf Reportage: Eine morgendliche Pendlertour mit dem Ersatzbus

Unterwegs in der Twilight Zone, im Morgendämmer: Der „SEV“, der Schienenersatzverkehr, bekannt auch unterm Namen „Bus“. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf. Verzögerungen? Ja. Chaos? Nein. Seit Donnerstagmorgen fahren wegen Bahn-Bauarbeiten bei Plüderhausen keine Züge zwischen Gmünd und Schorndorf, stattdessen pendeln Ersatzbusse – in einem wird ein Kindheitstraum wahr ...

Hoppla, das könnte ja schlimmer sein: Punkt 7 Uhr sollen die Ersatzbusse in Gmünd abfahren, zehn Minuten vor der Zeit stehen sie schon bereit, die per Zug aus Aalen kommende Kundschaft steigt Richtung Stuttgart ein, jeder findet einen Sitzplatz. Ein junger Mann – er muss zum Flughafen – klappt ein Buch auf: Cody McFadyen, „Ausgelöscht“, ein Serientäter-Reißer. Auf dem Sitz daneben: ein Aalener, unterwegs zum Job in die Landeshauptstadt, ein leidgestählter Pendel-Routinier. Früher, wenn wegen Bauarbeiten Ersatzverkehr eingerichtet werden musste, war die Organisation oft „neben der Kappe“, erzählt der Aalener. Man stand „in den Gängen, Rucksack an Rucksack“. Heute aber: „Es entwickelt sich ganz gut.“

In Lorch steigt eine Frau zu. Allmorgendlich stellt sie dort ihr Auto auf den Park&Ride-Platz und nimmt den Zug gen Stuttgart. Sie kommt aus Wäschenbeuren. Dass an diesem Donnerstag nur Busse verkehren, hat sie vorab gar nicht mitgekriegt, es gab morgens in Lorch dazu auch „keine Informationen am Bahnsteig“. Aber Pendler wissen Schicksalsgemeinschaften zu schmieden: Ruck, zuck bildete sich „ein Rudel“, gemeinsam fanden sie den Weg zur Ersatzbus-Haltestelle.

Verschmähte Liebe: Welcher Pendler kennt das nicht?

Alle Zugpendler teilen einen Herzschmerz: Sie sind unglücklich verliebt. Fühlen sich der Bahn nahe. Und müssen immer wieder erleben, dass ihre Gefühle nur halbherzig erwidert werden. „Man kämpft fürs Klima, aber es funktioniert nicht“, sagt die Wäschenbeurerin. Jede und jeder hier im Bus hat eine Geschichte zu Go-Ahead auf der Pfanne. Der Aalener zum Beispiel fuhr neulich in Stuttgart ein, der Zug war „brechend voll“ – als die Leute aussteigen wollten, „ging die Tür nicht auf“.

„Wenn die Politik möchte“, dass mehr Leute den Pkw stehen lassen, muss sie mehr Geld in den ÖPNV stecken, findet die Wäschenbeurerin. „Meine Mutter war in Prag, da dürfen alle ab 70 umsonst fahren“, die Jüngeren zahlen „einen Spottpreis. Die denken gar nicht dran, das Auto zu nehmen.“ Aber wir wollen nicht nur klagen. Neulich hat der Expressbus von Göppingen ins Remstal den Betrieb aufgenommen. Wer diese Linie nutzt, kommt in zwölf Minuten von Wäschenbeuren nach Lorch. „Toll!“ Den X 93 will die Frau demnächst testen.

Der tägliche Morgenstau

Und der Aalener sagt, es sei immer wieder „faszinierend“, bei Rommelshausen vom Zug aus auf die Bundesstraße nach Stuttgart zu blicken: Ein täglicher Morgenstau – und in jedem Auto sitzt genau eine Person! „Irrsinn eigentlich.“

Der Bus tingelt derweil über Land, er meidet die B 29. Ab Plüderhausen ist er übervoll, etwa zehn Leute stehen. Nun ja, im Go-Ahead wär’s auch nicht anders. Die Fahrt verläuft entspannt, nicht mal der McFadyen-Thriller wühlt auf: Dem jungen Mann sind beim Lesen die Augenlider erst auf halbmast gesunken und dann vollends zugeklappt. Gegen 7.50 Uhr kommt der Bus in Schorndorf an. Mit den S-Bahnen gibt es Probleme wegen eines Polizeieinsatzes – höhere Gewalt. Aber der Go-Ahead gen Stuttgart, Abfahrt 8.14 Uhr, steht bereit.

Fazit: 50 Minuten von Gmünd bis Schorndorf; 24 Minuten Wartezeit; weitere 20 Minuten bis Stuttgart Hauptbahnhof. Macht gut anderthalb Stunden. Überschallgeschwindigkeit ist das nicht. Aber ...

Autofahrer, unterwegs von Gmünd nach Stuttgart, hingen an diesem Morgen allein zwischen Lorch und Plüderhausen bis zu 40 Minuten fest – dort werden derzeit die Mittelleitplanken erneuert, weshalb die Passage nur einspurig passierbar ist. Und der Stau vorm Kappelbergtunnel griff zeitweise fast bis Endersbach aus: der ganz normale Automobilismus-Wahnsinn.

Einer freut sich ganz besonders

Das Beste aber: Ersatzbusverkehr macht glücklich! Mathias Hetzinger ist der Beweis: Er lebt an diesem Morgen mal wieder seinen „Kindheitstraum“.

Einst wollte Hetzinger Busfahrer werden – es kam anders: Heute arbeitet er im Büro einer Spedition. „Nebenher“ aber hat er dann doch noch den Busführerschein gemacht und springt, „soweit es die Zeit erlaubt“, ein, wenn Not am Mann ist. Und so schickt er an diesem Schorndorfer Herbstmorgen die Aussteigenden mit einem strahlend freundlichen Lächeln auf ihre weitere Reise.

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