Remshalden Gegen die Wegwerf-Gesellschaft

Anja Jesinger schraubt in ihrer Wohnküche einen uralten Laptop auf: „Der tut noch einwandfrei.“ Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Remshalden.
Es ist ein ziemlich dickes Ding, das Anja Jesinger da auf den Küchentisch stellt. „Der ist mörderalt“, sagt sie. Und dann stellt sie noch so ein Trumm daneben, das zwar wie das erste Gerät vom Design klar als Laptop zu erkennen ist, in das vom Format her aber zwei der Modelle, wie sie heute in den Läden stehen, reinpassen würden. „Das hier ist mein treuester“, sagt sie. „Den habe ich mir vor 20 oder 21 Jahren rausgelassen.“ Das Gehäuse vor der Tastatur ist völlig abgegriffen. Aber: „Der tut noch einwandfrei.“

Während es heute ganz allgemein völlig üblich geworden ist, Geräte wie Fernseher, Computer oder Handys nach wenigen Jahren – oder sogar Monaten – zu entsorgen und sich neue zu kaufen, entzieht sich die 56-jährige Remshaldenerin diesem immer schneller werdenden Kreislauf aus Konsum und Entsorgung. Und sie tut es derart konsequent, dass man sich in ihrem Haus stellenweise vorkommt wie in einem Museum.

„Ich wohne in den Möbeln meiner Urgroßeltern“

Das ehemalige Bauernhaus, in dem Anja Jesinger seit 2006 im Remshaldener Ortsteil Geradstetten lebt, ist in Teilen 400 Jahre alt. „Jeder andere hätte es abgerissen“, sagt sie. Die Einrichtung ist ein echtes Sammelsurium verschiedener Stücke und widerspricht allen glattgebügelten Einrichtungskatalog-Standards. Die Wohnküche, in der sie Gäste empfängt, ist in ihrer bunten Unaufgeräumtheit urgemütlich.

„Ich wohne in den Möbeln meiner Urgroßeltern“, sagt Anja Jesinger. So robuste Stücke, die finde man heute gar nicht mehr, meint sie. Und wenn doch mal was kaputtgeht – dann repariert sie es eben. Egal ob es eine Schublade, eine Waschmaschine, ihr Auto oder ein Handy ist. Sie zeigt ihr iPhone, das sie völlig zerstört von einer Freundin übernommen hat. Für 20 Euro kaufte sie einen neuen Bildschirm, für 1,21 Euro einen speziellen Schraubenzieher – und jetzt sieht das Gerät aus wie neu.

Es geht ihr dabei nicht ums Geld, betont Anja Jesinger. „Ich finde es einfach wichtig, Ressourcen zu schonen.“ Sie denke zum Beispiel bei den Handys an all die seltenen Erden, das „Blut, den Schweiß und die Tränen“, die hinter der Gewinnung dieser Rohstoffe stecken. Das Recycling sei sehr schwierig.

"Ich komme aus einer Familie von Tüftlern"

Die Tüftelei liegt Anja Jesinger im Blut. „Ich komme aus einer Familie von Tüftlern“, sagt sie. Schon ihr Großvater war technikbegeistert. Ihr Vater war Ingenieur und hatte mehrere Patente aus dem Automobilbereich inne. Beide, Großvater und Vater, hätten ihre eigenen Tüftelversuche gefördert und unterstützt. „Wenn ich was machen wollte oder eine Idee hatte, hat mein Vater gesagt: Komm, wir gehen in den Keller.“ Ihren eigenen Töchtern, beide mittlerweile erwachsen und mit eigenen Haushalten, hat Anja Jesinger das handwerkliche Geschick und das Interesse am Tüfteln ebenfalls weitergegeben. Auch sie seien sehr nachhaltig unterwegs, darauf sei sie sehr stolz.

Beruflich hat Anja Jesinger schon viele Dinge gemacht, gelernt hat sie Weberin und Textilgestaltung, sie hat als Regieassistentin am Theater gearbeitet und zuletzt als Bürokauffrau. Derzeit sei sie „arbeitssuchend“, sagt sie. Sie war aber zum Beispiel auch schon mal Testfahrerin für Daimler. Deswegen weiß sie durchaus, wie es ist, in einer teuren Luxuskarre unterwegs zu sein. „So eine AMG S-Klasse mit 600 PS – das ist schon etwas, das Freude macht“, sagt sie. Aber die Frage sei eben: „Ist das was, was ich jeden Tag brauche?“ Ihre Antwort: „Ich denke nicht, dass das irgendein Mensch im Alltag braucht.“

Bei einem Verbrauch von zehn Litern auf 100 Kilometer und drei Tonnen Material für den Bau ist das für sie einfach eine gigantische Ressourcenwucherei. Und dann die Abwrackprämie: „Da werden ganz viele Autos, die noch gut sind, weggeworfen und dafür neue produziert.“ Sie selbst fährt einen 24 Jahre alten Ford Fiesta, den sie nur benutzt, wenn sie ihn wirklich braucht. Und den sie natürlich selbst repariert.

Woher kann sie das? „Dank Internet“, sagt sie. Sie schaut sich Videos auf Youtube an, in denen Profis erklären, wie etwas gemacht wird, wie zum Beispiel eine Benzinpumpe im Auto gewechselt wird. Ihr Tipp außerdem: „Man muss sich immer gute Verbündete suchen.“ Sie versucht, sich immer bei denen Hilfe zu holen, die wissen, wie etwas geht. Damit stoße man bei den meisten auch auf offene Ohren.

Idee eines Repair-Cafés als Hilfe zur Selbsthilfe

Dieses Anzapfen des Wissens anderer ist auch das Konzept der sogenannten Repair- Cafés, wie es zum Beispiel eines in Winterbach gibt. Dort treffen sich regelmäßig Menschen, um Dinge zu reparieren. Jeder kann dort mit einem kaputten Fahrrad oder Gerät hin und sich von Leuten helfen lassen, die handwerklich geschickt oder Fachleute auf bestimmten Gebieten sind. Anja Jesinger würde auch in Remshalden gerne so ein Repair-Café ins Leben rufen. Als sie deswegen mal um Unterstützung bei der Gemeinde angefragt habe, sei sie aber abgeblitzt. Sie will demnächst noch mal einen Anlauf nehmen. Insbesondere gehe es darum, einen Raum dafür zu bekommen.

Mit Genugtuung und Freude stellt Anja Jesinger fest, dass das, was sie schon seit Jahrzehnten praktiziert, nun immer mehr Menschen beschäftigt, dass es bei vielen inzwischen ein Bewusstsein über die Auswirkungen ungezügelten Konsums gibt. Klimawandel, die Verschmutzung der Meere, all das ist präsent in der öffentlichen Wahrnehmung.

Die Konsequenz müsse ja gar nicht sein, meint Anja Jesinger, dass alle ihren Lebensstil um 180 Grad umstellen, aber wenn jeder ein bisschen etwas an seinem Verhalten ändere, dann sei schon viel geholfen. „Ich kann auch nicht alles zu 100 Prozent umsetzen, was gut wäre.“ Sie rauche, sie kaufe auch mal in Plastik eingepackte Sachen, weil es eben nicht anders gehe. „Aber jeder Schritt in die richtige Richtung hilft. Ich hänge mich nicht an der Tatsache auf, dass ich nicht perfekt sein kann.“ Sie versuche, im Kleinen etwas zu verändern. Nicht weil sie sich gut fühlen wolle. Sondern weil es eine schlichte Notwendigkeit sei, wenn die Welt nicht vor die Hunde gehen solle.

Früher habe man Leute wie sie als „Müslifresser“ oder mit ähnlichen Begriffen beschimpft. Dabei seien die Folgen unseres Lebensstils schon seit Jahrzehnten bekannt. Niemand könne sagen: Das hat uns keiner gesagt. Doch auch heute reagieren viele aggressiv auf Menschen wie Anja Jesinger. „Getroffene Hunde bellen“, meint sie dazu. Manche könne man wohl nie überzeugen, egal wie viele Beweise man ihnen für den menschengemachten Klimawandel vorlege. Wenn die Menschheit irgendwann untergehe, dann durch eigene Blödheit. „Und dann hat sie es auch verdient.“

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